In Hemdsärmeln - DER SPIEGEL
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CRONIN-MEMOIREN In Hemdsärmeln

• aus DER SPIEGEL 42/1960
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Auf dem obersten Treppenabsatz stand ein mittelgroßer Mann in Hemdsärmeln und grauer Flanellhose: Thomas Albert Cronin, 44, Exbutler des Exphotographen Antony Armstrong-Jones und seiner Gattin, der Prinzessin Margaret.

Mit steifer Würde eröffnete er den Reportern, die ihm in seine Wohnung im Londoner Stadtteil Notting Hill gefolgt waren: »Es stimmt, ich habe meine Tätigkeit bei Ihrer Königlichen Hoheit und Mr. Armstrong-Jones aufgegeben.«

Die Nachricht, daß Butler Cronin nach 25 Tagen aufreibenden Dienstes im Kensington Palace seine ehrenvolle Stellung gekündigt habe, war im August für die britische Hauptstadt und ihre Massenblätter eine größere Sensation als Macmillans Staatsbesuch im verbündeten Bonn. Während Margarets Presse-Adjutant John Griffin den Vorfall wortkarg bestätigte, stellte der gekränkte Butler klar, daß nicht die Prinzessin - »... eine huldvolle und charmante Lady; sie war immer sehr nett zu mir« -, sondern Tony der Quell allen Ungemachs gewesen war.

Dem Gerücht, sein Herr habe ihm im Verlauf einer Auseinandersetzung ein blaues Auge geschlagen, widersprach Cronin allerdings: »Ich bin viel zu lange in meinem Beruf tätig, als daß ich so etwas zugelassen hätte.«

Angesichts der Leidenschaft, mit der sich das britische Volk an jedem gedruckten Wort über seine königliche Familie berauscht, beeilte sich die englische Presse alsbald, authentische Informationen über die Affäre Cronin herbeizuschaffen: Für ein Honorar von 8000 Pfund (fast 100 000 Mark) wurde der populär gewordene Butler als Memoirenschreiber verpflichtet.

»Ich, Thomas Cronin, Butler in stets allerersten Häusern, breche mein Schweigen...« so begann der schriftstellernde Haushofmeister Mitte September in der großen britischen Sonntagszeitung »The People« (Auflage fünf Millionen) seine Enthüllungen, die französischen Lesern seitdem durch »L'Aurore« (Auflage 500 000) und deutschen Interessenten durch die Hamburger Illustrierte »stern« (Auflage 1,3 Millionen) nahegebracht werden.

Cronin rechtfertigte seinen ungewöhnlichen Schritt - bisher galt in England als ungeschriebenes Gesetz, daß Bedienstete der königlichen Familie auch nach ihrem Ausscheiden zum Schweigen verpflichtet sind - mit jenen bösen Gerüchten, die über »vulgäre Auseinandersetzungen« zwischen ihm und Antony Armstrong-Jones in Umlauf seien. »Diese Gerüchte«, empörte sich Cronin »haben mein Ansehen als Butler im ganzen Lande untergraben.«

Hatte man auf der britischen Insel bisher geglaubt, die Würde der Butler -Zunft - zur Zeit walten in England noch etwa 800 Butler ihres Amtes - habe im Laufe dieses technisierten Jahrhunderts ohnehin Schaden genommen, so mußten sich die Leser der Cronin-Memoiren jetzt eines Schlimmeren belehren lassen.

»Es hat mich einigermaßen überrascht zu entdecken«, verkündete Margarets Exbutler betrübt, »wie wenig Leute - selbst unter der Elite dieses Landes - sich der strengen Vorschriften von Tradition und Etikette bewußt sind...«

Und weiter: »Als gelernter Butler... war es immer mein Ziel, diese Tradition aufrechtzuerhalten, ja zu vertiefen.«

Schließlich mit vornehmem Hohn: »Dieser Tradition entsprach Mr. Jones in keiner Weise. Seine Neugier für Angelegenheiten der Küche war höchst verwunderlich.«

Seine Stellung im Kensington Palace hatte Cronin am 4. Juli schon mit einiger Skepsis angetreten. Es schien ihm schwierig, dem jungen Haushalt der Königin-Schwester den erforderlichen traditionellen Glanz zu verleihen, da er bereits einige Zeit zuvor Gelegenheit hatte, das nicht allzu aristokratische Benehmen seines neuen Brotgebers zu studieren.

Im Jahre 1958 war Tony nämlich beauftragt worden, Amerikas Botschafter in London, den Multimillionär John Hay Whitney, zu photographieren, dessen 37 Domestiken Cronin damals als Butler dirigierte. Lichtbildner Armstrong-Jones erschien im offenen Ledermantel und trug - unverzeihlicher Verstoß gegen die guten Sitten! - viel zu enge Beinkleider. Erinnert sich Cronin heute: »Ich gestehe, daß ich meiner Mißbilligung in meinem Gesicht und in der unenthusiastischen Art, in der ich ihn beim Botschafter meldete, Ausdruck gab.«

Auch die Heirat mit einer Angehörigen der Königsfamilie vermochte den Lebensstil des Ledermantel-Jünglings nicht wesentlich zu bessern. Im Gegenteil: Tony speiste in Hemdsärmeln und hängte dabei seine Jacke über den Stuhl. Cronin: »Niemals hatte ich einem Herrn in solcher Kleidung serviert.«

Auf einem Empfang, den seine Schwägerin, die britische Königin, zu Ehren des thailändischen Herrscherpaars gab, erschien Mr. Jones im Gehrock und pflaumenblauer (statt schwarzer) Weste; ja er wagte sogar das Erdgeschoß seines Hauses, in dem das Personal untergebracht ist und über das gemeinhin allein der Butler herrscht, zu inspizieren. Seinen gröbsten Verstoß gegen die guten Sitten leistete sich Butler-Schreck Tony jedoch vor einer Fahrt nach Schloß Windsor: Er ließ sich von Cronin vorsorglich den Schlüssel zum Weinkeller aushändigen.

Als der Butler eines Tages - »mit allergrößter Zurückhaltung« - den Salon betrat, in dem Antony andächtig dem Klavierspiel seiner Gattin Margaret lauschte, entspann sich ein ärgerlicher Dialog zwischen dem erbosten Hausherrn und seinem dienstbaren Geist.

Tony: »Wenn Sie das nächste Mal in den Salon kommen, klopfen Sie gefälligst vorher an!«

Cronin mit eisiger Würde: »Sir, ich bin 30 Jahre in meinem Beruf. Ich habe gelernt, daß man nur an die Tür des Schlafzimmers klopft. Ein Salon, Sir, so hat man mich gelehrt, ist immer ein Raum, in den man ohne weiteres eintreten kann - jedenfalls in England.«

Auch über das Engagement zweier zusätzlicher Putzfrauen gerieten Mr. Jones und sein Butler in Streit. »Als ich in meiner Bude in Pimlico wohnte«, raunzte der sparsame Margaret-Gemahl, »tat eine Putzfrau die ganze Arbeit.«

Erwiderte Cronin: »Ich wage zu sagen, Sir, daß eine königliche Residenz etwas anderes ist als eine . . . ,Bude' in Pimlico.«

Armstrong-Jones: »Denken Sie bitte daran, daß dies hier kein reicher Haushalt ist.«

»Es sollte aber einer sein«, konterte Cronin und engagierte auf eigene Faust die beiden Raumpflegerinnen.

»Daß dies hier kein reicher Haushalt ist«, hätte dem Thomas Cronin freilich schon einige Monate früher aufgehen müssen. Kensington Palace wollte ihm nämlich zunächst nur ein Salär zahlen, das etwa die Hälfte dessen ausmachte, das er bis dahin bei US-Botschafter Whitney erhalten hatte. Erst als man ihm das gleiche Gehalt - zwölf Pfund (141 Mark) netto je Woche - offerierte, sagte Cronin zu.

Die Angriffslust des jungen Ehemanns und die karge Haushaltsführung schockierten den würdigen, unter 90 Bewerbern ausgewählten Butler derart, daß er seine Koffer packte.

Dann machte er sich daran, die Öffentlichkeit aufzuklären. Diese »peinliche Aufgabe« - so der Memoiren-Schreiber Cronin - besaß jedoch auch angenehme Seiten. Der prominente Exbutler, der sich zunächst im Carlton-Hotel in Cannes von seinem Ärger mit Tony erholte, kassierte nicht nur den 8000 -Pfund-Scheck der Zeitung »The People«, sondern erhielt auch zahlreiche attraktive Stellenangebote.

Thomas Cronin entschied sich schließlich für die Offerte eines exklusiven Sportklubs in Miami (Florida), dessen Gäste er künftig mit Champagner bewirten wird. Prahlte Cronin vor seinen Lesern: »Mein Vertrag enthält als Entlohnung eine Summe, die genau das Zehnfache dessen ausmacht, was ich in meiner letzten Stellung in London, im Kensington Palace verdiente.«

Exbutler Cronin

Kein blaues Auge von Tony

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