GREENPEACE Insel der Harfe
Aus aller Herren Länder sollten sie stammen, schwindelfrei und möglichst weiblich sollten sie sein. Denn Frauen, so das Kalkül, würden weit weniger auffallen.
Harmlosen Touristinnen gleich wollten sie die bekannteste Sehenswürdigkeit der Stadt besuchen und sich per Lift nach oben fahren lassen.
Aber dann, in luftiger Höhe, wären Polizei, Geheimdienst und Öffentlichkeit von einer neuen, spektakulären Greenpeace-Aktion überrascht worden: Für vergangenen Donnerstag, den ersten Jahrestag der Versenkung ihres Flageschiffes »Rainbow Warrior«, hatte die Umweltschutzgruppe geplant, den Eiffelturm in Paris mit einem riesigen Transparent zu behängen und damit gegen die Fortführung der französischen Atomtests im Pazifik zu demonstrieren.
Proteste gegen die »Motoren der Rüstungsspirale«, so Greenpeace, bleiben in Frankreich weiterhin ein gewagtes Unternehmen. Die öffentliche Meinung dieses Landes verurteilt den Piratenakt des französischen Geheimdienstes gegen die »Rainbow Warrior«, bei dem im neuseeländischen Hafen von Auckland ein Besatzungsmitglied ums Leben gekommen war, bis heute nicht eindeutig.
Greenpeace zählt in Frankreich weniger als 6000 Mitglieder, in der Bundesrepublik fast 80000. Die Aktivistinnen auf dem Eiffelturm mußten mit brutalem Polizei-Einsatz und bis zu zwei Jahren Gefängnis rechnen. »Das lohnt sich nicht, befand die Umweltschutzgruppe schweren Herzens und sagte das Vorhaben kurzfristig ab. Trotzdem beging Greenpeace den Jahrestag standesgemäß. In Hamburg wurde das französische Generalkonsulat blockiert. Der Greenpeace-Trawler »Sirius« wagte sich nach Marseille, und allenthalben fanden Demonstrationen statt.
72 Stunden zuvor gerade rechtzeitig zum französischem Nationalfeiertag, hatte Uno-Generalsekretär Javier Perez de Cuellar in einem Schiedsspruch angeordnet, daß die verurteilten Franzosen, Geheimdienstmajor Alain Mafart und Geheimdienst-Hauptmann Dominique Prieur, aus neuseeländischer Haft entlassen und auf die französische Pazifikinsel Hao gebracht werden, nur 500 Kilometer von Frankreichs Atomtest-Atoll Mururoa entfernt.
Von der Presse, nicht aber der Familie abgeschnitten, müssen die beiden zumindest die nächsten drei Jahre auf dem Eiland leben. Der Hamburger Völkerrechtler Rainer Lagoni empfindet diese »Quarantäne in der Nähe des Atolls, das sie ursprünglich schützen sollten, als Sarkasmus: Ähnlich wäre es, wenn die Verantwortlichen für die Katastrophe in Tschernobyl auf Dauer nahe beim Reaktor stationiert würden«.
Ganz so schlimm wird es für die Offiziere nicht werden. Das Atoll, versichern die Franzosen, sei keineswegs radioaktiv belastet. »Die Insel der Harfe«, wie Hao von den Polynesiern genannt wird, hat endlose Strände, die nur französischen Militärs, nicht aber Touristen zugänglich sind. Eine Unterbringung »im Stil des Club Mediterranee«, empörte sich deshalb der neuseeländische Oppositionsführer Jim Bolger.
Der französische Verteidigungsminister Charles Hernu und der Geheimdienstchef Admiral Pierre Lacoste waren über den »terroristischen Akt« (so »Le Monde") im Hafen von Auckland zu Fall gekommen. Doch Präsident Francois Mitterrand weigerte sich hartnäckig, sich bei Neuseeland zu entschuldigen oder gar eine Entschädigung anzubieten.
Lediglich der Familie des getöteten Greenpeace-Photographen Fernando Pereira wurden 600000 Mark angewiesen - kaum ein Akt der Großzügigkeit, da der Betrag sich nach den Regeln zur Bemessung von Schadensersatzansprüchen bei Verkehrsunfällen richtete.
Dominique Prieur und Alain Mafart, mit falschen Schweizer Pässen als Ehepaar »Turenge« nach Neuseeland eingereist, wurden dort im vergangenen November wegen Totschlags zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Haupttäter blieben im dunkeln. Der sozialistische _(Vor dem französischen Generalkonsulat in ) _(Hamburg. )
Premierminister David Lange warf Paris »staatlich geförderten Terrorismus« vor, Auslieferungsbegehren schmetterte er ab: »Nicht, solange wir regieren.«
Mit geschickt placierten Nadelstichen reagierte die Grande Nation. Die Einfuhr der Delikatesse Lammhirn, praktisch nur in Frankreich verkäuflich, wurde unterbunden, jährlich drohte Neuseeland ein Verlust von 8,5 Millionen Dollar. Schafwollballen wurden plötzlich aufgeschlitzt und nach Heroin durchsucht. Auch Kiwis in Dosen waren vom Importstopp betroffen, auf die frischen Früchte mochte man im Land der Gourmets aber nicht verzichten.
Der Gaullist Jacques Chirac, nach dem Regierungswechsel in Paris neuer Premier, kündigte an, in der EG die Einfuhr neuseeländischer Butter nach Großbritannien zu sperren und bestehende EG-Verträge mit Neuseeland über andere Agrargüter zu hintertreiben.
»Grob und illegal«, nannte die Londoner »Financial Times« die Taktik der Franzosen. Die Neuseeländer traf sie am Nerv. Vor kurzem hatte die Regierung in Wellington ihren Farmern die Subventionen weitgehend gestrichen, auch ohne Handelsboykott geriet die für Neuseeland ungemein wichtige Landwirtschaft in die schwerste Krise seit 25 Jahren. Die »ökonomische Erpressung«, so die »Times«, konnte das kleine Land auf der anderen Seite des Erdballs nicht durchhalten.
Neuseeland mußte nachgeben und akzeptierte den Uno-Generalsekretär als Schiedsrichter. Daß der höchste Uno-Beamte nicht bloß, wie sonst üblich, als Vermittler, sondern de facto als Richter mit Entscheidungsgewalt bestellt wurde, ist für die Uno ein Novum.
»Heute freuen sich alle Franzosen«, jubelte Premier Chirac über den Schiedsspruch und konnte bei den Wählern zu Hause denn Staatschef Mitterrand, der zwischen New York und Moskau unterwegs war, sogar die Show stehlen.
Daß sich Frankreich nun doch bei der Regierung in Wellington entschuldigen, auf die angedrohten Wirtschaftssanktionen verzichten und darüber hinaus 7 Millionen Dollar (gut 15 Millionen Mark) bezahlen muß, befriedigt in Neuseeland kaum jemanden. »Ausverkauf der Justiz«, kommentiert die Tageszeitung »The Auckland Star«; die Entschädigungszahlungen seien »Blutgeld«.
Den Großteil der sieben Millionen werden die Franzosen als »Kompensation für die Verletzung der Souveränität« überweisen.
Im Völkerrecht ist nur ein vergleichbarer Fall von Geldersatz für immateriellen Schaden bekannt. 1929, während der Prohibition, versenkte die US-Küstenwache ein Schmuggelschiff unter britischer Flagge. Für das Schiff mußte nichts bezahlt werden, es gehörte einem Amerikaner. Doch ein Schiedsgericht sprach den Briten 25000 Dollar zu - als Genugtuung.
In einer ganz anderen Situation befindet sich die Umweltschutzorganisation Greenpeace heute. Ihr Schaden, die gesunkene »Rainbow Warrior« steht außer Frage, doch die französische Regierung hat den Hauptbetroffenen der Affäre bislang noch keinen Franc zukommen lassen.
Vor dem französischen Generalkonsulat in Hamburg.