IMPERIALER HOCHMUT - DER SPIEGEL
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Kaukasus IMPERIALER HOCHMUT

60 000 russische Soldaten traten mit 600 Panzern an, die Stadt Grosny zu erobern - gegen 34 Panzer und ein paar Geschütze der Verteidiger. Es geht um »Rußlands Existenz als Staat«, rechtfertigt Kreml-Herr Boris Jelzin die Brutalität. Das Opfer der Strafexpedition, Tschetschenen-Präsident Dudajew, drohte mit Bomben auf Moskau.
• aus DER SPIEGEL 1/1995
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Die Fernsehbotschaft ihres Präsidenten erreicht Natalja Chimenko, 23, verspätet über Transistorradio an ungewohntem Ort: im Luftschutzkeller der Mittelschule Nummer 20 in der Tschetschenen-Hauptstadt Grosny am Mittwoch morgen. Die Russin hat dort die Nacht mit Söhnchen Sascha, drei Monate alt, und einem Dutzend Nachbarn verbracht.

Mit heiserer Stimme, um landesväterlichen Ton bemüht, meldet Boris Jelzin seine Erfolge bei der Beilegung der Tschetschenien-Krise: Die »erste Etappe« sei beendet, Grosny eingekesselt, die bewaffneten Banden - »Geldfälscher und Zugräuber« - habe man vom Umland abgeschnitten, ihnen gehe die Munition aus. Er habe Anweisung gegeben, die Stadt nicht mehr zu bombardieren - aus Rücksicht auf die in Grosny verbliebenen Zivilisten, also Menschen wie Natalja und Klein-Sascha.

Böses Gelächter bricht in der feuchtkalten Betonhöhle aus. Der Befehl ihres Oberkommandierenden scheint die Kaukasus-Truppen nicht erreicht zu haben. Es ist vier Uhr früh, doch die Erde draußen erzittert unter pausenlosen Einschlägen: Diesmal ist die Raffinerie an der Oktoberstraße Ziel russischer Kampfflugzeuge.

Natalja weiß nicht, wovor sie sich mehr fürchten soll - daß die Flieger Gas- und Chemietanks am Stadtrand treffen oder daß ihr Nachbar Chamsa, der neben ihr mit einer Handgranate sitzt, Ernst macht. »Wenn die Armee kommt«, kommentiert der die Jelzin-Rede, »lasse ich mich von Soldaten umstellen und jage uns alle in die Luft.«

Entwarnung zwei Stunden später: Auch diese Nacht, die 17. seit Kriegsbeginn, hat Natalja überlebt.

Am Abend erreichen die Artillerieeinschläge den Militärflugplatz am Stadtrand, Moskaus Divisionen beginnen den Sturm auf Grosny. Die »Befreiung« der Stadt »von illegalen Streitkräften, Söldnern und Kriminellen« beginne, verkündet Jelzins Sicherheitsratssekretär Oleg Lobow, und zwar »Schritt für Schritt, Wohnviertel für Wohnviertel«.

Der Verteidigungsring um den Stadtkern ist einen Kilometer tief gestaffelt und mit 34 Panzern sowie einigen Flugabwehrgeschützen ausgerüstet. Aus Aserbaidschan sind 300 georgische Freiwillige eingetroffen, Anhänger des früheren Präsidenten Swiad Gamsachurdija, der 1992 - wohl mit russischer Hilfe - unter Zerstörung des Regierungsviertels von Tiflis gestürzt worden war.

Weitere 20 Moslembrüder aus Tatarstan verstärken die schwache Abwehrfront gegen die Invasoren, die mit 600 gepanzerten Fahrzeugen und 60 000 Mann anrücken. Die Russen sind mit Winteruniformen nur unzureichend ausgestattet und haben nicht genug Proviant; dazu geht ihnen jedes Motiv ab, zum fröhlichen Neujahrstag 1995 ihr Leben zu riskieren - wofür eigentlich?

»Die russischen Soldaten verteidigen die Integrität Rußlands«, hatte Jelzin nach langem Schweigen im Fernsehen als seine Parole ausgegeben. »Das ist eine unabdingbare Voraussetzung für Rußlands Existenz als Staat.« Diese Sicht teilte sein Besucher Al Gore, Vizepräsident der USA, der sich fremde Einmischung etwa bei einem Schwarzenaufstand in Los Angeles auch nicht wünschen würde.

Kein einziges Territorium habe »das Recht, sich von Rußland zu trennen«, tönte Jelzin. Tatsächlich gewährt die russische Verfassung Minderheiten die Selbstbestimmung nur innerhalb der Föderation, also keine Lostrennung.

Doch die eine Million Tschetschenen haben Jelzins Föderation von 148 Millionen Untertanen nie angehört: Nachdem sich Rußland 1990 von der Sowjetunion losgesagt hatte, tat Tschetschenien 1991 dasselbe und erklärte sich ebenso wie Rußland für souverän. Jelzins Anspruch auf das Bergland im Kaukasus stützt sich auf den Kolonialismus der Zarenzeit.

Das versprochene Ende der Bombenangriffe war ein propagandistischer Schachzug, um Jelzins Image zu retten, gestand ein Präsidialbeamter. Bereits 62 Prozent der Russen sprachen vorige Woche ihrem kriegerischen Präsidenten in Umfragen das Mißtrauen aus. Statt Bomben sollten »supergenaue Laserraketen« eingesetzt werden, so ein Generalstabsoffizier: »Wir gehen künftig nicht mehr mit dem Hammer, sondern mit dem Skalpell gegen die Aufständischen vor.«

Zu solchen chirurgischen Schlägen seien die Russen gar nicht fähig, meinte dagegen der Militärberater des Tschetschenen-Präsidenten Dschochar Dudajew, Mussa Mirschujew: »Das russische Imperium vermochte nie ein Skalpell zu benutzen. Immer ist es mit der Klaue eines Bären in anderer Leute Gärten getorkelt.«

Mitte voriger Woche waren die Straßen Grosnys voll tiefer Krater, die Häuser abgedeckt, die Fenster ohne Glas, Balkons auf die Bürgersteige hinabgestürzt. Es gab kaum noch Wasser oder Strom.

Die Kreuzung zwischen Kirow-Prospekt und Gartenstraße wurde von flackerndem Feuerschein erhellt: Eine Bombe hatte acht Autos in einen bizarren Schrotthaufen verwandelt. Zwölf verstümmelte Leichen lagen zwischen den Wracks, die gewaltige Explosion hatte nebenan drei einstöckige Wohnhäuser dem Erdboden gleichgemacht.

Apathisch hockte Anna Wolkowa, 75, am Straßenrand - über die Leichen von Sohn und Schwiegertochter hatte sie eine Decke gelegt. Sie erzählte Passanten, die verschüttete Frau habe noch geschrien: »Zieht mich hier nicht raus, das tut weh.« Dann sei sie gestorben. Rentnerin Wolkowa hat für die Beerdigung kein Geld. Die Zuhörer warfen ihr Rubelscheine zu.

Im Nebenhaus wühlte Nikolai Kasjupa, 80, in seiner verwüsteten Wohnung. Er hatte die grauenvolle Nacht glücklicherweise bei seinen Kindern verbracht. Mit zitternden Händen suchte der Alte seine Habe zusammen: ein Eisenbett, ein paar Decken, mehr fand er nicht. »Sind wir nicht auch Russen?« fragte er fassungslos in die Runde. »Dieser Jelzin ist von Sinnen. Seit 65 Jahren lebe ich in dieser Stadt, doch so haben uns 1942 nicht mal die Deutschen bombardiert.«

Die Wehrmacht war von den Kaukasusvölkern als Befreier begrüßt worden, Tschetschenien hat sie nicht erobert, trotzdem mußten die Tschetschenen als Volk mit der Deportation nach Mittelasien für ihre Sympathien büßen. Zurückgekehrt unter Chruschtschow, fürchten sie jetzt neue Greuel unter Jelzin.

Im Schutz der Seitenstraße zwischen »Okean«-Fischgeschäft und Flußufer stehen ein paar Dutzend Männer im Kreis und tauschen Nachrichten aus. Zwischen dem heftig umkämpften Argun und Grosny stünden zwei Waggons mit Leichen russischer Soldaten auf einem Gleis, berichtet ein weißbärtiger Alter. Per Geheimbefehl habe Moskau verfügt, alle Gefallenen gleich vor Ort zu verbrennen und beizusetzen - damit die Wahrheit über diesen Krieg nicht bis nach Moskau dringe.

Der graue Betonklotz gegenüber, in dem Präsident Dudajew residierte, ist längst geräumt. Dudajews Sohn Awlur, 23, wurde in den Kämpfen schwer verwundet. Ob die Durchhalteappelle des Vaters inzwischen aus dem Luftschutzkeller der früheren kommunistischen Parteizentrale kommen oder aus einem der Garnisonsbunker an der Baranow-Brücke - niemand weiß es genau.

»Moskau hat auch schwere Raketen mit atomarer Ladung auf uns gerichtet«, so soll Dudajew einen Journalisten aus der Türkei erschreckt und die Türken um Beistand ersucht haben: »Ihr Land besitzt große Flugzeuge mit weitem Aktionsradius. Geben Sie uns diese, und wir werden Moskau zerbomben.«

Am Donnerstag bot Dudajew Verhandlungen ohne Vorbedingungen an. Jelzin aber hatte seinen »verehrten Bürgern« versichert, er werde den Weg »zur Wiederherstellung von Ordnung und Frieden« unbeirrt bis zum Ende gehen. »Imperialer Hochmut«, empörte sich Publizist Jurij Burtin über die Härte des Kreml-Chefs, »Jelzin ist moralisch und politisch gegenüber Dudajew nur noch ein Zwerg.«

Mit 228 gegen 38 Stimmen forderte die Staatsduma, Rußlands Parlament, zu Waffenstillstand und Verhandlungen auf. Ein Antrag auf ein Mißtrauensvotum gegen den obersten Kriegsherrn scheiterte jedoch.

Jelzin stützt sich allein auf den neunköpfigen nationalen Sicherheitsrat, das neue Politbüro Rußlands. Er lockt die Militärs mit einem wieder steigenden Rüstungsetat, der alle Ansätze zur Wirtschaftsreform nur ruinieren kann. An den Vertrag über konventionelle Abrüstung in Europa will sich Jelzin nicht halten, weil er dann keine neuen Panzerdivisionen in den Kaukasus dirigieren dürfte.

»Jelzin braucht offenbar einen kleinen siegreichen Krieg«, resignierte Präsidialratsmitglied Marietta Tschudakowa: »Den Triumph werden wir, wie so oft in der russischen Geschichte, teuer zu bezahlen haben.«

Wer derart aus der Patriotenfront ausschert, kann leicht um sein Amt und womöglich auch ums Leben gebracht werden. Zufall oder nicht: Eine russische Fliegerbombe traf letzten Mittwoch in Grosny jenes Haus, in dem Jelzins Menschenrechtsbeauftragter Sergej Kowaljow untergekommen war. Der 64jährige Bürgerrechtler, unter der Sowjetmacht zehn Jahre eingesperrt und verbannt, später engster Mitstreiter des Nobelpreisträgers Andrej Sacharow, berichtete seit Tagen per Telefon über das grausame Vorgehen russischer Truppen.

Die Behauptung der Moskauer Regierung, die Bombenangriffe auf Grosny würden von den Tschetschenen »gestellt«, hat Kowaljow eine »blutige Lüge« genannt. Jelzin ließ den »Jammerer« Kowaljow umgehend fallen.

Auf seiner Seite hat er dafür Georgiens Präsident von Rußlands Gnaden, Eduard Schewardnadse. Der verübelt dem Kollegen Dudajew, daß er einst Schewardnadses Gegenspieler, dem gewählten Präsidenten Gamsachurdija, Asyl gewährte.

Der frühere Außenminister der Sowjetunion, der sich mit der Preisgabe der DDR durch das rote Imperium historische Verdienste erworben hat, plädiert nun dafür, ein dringendes Exempel zu statuieren, weil sonst auch alle anderen fremden Völker von der Föderation abfallen könnten.

Schewardnadse: »Wenn Rußland die Lostrennung Tschetscheniens akzeptiert, müßte es das Auseinanderbrechen Rußlands selbst hinnehmen. Das bedeutet den Beginn von Anarchie auf dem europäischen Kontinent, und nicht nur dort.«

»Immer mit der Bärenklaue in fremde Gärten getorkelt«

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