»In einem satten Land« - DER SPIEGEL
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PROTESTE »In einem satten Land«

Hungerstreiks haben Hochkonjunktur in Ostdeutschland: Ossis fasten gegen Steuerbescheide, Abwasserverbände, Konkurse - und für Butterfahrten.
Von Wolfgang Bayer
• aus DER SPIEGEL 36/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er hat die Weinprinzessin von der Saale gedrückt, die Fliederkönigin aus Bad Frankenhausen geherzt, mit der Brunnenkönigin aus Bad Elster gelacht. Gerhard Schröders Reise durch die neuen Bundesländer glich mitunter einer Tour durch ein Märchenland.

Doch nun ist Schluss mit lustig. Ein Dutzend tapferer Frauen will dafür sorgen, dass der Kanzler beim Stichwort Osten nicht mehr an strahlende Mädchen, an Saale-Unstrut-Weine, Thüringer Bratwürste und »Rotkäppchen«-Sekt denkt. Diese Woche wollen sie in des Kanzlers Nähe in den Hungerstreik treten.

Es sind »verzweifelte Frauen«, wie sie den Regenten bereits schriftlich wissen ließen, die nun der ganzen Nation ins Gewissen fasten wollen: Handwerkerfrauen und Mittelständlerinnen aus Thüringen und Brandenburg, deren Betrieben der Ruin droht. Vor dem Brandenburger Tor wollen sie dauerhaft mahnwachen und die Nahrung verweigern.

Und so haben Kanzler, Abgeordnete und Touristen die Chance, in der Hauptstadt eine ganz besondere ostdeutsche Protestkultur zu besichtigen. Denn Hungerstreiken ist in in Ossiland.

Auf den Spuren des Inders Mahatma Gandhi wandeln Ostdeutsche aus recht unterschiedlichen Gründen - und fast jeden Monat kommen neue hinzu: mal aus Protest gegen einen Steuerbescheid, mal aus Wut über zu hohe Abwasserpreise, mal wegen der drohenden Schließung eines Instituts - sogar für weitere Butterfahrten auf der Oder verweigerte ein ostdeutscher Amtsleiter die Nahrungsaufnahme.

Erklärungen sind auch schon zur Hand. Ostdeutsche erwarteten »möglichst direkte, unmittelbare Demokratie«, diagnostiziert der Ost-Berliner Sozialwissenschaftler Rolf Reißig. Ihr Vertrauen in den mühsamen Instanzenweg sei eben nicht besonders ausgeprägt. »Die Hungerstreikenden aus dem Osten«, orakelt sein West-Berliner Kollege Theodor Ebert, »sind die Erben von Michael Kohlhaas.« Hungerstreiks zö-

gen in der Regel keine Strafverfolgung nach sich und seien mit wenig Aufwand »ein probates Mittel, um Bürokraten und Politiker auf Trab zu bringen«.

Die Geschichte der ostdeutschen Hungerstreikbewegung begann schon während der Wende. Aus Furcht, die Stasi-Akten könnten nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Westen weggeschlossen werden, besetzten Oppositionelle, Bärbel Bohley allen voran, im September 1990 die Berliner Stasi-Zentrale - mit Erfolg: Bohley nahm mehrere Kilo ab, und die Akten blieben im Osten. Mitbesetzer Wolf Biermann machte sich, natürlich zur Gitarre, darauf den passenden Reim: »Hungern ist nur halb so wild in einem satten Land.«

Knapp drei Jahre später folgte ein weiterer Hungerstreik, in dem manche Bürgerrechtler ein Stück Renaissance ihrer eigenen Widerstandskultur sahen. Die Kali-Kumpel von Bischofferode hungerten gegen Treuhand-Willkür und die Schließung ihrer Grube. Zehntausende von Sympathisanten lauschten den Kampfesreden ostdeutscher Betriebsräte. Vier Jahre Beschäftigungsgarantie konnten die Davids den kapitalistischen Goliaths damals abringen. Danach folgte die Arbeitslosigkeit.

Und der Verfall der Hungermoral. So darbte eine Hand voll Spitzengenossen der PDS 1994 des einst geschmähten West-Geldes wegen. Gregor Gysi und Lothar Bisky, die auch einmal richtige Oppositionelle mimen wollten, versuchten durch Enthaltsamkeit den finanziellen Offenbarungseid ihrer Partei abzuwenden.

Damals hatten die SED-Nachfolger eine Steuernachforderung von 67 Millionen Mark erhalten. Die Genossen schmachteten daraufhin nacheinander in der »Unabhängigen Kommission«, dem Preußischen Landtag und, nach Rauswurf durch die Polizei, abschließend ganz passend in einem Theater - in der Berliner Volksbühne. Später, in seinem Buch »Wut im Bauch«, verriet Bisky Hunger-Geheimnisse: ihr Arzt habe geraten, »wir müssten dreieinhalb bis vier Liter Flüssigkeit täglich zu uns nehmen. Dazu zählte vor allem stilles Wasser (anfangs ''Selterswasser'') und Tomatensaft. Zur Abwechslung zum Tomatensaft konnte man Möhrensaft haben«. Notfalls gab es als Zugabe noch »0,33 Liter Bier nach der ,Tagesschau''«. Andere zählten anders. Parlamentspräsidentin Hanna-Renate Laurien jedenfalls ließ nach Räumung der von Streikern und Gästen okkupierten Säle im Abgeordnetenhaus 20 leere Rotweinflaschen wegräumen.

Sieger blieben der Rechtsstaat und die Streikenden. Das Berliner Verwaltungsgericht gab der PDS Recht und kassierte das Inkasso-Ansinnen. Seitdem erzählen die Genossen die Legende von den »Zeichen des Widerstands«, die aus ihren leeren Mägen durch das Land gegangen seien.

Die Nachahmungstäter und ihre Aktionen wurden immer skurriler:

* Der Professor der Berliner Humboldt-Universität Karl-Friedrich Wessel, dessen Wissenschaftszweig Uni-Vize-Präsident Richard Schröder für eine »furztrockene marxistische Esoterik« hält, hungerte im Januar dieses Jahres zwölf Tage lang, um die Schließung seines aus DDR-Zeiten überkommenen Instituts für »Humanontogenetik« abzuwenden. Mit einem zweitägigen Hungerstreik hatte er bereits 1997 den Aufstand geprobt - und die Weiterbeschäftigung seiner Sekretärin ertrotzt.

* Der Amtsdirektor Hartmut Wohlthat (CDU) und weitere Kommunalpolitiker aus dem Oderflecken Gartz protestierten im Juni mit achtstündiger Askese erfolgreich gegen das drohende Ende lukrativer Butter-Kreuzfahrten vom Gartzer Hafen aus. Wohlthat ("Ich will kein Volksheld sein") rettete 70 Arbeitsplätze. Motorschiffe wie die »Adler Queen« und »Adler Steamer« dürfen bis zu Polens EU-Beitritt auf der Oder weiterkreuzen, Shopping, die Stange »Pall Mall« für 13,99 Mark, den Bacardi für 16,99 Mark inklusive.

* Die ehrenamtliche Bürgermeisterin des Spreewaldortes Briesensee Doris Groger war in diesem Sommer 29 Tage lang Wortführerin der hungerstreikenden Dörfler gegen ein zentrales Abwassernetz. Sie ist ebenfalls Wiederholungstäterin. Im märkischen Damsdorf war sie schon zuvor aufgetreten - als Gasthungerstreikerin. Das Ergebnis des Protests in Briesensee - vage Prüfung durch die Landesregierung - hatte immerhin PR-Effekte: »In Öffentlichkeitsarbeit«, freut sich Groger, »haben wir uns eine Zwei plus verdient.«

Inzwischen droht die Methode zu eskalieren. Kaum war der Aufstand in Briesensee durch ministerielles Eingreifen beendet, drohte ein anderer Bürgermeister der Gegend mit Hungerstreik. Motto: Jetzt wird zurückgehungert. André Koinzer, Dorfschulze von Alt Zauche und mit den Versprechen an die Hungerstreiker von Briesensee nicht einverstanden, kündigte vorvergangene Woche an, nun seinerseits die Nahrungsaufnahme zu verweigern - und alarmierte Zeitungen und Landesregierung.

Danach erst outete er sich gar als Kritiker solcher »extremistischer Mittel« des Protests. Alles sei nur Fake gewesen: »Wir hatten uns zur Ankündigung dieser Maßnahme entschlossen, um in relativ kurzer Zeit ein breites Maß an Öffentlichkeit und die uns schon lange zustehende Aufmerksamkeit der Landesregierung zu erreichen.«

Ganz anders als Schelm Koinzer meinen es die Frauen bitterernst, die nach einem ersten 26-tägigen Hungerstreik im Juni nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr vor dem Brandenburger Tor die Öffentlichkeit aufrütteln wollen. Ins Visier nehmen sie diejenigen, die sie für die Verursacher der heimischen Misere halten: die Politiker, die sich, so Monika Wieske, eine der Hungerstreik-Initiatorinnen aus dem märkischen Wittstock, »auf unsere Kosten einen Fetten machen«.

Ihre Fastenschwester Monika Schönemann beklagt, ausstehende Forderungen von rund einer halben Million Mark seien ausschlaggebend dafür gewesen, dass die von der Familie betriebene Heizungsfirma schließen musste. Im Konkursfall würde den unschuldig Gescheiterten Haus, Lebensversicherung und Altersvorsorge gepfändet. Familienzusammenbrüche, Selbstmorde und Selbstmordversuche seien Alltagsschicksal.

Beamte des Kanzleramtes sahen derlei Gefahr wohl auch bei der Petentin. Auf Anregung der Regierungszentrale meldete sich ein Psychiater aus Erfurt bereits bei der Thüringerin und erkundete, ob Betreuungsbedarf bestünde. WOLFGANG BAYER

* Links: im Juni vor dem Brandenburger Tor; rechts: im Juli1999 in Damsdorf.

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