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Berlin Immer Prost

Der hochverschuldete Kickerklub Hertha BSC will sich wieder sanieren -- mit Gewinnen aus einer Boden-Spekulation.
• aus DER SPIEGEL 2/1973
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einst, als ein Vor wirklich noch ein Tor war, jubelten die Fans von Hertha BSC: »Ha-ho-he, Hertha ist okay!« Doch dann, als der Bundesligaskandal die West-Berliner Bolzen-Riege so ziemlich komplett dahingerafft hatte, jammerten sie: »Ha-ho-he, die Bettler von der Spree!«

inzwischen steht das Sportwahrzeichen des Stadtstaats mit sechs Millionen Mark in der Kreide. Nur durch den Verkauf des Hertha-Stadions im Wedding so glauben die Klub-Oberen -- können sie ihren Verein noch vor dem Bankrott bewahren. Hertha müßte dann auf anderen Plätzen gastieren.

Wie die Kicker, die ungerechtfertigter Nebenverdienst vors Fußballgericht brachte, sind nun auch die Fußballverwalter auf Zugewinn aus -- mit einer Boden-Spekulation. wie sie sonst nur bei Immobilien-Profis gang und gäbe ist. Der West-Berliner Senat soll dabei mitspielen.

Um den vollen Schuldenbetrag von sechs Millionen und vielleicht auch noch etwas mehr hei dem Stadion-Handel herauszuholen, drängt Hertha seine Fußballfreunde. das relativ preiswerte Sportgelände als relativ teures Bauland auszuweisen -- und als Bauland haben sie es denn auch schon verkauft, heimlich.

Zu einem Zeitpunkt, da in Berliner Zeitungen Hertha-Enttäuschte »das Kotzen« über ihren Stammklub bekundeten, wurde Hertha-Vize Winfried Tromp mit einem Partner handelseinig, dessen Name geheim blieb: die Münchner Optima Anlage- und Beteiligungs GmbH, die bislang in West-Berlin 180 Millionen Mark verbaut hat.

»Noch vor Weihnachten« so Optima-Geschäftsführer Dr. Wolfgang Laub, wurde der Vertrag zu einem »flexiblen Preis und mit Rücktrittsrecht für beide Vertragspartner unterzeichnet«. Bedingung der Käufer war, daß das Gelände, im Flächennutzungsplan als Sportgebiet ausgewiesen, zu Bauland »umgewidmet« werden müsse.

Der Preis, der sich nach der genehmigten Stockwerk- beziehungsweise Geschoßflächenzahl für die projektierten 400 bis 500 Sozialwohnungen richtet, dürfte zwischen 250 und 300 Mark pro Quadratmeter, insgesamt also bei mehr als sechs Millionen Mark für das 22 000 Quadratmeter große Gelände, liegen. Tromp: »Ein so verschuldeter Klub kann es sich einfach nicht leisten, auf goldenem Grund und Boden Fußball zu spielen.«

Wohl um die Reaktion von Öffentlichkeit und Behörden erst einmal zu testen, ließ Hertha-Vorsitzender Heinz Warneke bislang nur verlauten, daß ein entsprechendes Angebot vorliegt. Warneke: »Am 9. Januar finden einige interne Sitzungen statt, bei denen die Situation möglicherweise geklärt wird. Am 9. Januar tagt zum ersten Male in diesem Jahr der Berliner Senat.

Klärung tut in der Tat not, denn mit sechs Millionen Mark Schulden hat Hertha den höchsten Bundesliga-Ausstand aufzuweisen. Und der Bundesliga-Verein muß gar um seine Lizenz fürchten -- von den Spielermanipulationen gebeutelt, von alten Vorständen heruntergewirtschaftet. Bei Anhängern im Schöneberger Senat grassiert deshalb schon einige Zeit das Hertha-Fieber, als ob zweiundzwanzig Kickerstiefel die Freie Stadt zu garantieren hätten.

Im Frühjahr 1972 bereits hatte der Senat für einen 2,2-Millionen-Kredit die Deckung übernommen. Die alten Vorstandsherren unter Schultheiss-Brauer Gerhard Bautz ("Prost unterbricht immer") mußten ihre Hertha-Jobs aufgeben. Bürgschaftsbedingung nämlich war »ein Hertha-Vorstand nach Senatsarr ("FAZ") unter Vorsitz des tüchtigen Warneke, einst Balltreter für Werder Bremen.

Um den schwindsüchtigen Kickerklub zu sanieren, hielten die Rathausherren es sogar für akzeptabel, das Hertha-Gelände für zwei Millionen Mark zu übernehmen -- nicht nur einer »Bürgerinitiative Wedding e. V. schien das ein »teures Weihnachtsgeschenk für einen Pleiteverein«. Freilich, wären Hertha und der Senat handelseinig geworden, hätte der Sportplatz im tristen Mietskasernen-Quartier am S-Bahnhof Gesundbrunnen (Kiez-Jargon: »Plumpe") als Ertüchtigungszentrum für die Bürger benutzt werden können.

Doch zu dieser Zeit ging es den Herthanern bereits um mehr. Um die SPD-Genossen nicht zu vergraulen, die das wachsende Geschäftsvolumen einheimischer Baulöwen manchmal stört, suchten sie sich in München ihren Partner für die totale Sanierung.

Sollte die Boden-Spekulation aufgehen, so wäre dies der bislang trickreichste Hertha-Finanzstreich. Laut Optima-Optimist Laub hat Hertha versichert, »daß eine Umwidmung des Geländes« in Bauland möglich sei.

Doch obgleich Bausenator Dr. Klaus Riebschläger »gegen eine Umwidmung grundsätzlich nichts einzuwenden« bat. regt sich bereits Widerstand im Senatsamt für Familie, Jugend und Sport wie im überrumpelten Bezirksamt Wedding, das letztlich das Plazet zu geben hätte.

Peter Sötje, Weddinger Stadtrat für Jugend und Sport, protestiert: »Hier wird versucht, das Problem eines Vereins auf Kosten der Allgemeinheit zu lösen.«

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