IMMERWAHR
Die alte Weisheit, daß sich Vornamen, die eine bestimmte Verpflichtung beinhalten, für die Träger als uneingelöste Wechsel präsentieren können, wird nicht nur für den Evangelist Kapfinger, sondern nunmehr auch für den Wolfgang Immerwahr Fränkel zum Testfall. Warum sollte es ihnen auch anders ergehen als dem Sohne des Herrn Brunner (in der Novelle von Hanns Heinz Ewers), der von seinem, Vater den Vornamen »Marco« erhielt und sich somit am Rheinhessenweine »Marcobrunner« zu Tode saufen mußte?
Kassel
CORNELIUS MEYER
Also sprach Tucholsky: Jedes Volk hat die Richter und Staatsanwälte, die es verdient,
Michelau (Oberfr.)
HERMANN STETTNER
Wäre Wolfgang Immerwahr Fränkel immer wahr geblieben, wäre er nie höchster Ankläger der Bundesrepublik geworden.
Augsburg
KARL WAGNER
Wie konnten Fränkels Kopf-ab-Plädoyers in Vergessenheit geraten, wenn sein - nach Stammberger »völlig einwandfreier« - ehemaliger Chef zeitweilig Bundesrichter war?
Schweinfurt
KLAUS RUDEL
Wie die Verwaltungsgerichte aber bei kleinen Pgs. entscheiden können, möge nachfolgende Ausführung in einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg vom 29. September 1959 (V OVG A 83/55) beweisen, das mir bekannt geworden ist:
»Um einen Richter, der der NSDAP angehört hatte, wieder als Richter einzustellen, konnte es nicht genügen, daß er von den Entnazifizierungsausschüssen als allgemein politisch tragbar angesehen worden war... Im Interesse des Neuaufbaus der Justiz und um dem Mißtrauen und den Mißdeutungen der Bevölkerung zu begegnen, konnte es den Justizbehörden untunlich erscheinen, Richter, auch wenn sie im Entnazifizierungsverfahren entlastet worden waren, wieder in die von ihnen in der nationalsozialistischen Zeit bekleideten Ämter einzuweisen oder überhaupt wieder im aktiven Dienst zu verwenden. Hier handelte es sich um einen ehemaligen Richter, der pensioniert worden ist und
der nur formelles Mitglied der NSDAP gewesen ist.
Lübeck
KARL GLASER
Es wäre für weite Kreise und zur Aufklärung von Interesse, wenn der SPIEGEL auch die 32 anderen Fälle veröffentlichen würde, in denen der damalige Sachbearbeiter an der Reichsanwaltschaft Leipzig, Fränkel, wegen Nichtigkeiten die Todesstrafe beantragte. (Oder schwere Zuchthausstrafen?)
Solingen
E. G. BAUMGART
Da habe ich noch mal Glück gehabt. Vor einem halben Jahr schrieb ich an Herrn Generalbundesanwalt Dr. Max Güde, um ihm meine Geschichte einer bisher nichtbeachteten Nazi-Geschädigten zur wohlwollenden Prüfung vorzulegen. Keine Antwort kam. Voll Freude las ich deshalb am 25. April 1962 im SPIEGEL ein Zitat vom neuen Generalbundesanwalt:
Wolfgang Fränkel, 57, Generalbundesanwalt, der seine Ferien zu kunstgeschichtlichen Studien nutzt, auf die Frage, ob er auch Spanien schon besucht habe:. »Freiwillig gehe ich nicht in ein Land, das diktatorisch regiert wird.« Endlich einer, der wirklich Ernst macht mit der Bewältigung der Vergangenheit, dachte ich und wollte schon wieder »mich vertrauensvoll wenden«. Nun will ich aber still sein, so noch einmal davongekommen, wie ich bin.
München
LUDMILLA MOHR
Zweifelsfrei ist die Waage der Karlsruher Justitia falsch geeicht gewesen, wenn das höchste Aushängeschild ein Täuscher war.
Berlin
BERND GALLE
Bei den Barbaren und Wilden, wie auch heute noch bei den zivilisatorisch Unterentwickelten, war, beziehungsweise ist es üblich, daß eine neue Regierung die alte aufhängt. Bei den sogenannten, zivilisierten Völkern des freien Westens tun sich beide dagegen nichts zuleide; aufgehängt wird hier nur immer der kleine Mann.
Elmshorn
HARRY GÄDTGENS
Ich frage mich, warum SS- und Polizeioffiziere wie jüngst im Berliner Einsatzgruppen-Prozeß zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt wurden, wenn einem Mann wie Wolfgang Immerwahr Fränkel statt einer Zuchthauskappe nur der Zylinder in die Hand gedrückt werden soll. Jene SS- und Polizeioffiziere töteten zwar genauso wenig mit eigener Hand wie Fränkel; sie rotteten aber wie dieser »wenig wertvolle« Menschen nach unmenschlichem Plan aus. Jene konnten sich sogar noch auf Befehle - wenn auch unentschuldbar! - berufen; Fränkel hielt nur nach »eigenem Maßstab« für todeswürdig oder nicht - letzteres offenbar nur ungern.
Frankfurt
HANS RAUSCHNING
Die Fränkel-Dokumente sind offenbar in einem Fall unvollständig: Die Postarbeiterin Lange, die zum Tode verurteilt worden war, hat überlebt und wohnt heute in Schweden (siehe Bild). In ihrem Fall hatte es Fränkel abgelehnt, die Nichtigkeitsbeschwerde gegen das Todesurteil zu erheben, »bevor wir nicht die Akten haben«, und dazu geschrieben: »Daß die Akten hier erst
nach der Vollstreckung eingehen werden, dürfte sicher sein.« Zu der Vollstreckung kam es jedoch nicht, weil Frau Lange einen rechtlich denkenden Pflichtverteidiger hatte, der nach mehrfachen vergeblichen Versuchen beim Reichsjustizministerium die Vollstreckung des Todesurteils verhindern konnte.
Bremen
Dieter Müller
Der Schrei nach der jungen Generation war noch nie so berechtigt wie heute.
Cuxhaven
KARL ANTON
Was sich Fränkel an dreister Gewissenlosigkeit geleistet hat, ist wohl nur mit Sawade alias Heyde vergleichbar.
Eberbach (Neckar)
DR. E. BUMM
... geht Herr Fränkel jetzt sicher in die Industrie.
Bottrop
KLAUS BEIL
Wiedersehen nach dem nächsten »Zusammenbruch«?
Herrsching (Ammersee)
THEODOR FISCHER