Stipendien Immerdar ehren
Sechzehn Semester lang studiert Klaus Fleischmann, 28. aus dem oberbayrischen Aschau nun schon an der Universität München die Mathematik. Er wohnt in einem neuhellenistischen Prachtbau an der Isar, Hausdamen putzen ihm die Schuhe und machen ihm das Bett, dreimal täglich wird ihm im Speisesaal eine Mahlzeit serviert, -alles gratis, und obendrein bezieht Fleischmann auch noch ein monatliches Taschengeld.
Der Student Fleischmann ist, wie weitere 25 Kommilitonen. Nutznießer der »Stiftung Maximilianeum«. Sie wurde vor 121 Jahren vom Bayern-König Maximilian II. Joseph für Abiturienten eingerichtet. die sich »in intellectueller als auch moralischer Beziehung rühmlich hervorgethan haben« -- freilich ausdrücklich und ausschließlich nur für »talentvolle Jünglinge«.
Nun aber will eine Jung Frau. die Münchner Jura-Studentin Ninon Colneric, 24, aus dem westfälischen Oer Erkenschwick. die altbayrische Burschen-Herrlichkeit beseitigen. Ohne eigene Ambitionen auf einen Maximilianeumsplatz und »nur so aus Jux« hat die Landfremde beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof eine Popularklage gegen den Freistaat angestrengt. Begründung: Das Exklusivrecht der aus Steuergeldern finanzierten Stiftung und andere Aufnahmebedingungen wie christliche Konfession -- kollidierten mit dem Gleichheits-Postulat des Grundgesetzes.
Zu den Auserwählten des »patriarchalischen Bollwerks« (Student in Colneric), das laut Stiftungs-Urkunde jährlich vier bis fünf Bayern-Söhne »sorgenfrei zur Höhe der Tüchtigkeit erheben« möchte, zählten bislang so unterschiedliche Pennäler wie der niederbayrische Edelmann und spätere Vizekonsul in Yokohama Friedrich von Ruef Edler auf Hauzendorf (Abitur: 1897), der Bürgerliche und spätere Nobelpreisträger Werner Heisenberg (1920). der NS-Justizminister Franz Gürtner (1900) und der Münchner Metzgersohn und heutige CSU-Chef Franz Josef Strauß (1935).
Seiner Majestät Erziehungsanstalt überlebte Revolution und Inflation und selbst die zwölfjährige NS- Herrschaft, die das repräsentative Gebäude am Isar-Ufer zum Sitz einer Parteibehörde machen wollte.
Für die Republikaner nach dem Weltkrieg war es »Herzenssache -- -- -- das kostbare Vermächtnis zum Ruhme des bayrischen Volkes immerdar zu ehren -- Sie spendierten dem Elite-Kolleg neue Küchen und Klos. Bäder und Bibliotheksräume, einen Musiksaal und Sportgeräte und stützen das »dauernde Denkmal« (Kultusministerium) mit jährlich 250 000 Mark ans dem Freistaatsetat -- ausgewiesen als Miet- und Erbbauzins des Landtags. der Seit 1948 in Untermiete das »schönste Parlament der Welt« behausen darf.
Die nun in den Ostflügel zurückgedrängten Stiftungs-Studenten müssen zwar nicht mehr wie einst als Grundausstattung »12 Hemden von mittelfeiner Leinwand« und »weißzwirnene Socken« mitbringen, aber »die aus den Akten ersichtliche Tradition«, so Stiftungs-Chronist Professor Heinz Gollwitzer, wurde »wenigstens in der Form wieder aufgenommen, daß allsonntäglich zu einem Glas Wein Tischreden gehalten« werden -- auf lateinisch, Im »steinernen Saal feiern alte und neue Maximilianeer alljährlich prachtvolle Gedenkfeste. die heute manchem Stiftungsangehörigen ebenso sinnlos und lächerlich« (Physikstudent Ikaros Bigi) vorkommen wie der Ausschluß der Damen.
Die republikanischen Stiftungshüter aber nehmen es mit der Tradition und dem Willen des Wittelsbachers ernst. In einer ersten gutachtlichen Stellungnahme zu der noch nicht gerichtlich entschiedenen Klage der Studentin bekundete der Bayerische Senat, eine Art zweite Kammer, die ebenfalls im Maximilianeum in Untermiete residiert: »Die Achtung vor der Autonomie des Stifters verbietet es, dessen Verfügungen an der Übereinstimmung mit den Grundrechten zu messen.«
Ganz traditionell argumentiert Ministerialdirektor Karl Riedl aus dem bayrischen Kultusministerium, der -- selber ehemaliger Maximilianeums-Student -- dem Kuratorium der Stiftung vorsteht. Für ihn sind weibliche Stipendiaten schon deshalb ungeeignet, weil sie es ja doch »in der Regel vorziehen, zu heiraten und sich zumindest überwiegend ihrer Familie zu widmen«.