JAPAN / UNIVERSITÄTEN Immer schlechter
Studenten der Tokioter Nihon-Universität nehmen in die Vorlesungen Ferngläser mit. Denn die Auditorien sind so groß, daß die weiter hinten Sitzenden nur mit dieser optischen Hilfe erspähen können, was ihr Professor an die Tafel schreibt.
Die Verhältnisse an der Nihon-Universität sind kein Einzelfall: Während Japans Industrie die kleinsten Computer, die größten Schiffe und die schnellsten Züge der Welt baut, zählen Japans Hochschulen zu den rückständigsten aller Industrienationen.
Im asiatischen Wirtschaftswunderland sind die Hörsäle überfüllt, besteht ein katastrophaler Mangel an Hochschullehrern.
An Japans Universitäten muß ein Hochschullehrer durchschnittlich 18 Studenten unterrichten; in Deutschland entfallen auf eine wissenschaftliche Lehrkraft acht Lernende.
Die staatlichen Hochschulen können nur einen Bruchteil der Studienbewerber aufnehmen: An der renommierten Universität Tokio (Todai) etwa bewerben sich regelmäßig 20 000 junge Japaner um einen Studienplatz, aber nur 3060 werden immatrikuliert.
Wer einen Studienplatz ergattert, wird nach Lehrplänen ausgebildet, die hoffnungslos veraltet sind. Seit Jahrzehnten werden die Bildungsinhalte nach den traditionellen Methoden vermittelt. Die Juristen beispielsweise büffeln noch die Rechtsprechung der Meiji-Zeit aus dem 19. Jahrhundert, obschon das japanische Gesetzesrecht längst vom amerikanischen Fallrecht verändert wurde.
Folge: An Japans Hochschulen wird die Ausbildung, so ein OECD-Bericht, »immer schlechter«. Viele japanische Firmen haben eigene Forschungsinstitute eingerichtet, an denen sie ihre Jung-Akademiker ausbilden.
Rund zwei Milliarden Mark gab Japans Regierung 1970 für die Hochschulen aus; damit müssen 1,6 Millionen Studenten unterrichtet werden. (Die Bundesrepublik -- 456 000 Studenten -- wendete 1967 4,1 Milliarden Mark für ihre Hochschulen auf.)
Das wenige Geld fließt zudem noch nach einem einseitigen Verteilungsschlüssel hauptsächlich den staatlichen Elite-Universitäten zu. Die beiden Kader-Unis Tokio und Kioto, an denen viele Spitzenmanager und Regierungsmitglieder studiert haben, erhalten 30 Prozent der an die Staatsuniversitäten gezahlten Gelder, bilden jedoch nur rund 35 000 Studenten aus.
Insgesamt finden an den 173 staatlichen Hochschulen nur gut 20 Prozent der Studenten Platz. Immer mehr Japaner drängen daher an private Universitäten, von denen es in Japan 688 gibt, davon allein in Tokio 192 (neben 20 Staats-Unis).
Diese privaten Bildungsstätten erhalten insgesamt nur 200 Millionen Mark Zuschüsse vom Staat. Zum überwiegenden Teil werden sie durch Spenden der Industrie und der Kirchen und -- zu 47 Prozent -- durch Studiengebühren finanziert: Die meisten Privat-Universitäten sind von alters her Schulen der Reichen und Adligen. Sie verlangen auch heute noch von ihren Studenten über tausend Mark Studiengebühr im Jahr, die Hochschule für Zahnmedizin »Nihon Shika Daigaku« fordert sogar 10 000 Mark Studiengebühren im Jahr.
Dennoch expandierten auch manche der Privatinstitute inzwischen zu Mammut-Unternehmen. So sind an der Tokioter Nihon Daigaku 85 000 Studiker eingeschrieben.
Und an den renommiertesten Privat-Universitäten wie der Waseda- oder der Gakshnin-Universität (wo Abkömmlinge der Kaiser-Familie studieren) ist der Andrang der Studenten fast so groß wie an den staatlichen Bildungsstätten. Schmiergelder öffnen die Tür: 5000 bis 50 000 Mark (je nach Renommee der Hochschule) für einen angehenden Mediziner, 1000 Mark für einen zukünftigen stud. phil.
Die Studenten kämpften vergebens gegen das anachronistische Hochschulsystem. Als sie 1969 auf die Straßen gingen, annullierten mehrere Firmen Anstellungsverträge mit vermeintlichen Protest-Anführern. In aller Offenheit empfahl der japanische Arbeitgeberverband »Nikkeiren«, keine aufsässigen Studentenführer einzustellen.
Die Regierung steckte obendrein zahlreiche Studentenführer in die Gefängnisse und reagierte mit einem Law-and-Order-Gesetz:Es gestattet dem Staat, Polizei auf den Campus zu schicken, Aufnahmeprüfungen und Examina auszusetzen oder sogar die Universitäten ganz zu schließen.
Gesetzesentwürfe, die das Hochschulsystem reformieren würden. brachte die Regierung des Ministerpräsidenten Eisaku Sato (Absolvent der berühmten Todai) bislang nicht ein. Denn Japan, so versicherte Finanzminister Takeo Fukuda, habe das »höchste Bildungsniveau der Welt«.