In Gefahr
(Nr. 34/1981, SPIEGEL-Titel: Reagans Neutronen-Schock; Rudolf Augstein: »Ein perverses Stück")
Rudolf Augstein hat das Ziel klar benannt -- Krieg! Da bei der derzeitigen Politik das Schlachtfeld Deutschland immer mehr in den Bereich der Realität rückt, möchte man ausrufen: Gott schütze uns vor unseren Verbündeten.
Köln RALF HABENICHT
Auch ein »perverses Stück«, wenn man bedenkt, wie katholische Oberhirten (Höffner, Tenhumberg und andere) geradezu hysterisch wurden in ihrem Einsatz fürs »ungeborene Leben« und Laienproteste auf die Beine brachten, und jetzt, da es um Sein oder Nicht-Sein geht ...
Kandern (Bad.-Württ.) ELISABETH WÖRL
Wie oft zäumt man hier das Pferd von hinten auf. Vom militärischen Übergewicht der Sowjets spricht keiner. Die Befürworter der Neutronenbombe sollten ein wenig deutlicher werden.
Eschborn (Hessen) WILHELM HÖRNICKE
Obenstehenden Spruch verteile ich als Aufkleber in Heckfenster von Autos an meine Freunde und Bekannten, zu letzteren Sie auch zählen.
Murrhardt (Bad.-Württ.) PETER HEBSTREIT
Die Perversion des Denkens hat nicht erst mit der Neutronenbombe begonnen. Wer nur gegen Neutronen- und andere Atombomben protestiert, setzt sich dem Verdacht aus, man könnte es bei den herkömmlichen Waffen belassen: Panzer, Flugzeuge, Sprengbomben. Was wäre ein Krieg ohne die Drohung mit der Atombombe? Der Westen wäre dem Osten hoffnungslos unterlegen; das Gleichgewicht wäre gestört.
Norderstedt (Schlesw.-Holst.) HARRO NÖTEL
Für den Denkmalpfleger klingt die Neutronenbombe aufgrund ihrer nostalgischen, weil Monumente erhaltenden Qualität geradezu verführerisch. Und nur ein Haus scheint wirklich solch sorgfältiger Pflege zu bedürfen -- es ist weiß und steht in Washington D. C.
Frankfurt ANDREAS BEYER
Wir mokieren uns seit 35 Jahren über die Satelliten der Sowjet-Union, die osteuropäischen Staaten. In welchem Maße wir Satelliten der USA in dieser Zeit geworden sind, beweist sich jetzt. Ich fand in den 60er Jahren diese Parole falsch und fehl am Platze, jetzt rufe ich sie selbst: »Ami go home!«
Neuried (Bad.-Württ.) KLAUS LINGNER
Wichtig ist wohl, was der SPIEGEL geflissentlich übersah, auf die Anwendungsweise dieser Waffe hinzuweisen. Die Neutronenwaffe wird auf begrenztem Gebiet gegen angreifende Truppenverbände eingesetzt, womit ein Angriff noch unwahrscheinlicher, weil unkalkulierbarer wird.
Da die Wirkung der Neutronenwaffe begrenzt ist und der Einsatz im Gegensatz zum geschickt manipulierend gezeichneten Bild von Lübeck in bevölkerungsschwachen Gebieten ist, wird die Zivilbevölkerung relativ gering belastet.
Bremen KAI ENTHOLT
Jetzt weiß ich, daß meine »gegenwärtige Angst vor der Zukunft« nicht unbegründet ist.
Oberkirch (Bad.-Württ.) ROLAND SCHNURR, 19
Schlachtfeld Deutschland? Die Folge wäre eine wahrscheinlich verspätete, allerdings veränderte Form der Realisierung des »Morgenthauplanes«. Nur dann ohne Gemüse!
Kelsterbach (Hessen) HORST-GÜNTER HAXEL
Man hört im Rundfunk, Fernsehen, aus der Zeitung nur noch von Waffen S.8 und Rüstung. Kaum mehr ein Wort für das Leben. Sind denn keine geistigen Werte mehr vorhanden, die es zu fördern und zu erhalten gilt?
Es ist höchste Zeit, mit der Aufrüstung aufzuhören und mit dem Denken und Leben zu beginnen.
Stuttgart YVONNE KÜBLER
Der Gedanke, daß das »Märkische Viertel Berlin«, der »Fasanenhof Stuttgart«, die »Neue Vahr Bremen«, »Köln Chorweiler« oder gar die Fußgängerzonen einen Atomkrieg überdauern, ist uns unerträglich.
Wenn schon Krieg, dann richtig, auch mit städtischen Globallösungen.
Köln CARL SOLF
Die Stellungnahme von Rudolf Augstein zur Neutronenwaffe ist mir aus dem Herzen gesprochen. -- Der schleswig-holsteinische FDP-Landesvorstand hat sich einstimmig gegen die Neutronenwaffe ausgesprochen.
Jetzt bleibt nur noch abzuwarten, welcher Politiker als erster erklärt, daß die Gegner der Neutronenwaffe das »Sprachrohr Moskaus« sind. Der weitere Ablauf der Diskussion läßt sich erahnen. Es wird alles so laufen, wie bei der Auseinandersetzung um die Nachrüstung. Allerdings mit einem Unterschied: Die Meinungsbildung gegen die Neutronenwaffe wird diesmal von zwei bedeutenden Politikern der sozialliberalen Koalition nicht aufzuhalten sein.
Bad Bramstedt (Schlesw.-Holst.) JÜRGEN KOPPELIN Mitglied des FDP-Bundesvorstandes
Wer die Kolumnen von Rudolf K. (Kassandra) Augstein der letzten Wochen gelesen hat, kann jedenfalls hinterher nicht mehr sagen -- sofern noch jemand etwas sagen kann --, er sei nicht gewarnt worden.
Langenselbold (Hessen) DR. MED. MANFRED DOEPP
Erst machen Sie sich durch Ihr Blatt zum Sprachrohr Moskaus, und dann, wenn die Propaganda-Saat in Deutschland aufgeht, meinen Sie, wir bewegten uns in Richtung Krieg.
Ohne Neutronen-Granaten sind wir in Gefahr.
Hamburg KLAUS-PETER SCHMITZ-VILMAR
Ein Mann, der eine neue Ära des Wettrüstens bewußt einläutet und somit die Wahrscheinlichkeit eines Krieges erhöht, ist, wie jede Waffe, ein perverses Stück.
Wachtberg (Nordrh.-Westf.) FRED POHL
Es muß doch jedermann verwundern, daß ein Großteil der Massenmedien und viele sogenannte Politiker bei eingeschlagenen Fensterscheiben vor Entrüstung geradezu überlaufen, bei Reagans Entscheidung zum Bau der Neutronenbombe jedoch beschwichtigen, verniedlichen und zur Vernunft (!) mahnen.
Kassel T. EWALD S.9
Weil es um Leben und Tod geht, wird sich die Bevölkerung nicht von Gesetzen behindern lassen, wenn die Beachtung der Gesetze den Tod wahrscheinlicher macht als das Überleben. Es wird nicht mehr lange dauern, da werden amerikanische Soldaten auf Deutsche schießen nur deshalb, weil diese zu verhindern versuchen, daß unser Land zum atomaren Schlachtfeld wird.
München FRANK NIEPEL Rechtsanwalt
Speiübel wird mir angesichts meiner Machtlosigkeit gegenüber dem Irrsinn der Vor-, Auf- oder Nachrüstung. Es scheint mir bedeutsamer denn je, darauf hinzuweisen, daß in keinem Lebensbereich mögliche Gewalt durch Gewalt in ihre Schranken verwiesen wird.
Lünen (Nordrh.-Westf.) KLAUS STEFFENHAGEN
Der Beschluß der Reagan-Regierung zum Bau der Neutronenbombe hat bei mir Empörung und Entsetzen hervorgerufen. Sofort nach den Abendnachrichten habe ich eine Resolution verfaßt, die noch am gleichen Abend von nahezu 70 Personen, die nichts miteinander zu tun hatten, unterzeichnet wurde. Ich selbst bin seit zehn Jahren Mitglied der SPD, war allerdings die letzten Jahre politisch kaum noch aktiv -das wird sich jetzt (viel zu spät) ändern!
Frankfurt PETER KLEMM
Der Hessische Jugendring unterstützt die Bonner Friedensdemonstration am 10. Oktober nach Bonn und fordert die Jugendlichen aus den Jugendverbänden und allen Bereichen der Friedensarbeit zur Teilnahme auf. Mit Mut, Kraft, Phantasie und mit langem Atem wollen sich neben dem Hessischen Jugendring der Landesjugendring Niedersachsen, Hamburg, Saar und über hundert weitere Organisationen gegen die Stationierung der neuen Mittelstreckenraketen, der Cruise Missile und der Neutronenbombe wenden.
Wiesbaden BENNO PÖRTNER Hessischer Jugendring
Am 10. August verteidigte US-Verteidigungsminister Weinberger die Neutronenbombe mit dem Argument, man müsse der sowjetischen Panzerübermacht wehren. Weinberger nannte Zahlen: 44 000 Sowjetpanzer stünden nur 11 000 NATO-Panzern gegenüber. Vor drei Jahren sprach man von 50 000 Sowjetpanzern. Seitdem hat Moskau unentwegt aufgerüstet und im Ergebnis rund 6000 Panzer weniger.
Laut SPIEGEL Nr. 34/1981 besitzen die Sowjets nur noch »über 40 000 Panzer«. Doch die Panzerarmeen Moskaus schrumpfen unaufhörlich weiter.
Während Rudolf Augstein im gleichen SPIEGEL die östliche Panzerüberlegenheit einfach als gegeben hinnimmt, werden auf Seite 29 nur noch »19 000 sowjetische Panzer« gezählt. Allerdings läßt der SPIEGEL auch die 11 000 NATO-Panzer Weinbergers auf nur S.10 noch »6000 atlantische Kampfwagen« schrumpfen.
Endlich scheint bei Militärfachleuten Übereinstimmung zu herrschen, daß ein bundesdeutscher Panzer Leo II die Kampfkraft von sieben bis acht östlichen Panzern besitzt.
Mithin stellen 1000 bundesdeutsche Leo II soviel Panzerkampfkraft dar wie 7000 bis 8000 östliche Panzer.
Endlich höre ich, daß die westlichen Panzer durchweg moderne Modelle seien, die östlichen dagegen durchweg veraltete Modelle.
Möglicherweise werden wir im nächsten Krieg als Volk untergehen, als Notopfer auf dem Altar US-Reaganscher Friedenspolitik. Aber den Luxus, die Wahrheit zu sagen, sollten wir uns auf unsere letzten Tage schon noch leisten, auch wenn es den hohen Freunden in Washington nicht gefällt.
Oberreifenberg (Hessen) GERHARD ZWERENZ