ARABER Immer Thaura
Hundert Millionen Araber schauen zu«, rief letzte Woche verzweifelt ein palästinensischer Guerilla-Sprecher über Radio Damaskus aus, »was tut ihr für uns? Wartet ihr auf das Ende der Revolution?«
Fast schien es so. Vergebens hofften die Guerillas auf die Unterstützung der Iraker. die ihnen zuvor lautstark militärischen Beistand zugesagt hatten. Vergebens warteten sie auf die Hilfe Gamal Abd el-Nassers, der die Fedajin einst als »Vorhut der arabischen Revolution« gepriesen hatte: Im Artillerie- und Maschinengewehrfeuer von Husseins Beduinen-Soldaten drohte die arabische Revolution der Palästinenser unterzugehen.
Nicht nur den Kampf gegen Israel, sondern auch den »Kampf gegen die reaktionären Regime« in der arabischen Welt hat Guerilla-Führer Georges Habasch auf seine Fahnen geschrieben. Als den »Beginn einer Massenbewegung«, an deren Ende eine revolutionäre Umwälzung in allen arabischen Ländern stehen sollte, versteht Jassir Arafat seine Fatah.
Als es aber zum Kampf gegen Jordaniens Hussein kam, fanden die Guerillas nur bei Syriens Baath-Regime Hilfe, das seine Panzer gegen den in Damaskus als reaktionär verschrienen Hussein ins Gefecht schickte.
Zum erstenmal in der neueren Geschichte fochten damit reguläre Truppen arabischer Staaten gegeneinander, zum erstenmal auch schienen politische und ideologische Gegensätze unter Arabern in einem großen Krieg ausgeschossen zu werden.
Diese Gegensätze prägen allen verbalen Einheitsschwüren zum Trotz seit Jahrzehnten die arabische Welt: »Progressive« wie Ägyptens Nasser kämpften gegen »Konservative« wie Saudi-Arabiens Feisal, die radikalen Baath-Sozialisten in Bagdad befehden gemäßigte Reformer wie Tunesiens Burgiba, die Baath-Brüder in Bagdad und Damaskus werfen sich gegenseitig Verrat am »arabischen Sozialismus« vor.
Jahrhundertelang hatten sich die Völker des Nahen Ostens und Nordafrikas kaum fortentwickelt. Von den Türken beherrscht und In eine vom Islam geprägte, fest gefügte Ordnung eingeschnürt, waren sie seit dem Ausgang des Mittelalters eine Quantité négligeable der Weltgeschichte.
Erst die »Berührung mit dem Westen«, so analysiert der arabische Politologe Nusseibeh, »brachte die moderne Wiedererweckung der arabisch sprechenden Welt nach vielen Jahrhunderten der Stagnation«.
Die Wiedererweckung konnte nicht reibungslos verlaufen, sie brachte zwangsläufig einen »tumultuösen Umsturz vieler Traditionen und überlieferter Werte« (so der Araber-Spezialist Arnold Hottinger), sprengte »das Gefüge ererbter Lebensformen, Anschauungen, Grundsätze und sittlicher Selbstverständlichkeiten« (so der Publizist Heinrich L. Kaster).
»El-Thaura«, die Revolution, nennen daher die Araber die gegenwärtige Epoche des Umbruchs, in der sie binnen weniger Jahrzehnte nachholen wollen, was Europa in Jahrhunderten an Veränderungen bewältigte.
»El-Thaura« soll sie zurückführen zu einstiger Größe und Macht, soll dem arabisch-islamischen Erbe neuen Glanz verleihen, soll nach der Unterdrückung durch Türken und Europäer dem Arabertum wieder »Karame« verleihen -- Ehre.
»Wir sind Araber, wir sind Araber, wir sind Araber«, schrie 1962 Algeriens damaliger Staatschef Ben Bella bei einem Besuch in Kairo ekstatisch in die Menge.
50 Böllerschüsse aus den Reduits der Zitadelle von Kairo sollten am 22. März 1945 eine neue Ära der Araber einleiten.
Vertreter von sieben arabischen Nationen, darunter der Syriens und Transjordaniens, unterzeichneten damals in Kairo feierlich den »Pakt der Liga der arabischen Staaten«. Das Abkommen, so verkündete der ägyptische Ministerpräsident el-Nukraschi Pascha, sei das »Instrument der arabischen Einheit«, sei die »Erfüllung eines jahrhundertealten Traums der arabischen Völker«.
Der Traum von der Einheit wurde bis heute noch nicht Wirklichkeit -- im Gegenteil: Die arabische Welt spaltete sich immer tiefer. Jordaniens Hussein wie Ägyptens Nasser, Algeriens Boumedienne wie Syriens Atassi werden zwar nicht müde, die »Thaura« zu beschwören -- über Methoden und Ziele ihrer »Revolution« sind sie jedoch uneinig.
Die Idee, das Arabertum könne wieder wie im Mittelalter, als es unter dem Banner des Islam eine mächtige Kultureinheit bildete, zu einer Aktionsgemeinschaft zwischen Atlantik und Persischem Golf erstarken, mußte sich im Zeitalter konkurrierender politischer und gesellschaftlicher Ordnungen als unrealisierbar erweisen: Zu verschieden waren die Vorstellungen über die Gestaltung der arabischen Welt.
Während in Kairo heute miniberockte Araberinnen in die Vorlesungen der Universitäten strömen, dürfen sich in Saudi-Arabien einheimische Frauen noch immer nicht unverschleiert auf den Straßen zeigen.
Und während Marokkos König Hassan getreu der islamischen Lehre erklärt, es sei unmöglich, »ein Land zu regieren, wenn man das Geistige vom Weltlichen trennt«, verkünden die linken Militärdiktatoren des Irak, daß die »bolschewistische Bewegung ... mit der arabischen revolutionärer Ideologie übereinstimmt«.
Doch allen Propagandakriegen zum Trotz bestimmen nicht so sehr Ideologien, sondern spezifisch arabische Gegebenheiten und Machtinteressen dis arabische Politik der letzten Jahrzehnte »Die Beziehungen zwischen den arabischen Staaten«, erklärte 1968 Tunesiens Burgiba, »... sind geprägt durch Doppelzüngigkeit, Heuchelei, Furcht, Erniedrigung und Hegemoniebestrebungen.«
Weniger Nassers Linksdrall als sein panarabischer Führungsanspruch hatte Saudi-Arabiens Feisal gegen den Ägypter aufgebracht: Der stockkonservative Monarch fühlte seine Herrschaft durch Nassers Agitation bedroht. Als Nasser im jemenitischen Bürgerkrieg die Revolutionäre mit einem Expeditionskorps unterstützte, schickte Feisal daher den Royalisten Waffen.
Weniger ideologische Doktrinen als innenpolitische Machtrangeleien und Rivalitäten erklären auch die Politik jenes Landes, das sich gern als Vorhut des arabischen Sozialismus gebärdet: des Jordanien-Interventen Syrien, seit 1966 Heimstatt des Neo-Baath -- der radikalen arabischen »Wiedergeburt«.
43 Regierungen herrschten seit 1949 in Damaskus; 18 Militärputsche und über drei Jahre der Unterordnung als Provinz der Vereinigten Arabischen Republik unter Gamal Abd el-Nasser symbolisieren in Syrien den Zwiespalt zwischen Regionalpatriotismus und Panarabischer Opferbereitschaft.
Nicht einmal untereinander vertragen sich die 16 Mitglieder des syrischen Revolutionsrates. Unter dem Deckmantel revolutionärer Ideologie befehden sich religiöse Sekten, Cliquen and Klans daheim -- nach außen ha-
* Marokkos König Hassen begrüßt den Emir von Kuweit.
dem sie reihum mit den arabischer Nachbarn.
62 Prozent des syrischen Staatshaushalts werden für die Streitkräfte verpulvert. Dennoch überließen syrische Panzereinheiten im Juni 1967 die Golan-Höhen kampflos den Israelis, verbot Syrien den Freischärlern lange Zeit Guerilla-Angriffe gegen Israel von syrischem Territorium, nahmen syrische Soldaten den zu Hilfe eilenden Irakern aus Angst vor einem Umsturz die Munition ab.
Den Verlierer Nasser ernannte Radio Damaskus zum »feigen Wüstenschakal«. Nachbar el-Bakr in Bagdad ist ihm ein »häretischer Aussätziger«, Als einziger Araber-Staat lehnte Syrien die Resolution des Sicherheitsrats ah, die den Rückzug der Israelis aus den besetzten Gebieten fordert. Noch immer wollen die Syrer den Staat Israel vernichten.
Freilich: »Die Befreiung Palästinas führt über Amman«, versprach Syrien-Staatschef Nureddin el-Atassi vor drei Jahren. Nie schien die Chance so günstig wie Mitte vorletzter Woche.
Doch der von Staatschef Atassi erlassene Interventionsbefehl wurde von Fliegerchef und Verteidigungsminister Hafis el-Assad boykottiert. Der General verweigerte den Panzern des Zivilisten Atassi die Luftunterstützung. Am Donnerstag zog sich die von Husseins Luftwaffe blessierte Syrer-Streitmacht über die Grenzen zurück.
Stark war im Dorado der arabischen Revolution immer nur der Geheimdienst, das gefürchtete syrische Deuxième Bureau. Geheimdienstchef Oberst el-Dschundi inszenierte Schau-Prozesse gegen Feudalisten und Zionisten, einen Vetter Atassis henkte er als amerikanischen Spion. 2200 qualifizierte Offiziere und 50 000 Staatsbeamte ließ der »Henker von Damaskus« einsperren oder verbannen. Im berüchtigten Mezze-Gefängnis der Hauptstadt übten sich kleine syrische Berijas im Zerfetzen von Fingernägeln und Aufreißen von Körpern mit Glasseherben. Folterknechte rieben Salz in die Wunden.
Nicht minder desolat sieht die Bilanz der Links-Regime im verfeindeten Irak aus. Zwölf Jahre nachdem dort der reaktionäre König Feisal von dem revolutionären General Kassim gestürzt wurde, ist der Süden des Iraks weiterhin malariaverseucht, hungern die Massen in den Elendsvierteln Bagdads, ist die Bodenreform unvollendet.
Den irakischen Bauern, der heute wie früher in seiner fensterlosen Hütte lebt, nannte ein Sachverständiger der Weltgesundheitsbehörde »ein lebendiges pathologisches Exemplar«.
Nicht die revolutionäre Baath-Ideologie ist freilich die Ursache für wirtschaftliche und gesellschaftliche Stagnation in Syrien wie im Irak, sondern vielmehr ihre politische Instabilität.
Fast so häufig wie in Syrien wechselten im Irak die Regime. Seit dem Sturz König Feisals im Jahre 1958 gab es bereits drei blutige Putsche: 1963, 1966 und 1968. Keine syrische Regierung seit 1949, keine irakische seit 1958 konnte einen Vierjahresplan zu Ende führen. Keiner der rivalisierenden Führungscliquen im Irak wie in Syrien gelang es, in ihren kurzen Regierungszeiten eine Massenbasis aufzubauen -- und damit ein Instrument für gesellschaftliche Reformen zu schaffen: Die Linksaußen in Syrien wie im Irak herrschen genauso isoliert von den arabischen Massen wie der saudiarabische Rechtsaußen Feisal.
Nicht politische Doktrinen. sondern eine stabile und eher pragmatisch denn ideologisch geprägte Führung erklären daher auch die relativen Erfolge, die -- trotz mannigfaltiger Rückschläge -- arabische Staatsmänner wie Nasser Boumedienne oder Burgiba erzielen konnten.
Sozialistische Kampfparolen sind für den Ex-Militär Nasser wie für andere links-orientierte Araber-Führer mehr propagandistische Kampfmittel als bindende Handlungsmaximen.
So mied Nasser den Bruch mit dem Islam. Noch heute besucht der Rais regelmäßig die Moschee, und als Feisal ihm einmal vorwarf, sein Sozialismus gleiche dem Atheismus, antwortete er: »Die Reichtümer islamischer Völker ausbeuten und den Gewinn in der Schweiz anlegen -- das ist Atheismus. Mohammed war der Führer der Muslims, aber er ist ohne einen Pfennig gestorben. Das ist Islam!«
Dem Staat gaben Araberführer wie Nasser beim Aufbau ihrer unterentwickelten Volkswirtschaften zwar den Vorrang -- doch das hinderte sie nicht. auch die unternehmerische Privatinitiative zu nutzen.
Als Nasser 1965 Port Said zu einer Freihandelszone erklären wollte, in der die Gesetze seiner Zentralwirtschaft nicht gelten und Handel sowie Investitionen in ausländischer Währung möglich sein sollten, antwortete er Kritikern aus den eigenen Reihen: »Was immer uns Profit bringt, werden wir tun. Einige Leute meinen, diese Entscheidung sei nicht sozialistisch. Ich sage aber, daß es nichts Päpstliches im Sozialismus gibt.«
Nach dem Juni-Krieg bestätigte er dies wieder: Um Ägyptens stagnierende Wirtschaft anzukurbeln, gab er privaten mittelständischen Unternehmen großzügige Kredite, verstaatlichte Unternehmen reprivatisierte er. Die Maßnahmen hatten Erfolg: Ägypten erlebte trotz des Verschleißkrieges an der Suezfront ein Wirtschaftswunder (SPIEGEL 35/1970).
Pragmatisch zeigt sich auch der sozialistische Reformer Burgiba. Allen Sozialisierungs-Slogans zum Trotz fördert er den Tourismus mit kapitalistischen Methoden: Strandgrundstücke werden an private Hotel-Investoren fast verschenkt, Zufahrtsstraßen, Telephonanschlüsse oder Kanalisation baut der Staat für die Kapitalisten kostenlos. Burgiba hatte Erfolg: 1960 kamen 54 000 ausländische Touristen nach Tunesien, 1969 waren es siebenmal soviel.
Selbst Algeriens »mönchischer Soldat« ("L'Express") Boumedienne erwies sich als gemäßigter Revolutionär. Letztes Jahr reprivatisierte er erstmals mittelgroße Industriefirmen, Hotels und Bauunternehmen.
»Die kapitalistischen Unternehmen sind unentbehrlich für die nationale Wirtschaft«, hieß es in einer Resolution auf dem algerischen Gewerkschaftskongreß im Mai 1969 -- und dies, obwohl Algeriens mächtige Staatskonzerne durchaus rentabel arbeiten: Nach der Verstaatlichung der Minen im Jahre 1966 stieg beispielsweise die Eisenerzförderung von 1,6 auf 3,6 Millionen Tonnen, die Phosphatgewinnung von 80 000 auf 224 000 Tonnen, die Marmorproduktion gar von 1000 auf 20 000 Kubikmeter.
Politische Kontinuität hat sich auch für ein arabisches Land bezahlt gemacht, dessen Herrscher jahrelang in offenem ideologischen Widerstreit mit den Links-Regimen lag: Jordanien.
Zwar war der kleine Haschemiten-König Hussein weniger reformeifrig als etwa Nasser, zwar mußte er stets einen Balanceakt zwischen den konservativen Beduinen und den ungestümen Palästinensern vollführen -- doch seine Bilanz war bis zum Junikrieg von 1967 keineswegs negativ.
1967 liefen auf Jordaniens Straßen doppelt soviel Autos, plärrten in den Häusern doppelt soviel Radios wie 1961. Die Zahl der Schulen wuchs im gleichen Zeitraum fast um das Dreifache.
Und obwohl Hussein im Junikrieg den wirtschaftlich ertragreichsten Teil seines Herrschaftsbereichs verloren hatte, stellte die Washingtoner »Agency for International Development« 1968 fest, Jordanien könne die angestrebte wirtschaftliche Unabhängigkeit erringen. Die Verwüstungen des Bürgerkriegs haben dies Ziel freilich fürs erste illusorisch gemacht.
»Das haschemitische Königreich von Jordanien«, hatte Hussein vor neun Jahren in seiner Autobiographie geschrieben, »ist ein begeisterter Anhänger der arabischen Revolution und ihrer Ideale.«
Die arabische Revolution der palästinensischen Guerillas hätte den Reform-Monarchen letzte Woche fast um seinen Thron gebracht.