DOKU-SOAPS »In Frankreich hat man weniger Sinn für Spaß«
Der Filmproduzent Carl-Ludwig Rettinger, 49, über seine Arte/WDR-Serie »Samba für Singles«, die im Januar nächsten Jahres anläuft, und Frankreichs Nachholbedarf in Sachen Doku-Soap
SPIEGEL: Arte setzt auf Doku-Soaps, 2004 strahlt der Sender in 40 Wochen des Jahres welche aus. Wollen die Franzosen überhaupt eine Serie wie »Samba für Singles« sehen, in der einsame Deutsche nach einem Partner suchen?
Rettinger: Man sagt, die Franzosen interessierten sich nicht so sehr für Filme aus Deutschland, aber speziell für Doku-Soaps gibt es in Frankreich ein sehr großes Publikum. Unsere Produktion »Abnehmen in Essen« beispielsweise war in Frankreich erfolgreicher als fast alle französischen Doku-Soaps.
SPIEGEL: Warum haben einige Doku-Soaps mittlerweile mehr Erfolg als rein fiktionale Fernsehspiele?
Rettinger: Die Fiction-Sendung im Fernsehen ist für mich erstarrt, da tut sich nichts mehr. Bei einer Serie wie »Samba für Singles« geht es um die Ansprüche an eine Partnerschaft oder die Frage, warum man mit dem anderen Geschlecht nicht klarkommt - im Prinzip Themen, die in Fiction-Serien und Spielfilmen behandelt werden, aber mittlerweile immer nach dem gleichen Schema.
SPIEGEL: Gibt es denn einen Unterschied zwischen französischen und deutschen Doku-Soaps?
Rettinger: Ich glaube, wir haben den Franzosen beim dokumentarischen Geschichtenerzählen etwas voraus. Die Franzosen bei Arte stellen Informationen in den Vordergrund, weniger die Emotionen der Akteure. Vieles ist dann vom Plot her nicht so aufgeladen.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?
Rettinger: In der Grande Nation Frankreich gibt es immer noch einen gewissen elitären Anspruch, auch beim Fernsehen. Dass man dort ein dokumentarisches Programm macht und gleichzeitig auch will, dass die Leute daran Spaß haben, dafür hat man in Frankreich weniger Sinn als bei uns.
SPIEGEL: Denken deutsche TV-Macher weniger elitär?
Rettinger: Natürlich. Wir können nicht sagen: »Hier ist die Avantgarde!«, und nach vorn marschieren, und das Publikum wird schon hinterherlaufen. Das muss ja nicht heißen, dass man sich dem Massengeschmack anbiedert.