In der Falle der Verzweiflung
Im Krieg kommt es nur auf die Entfernung an. Es ist gefährlich, nach Israel und Palästina zu reisen, sagt die US-Regierung und rät ihren Bürgern, das Heilige Land zu meiden. Wirklich gefährlich ist es nur in Jerusalem, sagen die Tel Aviver.
Jerusalem ist ziemlich sicher, nur in Gilo ist es riskant, behaupten die Jerusalemer. Stimmt nicht, schwören die Leute, die in der Trabantenstadt Gilo wohnen, gefährlich ist es nur in der Margalit-Straße. Auch nicht wahr, sagen die Leute aus der Margalit-Straße, gefährlich ist es nur, wenn die Wohnung Fenster zum Westen hin hat, nach Beit Dschala, wo die palästinensischen Heckenschützen sitzen.
Keine Panikmache!, rufen die Leute, deren Wohnungen im Visier der Heckenschützen liegen, gefährlich sind nur die hellen Küchen. Und auch nur dann, wenn man in der Nähe des Kühlschranks steht. Also gehen wir ein paar Tage nicht an den Kühlschrank. Wir haben schon Schlimmeres überlebt!
Wenn es darauf ankam, eine Situation schönzureden, waren die Israelis seit jeher Weltmeister. Die besetzten Gebiete wurden nur »Gebiete« genannt, die Armee kreierte eine »Zivilverwaltung«, und über eine Lösung des »Konflikts« verhandelten die Israelis am liebsten untereinander, in der felsenfesten Gewissheit, dass die Palästinenser dazu nicht in der Lage sind.
Aber nun wachen sie aus einem Traum auf, um einen Alptraum zu erleben, eine surreale Situation, die alles übertrifft, was sie nie erleben wollten. Eine Fahrt mit dem Bus ins Stadtzentrum gerät zu einer doppelten Mutprobe, ein Besuch im Kaffeehaus wird zu einem Spiel von russischem Roulette, ein Gang in den nächsten Supermarkt zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang.
Israel, seit 35 Jahren eine Besatzungsmacht, ist heute ein besetztes Land; die Okkupation ist virtuell, aber höchst effektiv. Kein palästinensischer Soldat steht an einer Straßenkreuzung und kontrolliert die Ausweise der Israelis, es ist die schiere Furcht vor dem kommenden Selbstmordanschlag, die den Leuten den Atem nimmt. Alle wissen: Ein neuer »Märtyrer« mit einem Dynamitgürtel um den Bauch ist schon unterwegs, und keiner weiß, wann und wo er die Zündung drücken wird. Das Warten auf das nächste Blutbad lähmt das Land und produziert zugleich eine ungeheure Wut, die sich in den gerade wieder besetzten Gebieten austobt.
»Wir haben es heute mit einem Gleichgewicht des Schreckens zu tun, nachdem wir lange sicher waren, am längeren Hebel zu sitzen«, sagt ernüchtert der Schriftsteller Amos Elon. Sein Kollege, der Sozialdemokrat und Schriftsteller Eli Amir, ist dagegen enttäuscht: »Ich war ein dummer Optimist, der glaubte, die Palästinenser möchten ein normales Leben führen: Bäume pflanzen, Bücher schreiben und Kinder machen, statt Kinder zu opfern.«
Amir, 1937 in Bagdad geboren und 1950 mit seinen Eltern und sieben Geschwistern nach Israel geflohen, wohnt in Gilo - und findet Anekdoten über das Leben in der Trabantenstadt an der Grenze zur palästinensischen Autonomie überhaupt nicht komisch. Ein paar Meter neben seinem Haus sind Kugeln eingeschlagen, die von Beit Dschala abgefeuert wurden. Er selbst war seit Monaten nicht mehr auf der Terrasse seines Hauses: »Es ist zu gefährlich.«
Amir ("Der Taubenzüchter von Bagdad") spricht fließend Arabisch, hat an der Jerusalemer Universität arabische Literatur und Geschichte des Nahen Ostens studiert und einige viel beachtete Romane geschrieben. Er ist an den äußersten Rand von Gilo gezogen, weil er in Ruhe schreiben wollte. Dass der Vorort jenseits der grünen Linie, der alten Grenze zu Jordanien, lag, war ihm bewusst, aber es machte ihm nichts aus. »Gilo war ein leerer Hügel, außerdem leben alle in Israel dicht an einer Grenze.«
Unweit von Amirs Haus hat die Stadtverwaltung eine Mauer gebaut, die wie eine Mini-Ausgabe der Berliner Mauer aussieht. Die Westseite des Schutzwalls soll Kugeln abhalten, die Ostseite wurde von Künstlern gestaltet. Jetzt gehen die Einwohner von Gilo im Schatten der bemalten Mauer spazieren. Denn die meisten trauen sich nicht mehr, nach Jerusalem zu fahren, wenn sie nicht unbedingt müssen.
»Wir kommen früh nach Hause, bleiben daheim und schauen fern. Es gibt keine Gartenpartys und keine Grillfeste. Und wir lassen unsere Kinder nicht mehr in die Discotheken gehen.« Am schlimmsten aber ist, »dass wir 24 Stunden am Tag an nichts anderes denken können als an die Gefahr, in der wir leben, dass wir so viel Zeit und so viel Energie damit vergeuden, wie ein Hund, der sich im Kreis dreht«.
Die Israelis, sagt Amir, »führen einen Krieg gegen den Terror, der ohne Vorbild in der Welt ist«, während die Palästinenser »ihre Kinder auf eine grausame und zynische Art opfern«, wie das 16-jährige Mädchen, das sich vor ein paar Tagen vor einem Supermarkt in Jerusalem in die Luft gesprengt hat. »Hat sie schon gelebt? Hat sie schon geliebt? Ich weine um sie wie um unsere Kinder.« Es werde in diesem Krieg keinen Sieger geben. »Wir werden alle verlieren.«
Jeder reagiere anders in diesen Tagen, aber alle fühlten, dass »es nie mehr so wird, wie es eben noch war«, sagt Rafi, ein junger Computertechniker, der in einem Geschäft in der Innenstadt arbeitet. Früher ist er mit dem Bus in die Stadt gefahren, heute nimmt er sein Auto, achtet aber darauf, nicht hinter oder vor einem Bus zu fahren: »Wenn ich einen Bus vor mir oder im Rückspiegel sehe, biege ich sofort ab.«
Weil aber immer noch viele Busse unterwegs sind, kurvt Rafi im Zickzack durch die Stadt und braucht viel Zeit, bis er endlich, vollkommen geschafft, an seinem Arbeitsplatz ankommt. Seine Frau Dina, die an der Universität als Sekretärin arbeitet, hat sich krank gemeldet und verlässt kaum noch die Wohnung. Sie fängt jeden Tag mit der Lektüre der Nachrufe auf die Terroropfer an. »Alter und Frieda Britvitz aus Netanja, er war 88, sie 86 und hat Auschwitz überlebt. Warum mussten sie sterben?«
Nomi Kaplansky, 1928 geboren, Historikerin und Filmproduzentin, sorgt sich nur um ihre zehn Enkelkinder, sie selbst lebt »weiter wie bisher, um nicht in die Falle der Verzweiflung zu geraten«. Sie geht sogar in die Altstadt einkaufen und auch in ihr Büro am Zionsplatz, in dessen Nähe es in den vergangenen Wochen ein paar blutige Anschläge gegeben hat.
Ihr Großvater, ein reicher Holzhändler aus Weißrussland, war schon 1886 nach Palästina gekommen ("Damals dauerte die Reise von Jaffa nach Jerusalem noch zwei Tage"). Der Großvater fand, das Land müsse nicht nur von Arbeitern und Bauern, sondern auch von bourgeoisen Elementen besiedelt werden. Er machte eine Bank auf und gehörte zu den Gründern von Tel Aviv. Außerdem schrieb er über das Leben in Palästina ein Tagebuch. »Wenn man es heute liest«, sagt Nomi, »merkt man, wie naiv die Menschen damals waren, berauscht von der Idee, eine neue Gesellschaft aufzubauen.«
Wo ganz am Anfang naiver Optimismus das Handeln bestimmte, macht sich heute immer öfter Endzeitstimmung breit, unterlegt mit der Sorge, ob das »zionistische Projekt« womöglich nur ein Missverständnis war. »Ursprünglich wollte Herzl, dass die Juden zum Christentum konvertieren, dann erst hatte er die Idee mit dem Judenstaat«, sagt Avner, der in den dreißiger Jahren aus Deutschland eingewandert ist, »vielleicht wäre die erste Idee doch besser gewesen.«
Avner macht einen Witz, aber er meint es ernst. Wie immer in Krisenzeiten witzeln die Israelis über ihre Lage, nur diesmal sind die Pointen nicht mehr zum Lachen. Und nur ein paar Nachdenkliche lassen den Gedanken zu, ob die jetzige Situation etwas mit dem staatlichen Auftreten der vergangenen Jahrzehnte zu tun hat.
»Wir saßen am Strand von Tel Aviv und genossen das Leben, obwohl wir wussten, dass 50 Kilometer weiter südlich, in Gaza, das Elend beginnt«, sagt Motti, ein Tel Aviver Künstler, »wir taten so, als gäbe es das Problem nicht.« Bis die Palästinenser eines Tages beschlossen, »uns das Leben so zu verderben, wie wir es ihnen verdorben haben. Sie tun es auf ihre Art, mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen«.
Mottis Meinung ist natürlich nicht mehrheitsfähig, aber sie drückt die tiefe Angst vieler Israelis aus, die Palästinenser würden sich nun mit einem Mini-Staat in Gaza und in der Westbank nicht mehr zufrieden geben. »Jetzt geht es um alles oder nichts«, prophezeit Motti, »die oder wir.«
Deswegen sind auch Chaim und Jael vor einem halben Jahr nach Efrata gezogen, eine Siedlung 20 Kilometer südlich von Jerusalem. »Es ist unser Beitrag zum Kampf gegen den Terrorismus, jetzt kommt es darauf an, so viele Israelis wie möglich in die Siedlungen zu bringen.« In Efrata leben 6000 Menschen, die Hälfte von ihnen Einwanderer aus den USA.
Chaim, 1952 in New York geboren, kam 1978 nach Israel; Jael, die »im Süden der Bundesrepublik« zur Welt kam und in einem evangelischen Bibelkreis mit dem Judentum Bekanntschaft schloss, landete 1984 im Gelobten Land. Er hat Politik studiert, sie ist gelernte Krankenschwester und arbeitet in der Intensivstation der Hadassa-Klinik, wo sowohl die Opfer von Terroranschlägen als auch verletzte Terroristen eingeliefert werden.
Wenn Chaim in die Stadt muss, nimmt er den gepanzerten Linienbus oder wartet auf jemanden, der ihn im Auto mitnimmt. Seine Beretta hat er immer dabei, auch wenn er nur in den Supermarkt von Efrata geht. Zweimal schon haben sich Palästinenser, die im Ort arbeiteten, mitten in der Siedlung in die Luft gesprengt, zuletzt Ostersonntag. »Es ist unmöglich, nicht an die Gefahr zu denken, man kann sich nicht daran gewöhnen.«
Inzwischen sei das Leben in Haifa, Tel Aviv und Jerusalem allerdings genauso sicher oder gefährlich wie in Efrata oder jeder anderen Siedlung, sagt Chaim. »Der Terror hat die grüne Linie ausradiert. Wir leben jetzt alle an der Front.« »Auch wenn man die Siedlungen abreißt, wird es keinen Frieden geben«, glaubt Jael, »die Terroristen wollen die Juden aus dem ganzen Land vertreiben. Wir bleiben hier, egal was passiert, darüber wird nicht verhandelt.«
Wer in Efrata lebt, hat für den Notfall vorgesorgt. In jeder Wohnung gibt es einen Raum, der mit einer schweren Eisentür gesichert ist, die von innen zugesperrt wird; die Fenster sind aus kugelfestem Glas und werden mit einer Stahlplatte abgedeckt. In welchem Notfall der Raum als Rettungsinsel benutzt werden soll, darüber mögen Chaim und Jael gar nicht nachdenken, sie benutzen ihn als Abstellkammer.
In Efrata ist es am Abend ruhig, in Jerusalem ist es noch ruhiger. Die Stadt ist eine leere Hülle, die meisten Cafés haben zugemacht, die Fußgängerzone ist ein Windkanal, auf den Parkplätzen sieht man mehr herrenlose Katzen als Autos. Die Zufahrten zur Jaffa-Straße, der Hauptarterie der Innenstadt, werden von der Polizei überwacht, wer durch die Sperren will, muss sich ausweisen. Eine Stadt im Belagerungszustand.
An der Bar der Leila-Lounge sitzt Abraham Friedländer und klagt: »Es ist eine Katastrophe.« Vor sieben Jahren ist der 1948 in Berlin geborene Kaufmann nach Israel eingewandert. Nun erlebt er, wie wahr ein Witz ist, den man sich seit Generationen im Land erzählt. »Wie macht man in Israel ein kleines Vermögen? Indem man ein großes mitbringt.«
Nach dem Anschlag auf das Café Moment ist der Umsatz um 50 Prozent gefallen; seit dem Attentat von Netanja, bei dem 26 Menschen getötet wurden, bleibt auch die Leila-Lounge fast leer, obwohl Friedländer Sicherheitskräfte angeheuert hat, die vor dem Lokal die ganze Nacht Wache schieben. Nebenan in der Lulu-Bar, dem ersten und einzigen Gay-Laden in der Heiligen Stadt, dasselbe Bild. Drei junge Schwule sitzen apathisch an der Bar, im Darkroom brennt das Licht.
»Es geht allen so, ein Restaurant nach dem anderen macht dicht, die Lieferanten gehen Pleite.« Nur die Catering-Firmen und die Videotheken machen bessere Geschäfte als früher.
Drei Anschläge hat Friedländer aus nächster Nähe miterlebt, zweimal stand er mit dem Rücken zur Explosion, einmal flogen ihm die Körper entgegen. Er trägt am Gürtel eine 9-mm-Beretta, und während er an der Bar sitzt, panierte Hühnerstücke auf dem Teller, schaut er dauernd zum Eingang. »Ich kann auf den ersten Blick erkennen, ob ein Jude oder ein Araber reinkommt. Das ist Rassismus, aber es kann mein Leben retten.«
Als er ins Land kam, war Friedländer noch nationalreligiös gesinnt, heute wünscht er sich nur eines: »Dass wir diese verdammten Gebiete endlich zurückgeben und eine Grenze zu den Palästinensern bekommen, die wir verteidigen können.«
Früher oder später werde es so kommen, je eher, desto besser. »Weißt du, warum der Messias nicht nach Israel kommt? Es ist ihm zu gefährlich.«
* Nach dem Anschlag auf das Park Hotel am 27. März.