Immerhin schön - DER SPIEGEL
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BILDUNGSPOLITIK Immerhin schön

Mit einem Notprogramm will Wissenschaftsminister Leussink dem westdeutschen Bildungsdefizit beikommen. Von ursprünglich geplanten Reformen der Bonner Koalition aber macht er immer mehr Abstriche.
• aus DER SPIEGEL 37/1971
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Ein Zuckerschlecken wird es sicher nicht«, mutmaßte Bonns Wissenschaftsminister Hans Leussink im vergangenen Jahr, bevor die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung sich anschickte, ein Rezept gegen den Zwergwuchs des westdeutschen Bildungswesens auszufertigen. »Entscheidend« erschien dem Minister damals, »daß es uns gelingt, innerhalb der gesetzten Fristen den Bildungsgesamtplan und das Bildungsbudget vorzulegen«.

Die Frist ist längst verstrichen -- am 31. Mai. Und Leussinks Ahnung. daß ihm Bitteres bevorstünde. erfüllte sich: Im Gerangel mit den Kultusministern der Bundesländer litt die Substanz der Bonner Reformideen. Ob das, was übrig blieb, zu finanzieren ist, bleibt fraglich.

Zwar soll das Programm zur Erneuerung des westdeutschen Unterrichtssystems vom Kindergarten bis zur Erwachsenenbildung Ende nächsten Monats endlich vollendet werden. Die Vorlage des Bildungsbudgets -- ohne das die Reform nicht beginnen kann -- aber wurde auf 1972 vertagt.

In einem Brief an Leussink meldete Karl Schillers Staatssekretär im Finanzministerium, Hans Hermsdorf, schon jetzt Bedenken an, ob der Ausbau der Hochschulen für 25 Prozent der Jugendlichen eines Altersjahrganges -- wie das Wissenschaftsministerium ihn bislang noch plant -- überhaupt zu finanzieren sei. Hermsdorf forderte Leussink auf, die Einrichtung neuer Studienplätze am Akademikerbedarf zu orientieren -- der sich allerdings nicht exakt berechnen läßt.

Der knappen Kasse wegen mußten die Bonner Volkserzieher freilich längst ihr Ideal-Konzept kappen: Die »Überwindung des Numerus clausus« (so die Regierungserklärung von 1969) steht nicht mehr auf dem Programm. Für Leussinks Staatssekretär Klaus von Dohnanyi ist sicher, daß auch künftig »nicht jeder wird studieren können, der dies gern möchte«. In den achtziger Jahren sollen Zulassungsprüfungen bewirken, daß nur eine Auslese der Abiturienten an die Hochschulen kommt.

Die geplanten Gesamthochschulen -- einst ein Juwel sozialdemokratischer Reformpläne -- werden nach Leussinks Vorstellungen nicht mehr für alle Studenten da sein. Ersatzweise sollen zweijährige Ausbildungsgänge jene Abiturienten, für die an den Universitäten neuen Typs kein Platz ist, auf technische und kaufmännische Berufe vorbereiten.

Und da immer unsicherer wird, welche Reformen denn nun überhaupt noch durchsetzbar sind, möchte der Minister jetzt mit einem mittelfristigen Reformprogramm wenigstens Organisationsmängel des Ausbildungssystems beheben. Kernpunkte seines neuen, nicht mehr so kostspieligen Aktionskatalogs:

* Bis 1975 soll sich die Zahl der Kindergartenplätze um rund 100 000 auf 1,2 Millionen erhöhen. In Spezialkursen sollen Frauen als Hilfskräfte für die Vorschulpädagogik ausgebildet werden.

* Überbetriebliche Lehrlingsausbildungsstätten werden gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium und den Industrie- und Handelskammern geplant. Dort könnten auch neue Ausbildungsgänge erprobt werden.

* In Spitzengesprächen mit den Trägern der Erwachsenenbildung (etwa den Volkshochschulen und der Wirtschaft) soll ein einheitliches System für die Weiterbildung entworfen werden. Es wird angestrebt, alle Fortbildungskurse und Zertifikate aufeinander abzustimmen.

Doch nicht einmal mit seinem Notprogramm blieben dem erfolgsarmen Bonner Minister Widrigkeiten erspart. Bei den Vorarbeiten geriet der parteilose Leussink mit den Bildungspolitikern aus der SPD-Fraktion aneinander.

Da sich die Sozialdemokraten bei den Beratungen der Bildungsplanungskommission in der Vorschulerziehung wie bei der Berufs- und Weiterbildung auf Kompromisse mit den CDU-regierten Ländern hatten einlassen müssen, verlangten die Genossen nun einen attraktiven Plan, mit dem die Partei bis zum Wahltermin 1973 noch Staat machen könnte. Eine Absprache mit den CDU. Ländern schien ihnen nicht geraten.

Mehr Profil für die sozialdemokratische Bildungspolitik hatten die SPD-Abgeordneten Joachim Raffert und Ulrich Lohmar im Gespräch mit Kanzler Brandt schon vor Wochen gefordert (SPIEGEL 31/1971). Brandt, in der Bildungspolitik nicht sonderlich engagiert, hörte die beiden an, gab seinem Minister aber keine präzise Order. Raffert heute: »Es war immerhin schön. daß sich der Kanzler wieder einmal zweieinhalb Stunden mit der Sache befaßt hat.«

Mitte der letzten Woche glaubten die SPD-Experten noch, sie hätten Leussink auf ihre Linie eingeschworen. Raffert am Mittwoch: »Er hat es gefressen, wir haben ihn hingekriegt.« Doch am Freitag -- nach der Sitzung des Redaktionsausschusses für den Bildungsplan -- gab Leussink zu verstehen, daß er auch seinen Notplan nicht ohne den Segen christdemokratischer Kultus-Kollegen verwirklichen will: »Wenn Pläne gemacht werden, dann nur nach Absprache mit allen Ländern.«

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