Rocker Immer Sieger sein
Zwei Dutzend machten Bambule, zwei Millionen schreckten auf: Hamburg hat seine Rocker wieder, die vor lauter Baader-Meinhof fast vergessen waren.
An einem einzigen Wochenende schlugen Schlägertrupps in der »Stresemann-Klause« auf St. Pauli, in der Diskothek »Cleopatra« im Stadtteil Rahlstedt und anderswo auf den Putz. Neun Personen wurden, zum Teil schwer, verletzt. Unter den Blessierten ein 15jähriger und sein Vater, der ihm beistehen wollte, und ein Postbeamter. der bei der Prügelei ein Auge verlor.
Die Bürger registrierten eine »Welle der brutalen Übergriffe« ("Hamburger Abendblatt"), die Zeitungen machten Bilanz: »Das war der Rocker-Terror in einem Monat« ("Bild").
Bilanz: Massenschlägerei zwischen Rockern und Anhängern der Hare Krishna-Sekte; Sturm auf eine Gaststätte in Winterhude, ein Schwerverletzter; Prügelei in einem Lokal in Billstedt, zwei Personen krankenhausreif; Überfall auf eine Kneipe in Rahlstedt, sieben Verletzte; Angriff auf eine Rahlstedter Diskothek, ein 18jähriger Gast stirbt am selben Tag im Krankenhaus.
Die Polizei sieht sich einem »neuen Typ« konfrontiert: älter, skrupelloser, brutaler, aggressiver. Seit Leberrisse und Schädelfrakturen, Hodenquetschungen und Nasenbeinbrüche häufiger werden, wenn Rocker hinlangen, seit es sogar Tote gibt, stehen die Lederjacken, früher eher Halbstarke, im Ruch von »Schwerverbrechern« (Polizeioberrat Günter Schilasky).
Die Großbanden der sechziger Jahre mit bis zu 150 Anhängern haben sich aufgelöst, die meisten Feierabend-Rocker sind abgesprungen. Übrig blieb »der harte Kern« (Schilasky), der »nicht mehr wie früher von den Mitläufern gebremst« wird -- in Hamburg zur Zeit ein starkes Bataillon: etwa 1000 Mann.
Ein Teil der »Profis«, so »Rocker-Pastor« Wolfgang Weißbach aus Hamburg-Horn, ist freilich zeitweise außer Gefecht. Weißbach, der den Schlägern jeden Mittwoch im Gemeindesaal eine Diskothek öffnet: »Von den Profis sitzen sehr, sehr viele im Knast.«
Der kriminelle Rest reicht indessen hin, die Hanseaten immer aufs neue zu schockieren. So schlugen und traten zwei Rocker im August vorigen Jahres den Kaufmann Gerhard Sadau inmitten von etwa 40 Zuschauern so lange, bis er regungslos liegenblieb. Sadau, der einen Schüler und dessen Freundin vor den betrunkenen Schlägern beim Billstedter Einkaufszentrum schützen wollte, starb Stunden später im Krankenhaus.
Die Polizei, die vor etwa zwei Jahren noch glaubte, das Rocker-Problem »hinwegdefinieren« (Schilasky) zu können, hat inzwischen Verstärkung herangeholt. Zur zuständigen Jugenddienststelle der Kripo, die im Sommer 1971 mit nur vier Mann besetzt war, wurden schon im August acht neue Beamte abkommandiert. Nach dem vorläufig letzten Prügel-Wochenende vervielfachte die Polizei in den Rocker-Revieren die Funkstreifen, und erstmals gingen nächtens wieder Doppelstreifen auf Patrouille.
Nur noch selten allerdings können die Streifen Rocker auf Anhieb ausmachen: Mit der inneren Wandlung hat sich auch das äußere Bild verändert. Die Fahrradketten schwingenden Horden sind rar geworden, die »Trachtengruppen in Leder« (Weißbach) sind pass& In Schwarz-Nappa, behängt mit Hakenkreuzen und Kriegsorden, laufen nur noch jene herum, die »einen festen Vertrag mit dem Fernsehen haben«. spottet Jugenddienststellen-Chef Hans-Jürgen Wolter.
Den neuen Rocker-Typ erkennt Fachmann Weißbach ("Ich weiß, wo ich Rocker suchen müßte") am ehesten so: Die Typen »sprechen ihren eigenen Jargon«, »befleißigen sich eines breitbeinig wiegenden Ganges« und treffen sich an immer denselben Orten.
Sie werden nur in Gruppen aktiv (Kommissar Wolter: »Den einzelnen kann man überall eingliedern, aber sowie sie in Gruppen sind, ist es aus") und greifen nur in der Überzahl an -- schon kleineren Polizei-Einheiten weichen sie aus.
Rocker suchen den schwächeren Gegner, denn: »Sie müssen immer Sieger sein« (Schilasky). Sie pressen Schulkindern Pfennigbeträge, Einzelpersonen Zigarettengeld ab ("Betteln mit Gewalt"). Sie locken Homosexuelle auf den Leim und rauben sie aus ("Schwule ticken").
Pastor Weißbach, einer der wenigen Rocker-Betreuer in der Hansestadt, weiß, warum Rocker um sich schlagen -- weil »man sie immer wieder an den bürgerlichen Barrieren scheitern läßt«, weil »niemand sie haben will, jeder jagt sie weg«.
Die Polizei sieht indessen weniger den sozialen Hintergrund als die Gefahr für den Bürger, und die ist größer geworden: Neuerdings greifen Rocker auch zur Pistole. Geschossen haben sie auch schon, so Kommissar Wolter: »Nur noch keinen getroffen.«