IN IGELN - DER SPIEGEL
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Briefe

IN IGELN
• aus DER SPIEGEL 4/1953
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IN IGELN

(Nr. 2/53, Internationales)

Die europäische Igelverteidigung ist ein Verzweiflungsprodukt militärischer Mathematiker, geboren aus Schwäche. Es mag sein, daß der Gruenther-Plan schon veraltet und deshalb jetzt veröffentlicht ist, aber man wird auch heute noch nicht viel Besseres an seine Stelle setzen können. Gnade Gott den armen Deutschen, Österreichern, Schweizern, Beneluxern und Franzosen, die außerhalb der Igel bleiben. Soweit sie nicht mit Frau und Kind nach Sibirien umgesiedelt und durch östliche Rassen ersetzt werden, soweit sie nicht in den russisch-satellitischen Arbeits- und Heeresdienst gepreßt werden, ist ihr Schicksal das Verkommen und Verhungern. Denn bis die bunt gewürfelte NATO-Eingreifarmee gebildet und angriffsfähig ist, werden sich die anderen recht häuslich in Westeuropa eingerichtet haben.

Sollte aber die Igel-Veröffentlichung eine Aufmunterungsspritze zur Ratifizierung des EVG-Vertrages und für die Ohne-Mich-Michels sein, so wirkt es nicht anregend, mit oder ohne 12 deutsche Divisionen in Igeln verheizt, nach Spanien gejagt, nach Osten verschleppt oder im Inland vernichtet zu werden. Um aus Deutschen wieder Soldaten mit Moral und nicht Europa-Legionäre zu machen, genügt nicht das negative Gespenst der Furcht. Da muß man ihnen schon positive Werte geben, für die es sich verlohnt, zu kämpfen und zu opfern: Wirkliche Freiheit und Unabhängigkeit, volle Gleichberechtigung, wirtschaftliche Sicherheit, aber keine alliierten Vorbehalte und Vorrechte, keine anmaßenden Besatzer, keine Beschlagnahme von Wohnungen und Land, keine Reparationen und Steuerlasten für Fremde, keine ausländische Justiz und Willkür auf deutschem Boden, kein Länderraub und keine Demontagen und Patentdiebstähle. Wir müssen aber auch - und das geht an die eigene Adresse - bei großen Entscheidungen selber mitreden dürfen, nicht nur durch den Augenblicks-Stimmzettel, durch den Mund einer nach anderen Motiven gewählten Parlamentsmehrheit oder Regierung, sondern durch den Volksentscheid wie die Schweizer Demokraten.

Die Anlage der Igel ist übrigens ein Problem für sich. Panzersicheres Gelände in Ehren, aber wie man die Gegend Münsingen für einen solchen Igel wählen kann, wo keinerlei Hauptverkehrsweg gesperrt wird, ist mir schleierhaft. Als Fachmann im Befestigungswesen habe ich 1940 die Erweiterung des Isteiner Klotzes geplant als großen Igel mit weitreichender Artillerie und mit 200 Panzern in unterirdischen Hallen als offensive Stoßkraft. Hier wäre wenigstens die Rheinebene, das Belforter Loch und die Verbindungen am Hochrhein und nach der Schweiz zu bedrohen möglich gewesen. Den Münsinger Igel wird der Feind nur mit ein paar Telefonisten bewachen.

Mit 5 bis 7 km Durchmesser wären die Gruenther-Igel wesentlich kleiner als der Fortgürtel der alten Festung Straßburg, und jeder Punkt läge im feindlichen Feuerbereich. Somit muß alles betoniert, gepanzert und mit Hohlgängen verbunden sein. Flugplätze oder Raketenabschußbahnen sind unmöglich. Wie sich Befestigungen dieser Art im Zeitalter der A- und H-Bomben bewähren, steht dahin. Für ihre Fertigstellung muß man mindestens zwei Jahre für Erkundung, Planung und Waffenentwicklung, weitere drei Jahre für Bau und Montagen und ein Jahr für Ausrüstung und Schulung rechnen.

Bis dahin und noch lange später wird die Europa-Verteidigung nicht mit 12 deutschen oder 50 NATO-Divisionen zweifelhafter Moral, sondern nur durch die Drohung garantiert, die Wirtschafts- und Verkehrszentren eines Angreifers durch Atomkraft zu einer Glasur zu machen. Schöne Aussichten für beide Parteien! Wie wäre es, wenn sie - beide - statt der Hetze nach gegenseitiger Duldung suchten? Auch Religionen und Weltanschauungen haben sich nach Blut und Haß zum friedlichen Nebeneinander gefunden.

Konstanz

Manfred Kolb

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