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PRESSE Immer ungerecht

Seltener Fall: Henri Nannen wurde aus dem Blatt gekippt.
• aus DER SPIEGEL 18/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Kunsthändler und Journalist Wolf Uecker in Hamburg hütet in seiner »Galerie XX« ein Exemplar des »Playboy«, das so selten ist »wie eine Lithographie von Egon Schiele« (Uecker).

Das Bilderblatt ist keineswegs antiquarisch, und seinen absehbaren Sammlerwert erhält es nicht etwa durch besonders gewagte Erotik, wie sich beim »Playboy« denken ließe. Es handelt sich um das Heft Nummer 5 vom Mai 1981 mit einer hochgeschürzten Titelschönen, von dem 260 000 Exemplare gedruckt wurden.

Nur -- und das macht''s zur Rarität: Von dieser Ausgabe mit Titel-Hinweis auf ein »Interview mit Henri Nannen« kamen in der Bundesrepublik nicht einmal fünfzig Stück heraus: die Andruckexemplare für die Münchner »Playboy«-Redaktion und ein Autorenexemplar für Uecker, der als einer von zwei Interviewern das Gespräch mit »Stern«-Herausgeber Nannen führte.

Über diesen Elf-Seiten-Beitrag geriet »Playboy«-Verleger Heinz Bauer, 41, so in Rage, daß er das »offene Gespräch mit dem Mann, der drei Jahrzehnte Schlagzeilen schrieb und Schlagzeilen machte« ("Playboy"), aus dem Blatt werfen und alle noch verfügbaren Exemplare einstampfen ließ.

Teile der Auslandsauflage, von Österreich bis Australien, waren von der Essener Druckerei schon ausgeliefert. Doch auf 220 000 Exemplare konnte der Hamburger Verlagsbesitzer die Hand legen. Der Nannen-Talk wurde durch ein Gespräch mit dem italienischen Filmregisseur Federico Fellini ersetzt. Die Kosten für Tilgung und Neuproduktion schätzen Branchenkenner auf rund eine Million Mark. Bauer-Begründung für den teuren Tausch: Eine »seit 1973 anhängige Auseinandersetzung zwischen der Bauer-Zeitschrift ''Quick'' und dem ''Stern''« habe ihn dazu bewogen.

Das sieht nach einem Vorwand aus. Denn der betagte Prozeß um die »Stern«-Behauptung, der frühere »Quick«-Chef Heinz van Nouhuys sei nach dem Krieg ein Doppelagent zwischen Ost und West gewesen, hatte die Bauers keineswegs an neuen Geschäftsverbindungen mit dem »Stern«-Verlag Gruner + Jahr (G + J) gehindert. So war Nannen-Ausmerzer Bauer, Verleger publizistischer Kleinware in hohen Auflagen ("Neue Revue«, »Neue Post«, »Wochenend"), letzte Woche in die USA gereist, wo er sein neues Frauenblatt »Woman''s World« von der G + J-eigenen Druckerei Brown Printing herstellen läßt.

Nannen selbst kann sich den Rausschmiß nur »psychologisch« erklären, mit dem »Nannen-Komplex eines Mannes, von dem jeder weiß, daß ihn keiner kennt«. Andere Brancheninsider trauen dem geschäftlich versierten, aber farblosen Verlagserben kaum mehr Emotion zu, als daß er schlicht aus Konkurrenzgründen den »Stern«-Herausgeber nicht im »Quick«-Schwesterblatt habe dulden wollen. Und, so ein Spötter: »Der wollte mal zeigen, was er kann.«

Angeleuchtet wurde von Nannen im Interview auch noch einmal die politische Konstellation jener Zeit, als im Kampf um die Bonner Ostverträge beide Kontrahenten auf verschiedenen Fronten mitmischten.

Die »Quick« veröffentlichte des öfteren Geheimpapiere, um die Ostverhandlungen zu torpedieren, und Jungverleger Bauer ließ Unternehmer zum Anzeigenboykott gegen linke »Quick«-Konkurrenten aufrufen. Nannen revanchierte sich mit der Nouhuys-Story, die er auch in der DDR recherchieren ließ.

Darauf münzt Heinz Bauer noch heute den Vorwurf eines Nannen-»Zusammenspiels« mit dem östlichen Staatssicherheitsdienst -- womit er, wie der »Stern«-Herausgeber kontert, fälschlich einen »Konsens« mit Kommunisten unterstelle. Und immer noch kartet Bauer nach, Nannen habe damals »einen unliebsamen Konkurrenten S.72 und Gegner der damaligen Ostpolitik mundtot« machen wollen.

Bauer wiederum machte nun den Fürsprecher mundtot, der im »Playboy«-Interview Willy Brandt rühmte: »Ich war ein Anhänger der Politik dieses Kanzlers, ich habe ihn menschlich außerordentlich geschätzt.«

Von den CDU-Führern Helmut Kohl und Kurt Biedenkopf kann er das nicht ohne weiteres sagen. Nannen: »Kohl ist zwar ein exzellenter Verwaltungsfachmann, aber ihm fehlt jedes Fingerspitzengefühl für Außenpolitik. Ja, und Biedenkopf ist ein hochintelligenter Dummkopf.«

Dazu und dazwischen plauderte er mal originell, mal sentimental über sein Lieblingsthema: Henri Nannen (siehe Seite 258).

»Ich habe mir«, renommierte er, »als Chefredakteur nie vom Vorstand dreinreden lassen« -- und vergaß dabei seine Niederlage im Kampf um die Berufung des von ihm erwählten Nachfolgers Manfred Bissinger, der G + J-Großaktionär Reinhard Mohn (Bertelsmann) nicht genehm war.

Er rückte mit der Wahrheit über den von Feministinnen angestrengten Titelblattprozeß um die Nackten des »Stern« heraus, bei dem er Reuesprüche heuchelte, »weil ich weiß, daß so was gut ankommt«. Alice Schwarzer und die Ihren kann er indessen nicht ausstehen: »Ich bin ein Chauvi.«

Und auch einen seiner größten Fehler gestand er ein: »Meine Ungerechtigkeit.« Nannen: »Wenn ich jemanden nicht mag, dann kann der machen, was er will. Der kann auch was leisten. Dann bin ich immer ungerecht. Ich kann''s nicht ändern.«

Neun Stunden »vergeudete« (Nannen) er mit den »Playboy«-Mitarbeitern Uecker und Raimund le Viseur bei zwei Sitzungen in seinem Hamburger Haus, das er, neuerdings auch Kunsthändler wie Uecker, auf Bankkredit »ausstaffiert mit wunderbaren expressionistischen Gemälden, mit Tiffany-Lampen und -Fenstern, mit einer Kolbe-Plastik« ("Playboy"). 330 Seiten umfaßte das Rohskript des Interviews.

Daß Verleger Bauer es dann auf Null brachte, begreift auch sein Verlag als »in seiner Geschichte einmaligen und außergewöhnlichen Schritt«.

Es war, viel mehr, ein in der westdeutschen Pressegeschichte beispielloser Willkürakt, für den »Playboy«-Chefredakteur Rainer Wörtmann freilich »Verständnis« äußerte.

Schwerer fällt ihm das, nach Art des Hauses Bauer, nur, wenn die Polizei ausschwärmt und aus dem »Playboy« etwas anderes herausreißt -- wie im letzten Februar, als das Münchner Amtsgericht es so beschrieb: »Das Mädchen reckt ihre nackte Scheide dem Betrachter entgegen.«

S.69Erstfassung mit Nannen-Interview.*

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