Kriminalität Immer weiter gehackt
Auf dem Hof von Günther Schnau sollte der alte Wallach Safari, 26, sein Gnadenbrot bekommen. Doch sein Ende war alles andere als friedlich.
Im Morgengrauen des vorvergangenen Sonntags lag Safari tot auf seiner Weide im niedersächsischen Wichmannsburg, getroffen von einem Stich ins Herz, anschließend mit einem langen, spitzen Gegenstand gut 50mal durchbohrt. »Der Meuchler«, stellte Pferdehalter Schnau entsetzt fest, müsse »immer weiter gehackt« haben, bis das Tier aussah »wie von einer MP-Salve niedergestreckt«.
Vier weitere Rösser, alles Stuten, überlebten die Nacht auf derselben Weide schwer verletzt. Nicht weit entfernt entdeckte am selben Morgen der Züchter Horst Erxleben auf seinem Anwesen zwei tote Pferde, eine Stute und ein Fohlen, beide auf die gleiche Art ums Leben gebracht, dazu drei andere Rösser mit tiefen Stichwunden.
Für den Täter war es ein Wochenende im Blutrausch: Schon in der Nacht zuvor hatte er rund 40 Kilometer entfernt auf einer Weide im altmärkischen Steimke (Sachsen-Anhalt) eine Schimmel-Stute mit acht Stichen abgeschlachtet; zwei Wallache überlebten schwer verletzt, sieben weitere Pferde retteten ihr Leben durch die Flucht über Weidezäune auf andere Koppeln.
Die Kripo in Uelzen richtete daraufhin eine Sonderkommission ein, denn offenbar handelt es sich bei dem Pferdekiller um einen Serientäter. Bereits zwei Wochen zuvor gab es in Winterweyhe (Kreis Lüchow-Dannenberg) ein Massaker unter wertvollen Pferden des Züchters Ramon Cos: Fünf brasilianische Edelpferde und eine Araberstute starben nach grausigen Attacken mit einer langen, scharfen Klinge, einigen Tieren quollen die Gedärme aus dem aufgeschlitzten Bauch.
Anfang Mai schon war eine Stute bei Hankensbüttel (Kreis Gifhorn) auf ähnliche Weise hingerichtet worden. Mindestens 11 Pferde sind so binnen Monatsfrist im Umkreis von 50 Kilometern getötet worden, 13 weitere wurden verletzt. Schaden: über 100 000 Mark.
Wohl werden, quer durch die Republik, immer wieder Reittiere auf der Weide umgebracht oder verletzt. Oft sterben Stuten nach Mißhandlungen mit Forkenstielen und anderem Gerät, Taten krankhafter Sodomiten. Gelegentlich werden Rössern über Nacht Schweife gekappt, Ohren abgeschnitten und Sehnen durchtrennt. Eine derartige Häufung von brutaler Tierquälerei wie jetzt im nordöstlichen Niedersachsen jedoch ist neu.
Bei den Pferdehaltern geht die Angst um, denn ihre Tiere sind so gut wie nicht zu schützen. Gerade im Reiterland Niedersachsen steht im Sommer auf jeder zweiten Weide ein Pferd, eine Bewachung wäre nicht zu bezahlen. Doch selbst die würde wohl nicht viel nützen: In Wichmannsburg tötete der Täter in einem verschlossenen Stall.
Aus vielen Teilen der Republik spenden Pferdeliebhaber Geld. 30 000 Mark Kopfprämie kamen zusammen - mehr als für die meisten Menschenmörder.
Das Kopfgeld wird der Kripo aber wohl kaum weiterhelfen - zu irrational erscheinen Tat und Täter.
Verzweifelt sucht die Sonderkommission nach einem möglichen Motiv für die irren Exzesse. Spekulationen gibt es viele. Womöglich haben Mitglieder kultischer Satansorden zugeschlagen, die sich an Blut und Tod berauschen. Schon haben die Ermittler die Mondphasen der Tatzeiten verglichen. Vielleicht handelt es sich aber auch um eine brutale Jugendbande, die ihren Neulingen wahnsinnige Mutproben abverlangt.
Ein professioneller Pferdekiller, der Tiere auf Bestellung der Besitzer tötet, um Versicherungen zu betrügen - alles schon vorgekommen -, scheidet nach Lage der Dinge aus. Auch um einen pathologischen Sodomiten wird es sich kaum handeln: Lediglich in einem Fall schnitt der Täter ein Euter ab und zerstückelte die Scheide des Tieres.
Zwei Tatmerkmale sind stets gleich: Der Killer kommt am Wochenende und versucht, mit seiner bajonettähnlichen Stichwaffe das Herz der Tiere zu treffen. Das deutet auf einen Pferdekenner, vielleicht einen geistig gestörten Pfleger, Jäger, Schlachter oder Tierarzt.
Wird der Pferdekiller gefaßt, muß er wahrscheinlich in den Knast. Das Tierschutzgesetz sieht in dem Fall eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren vor. Tatbestand: Tötung eines Wirbeltieres »ohne vernünftigen Grund«.