FIRMEN Intelligenter Abfall
Den Vergleich mit den unbestrittenen Führern anderer Wirtschaftszweige scheut Wolfgang Kummer, 50, keinen Augenblick. Die von ihm geleitete »Mergenthaler Linotype GmbH« sei »der Mercedes unserer Branche«.
Der eigene Beitrag kommt dabei nicht zu kurz. »Unsere Managementleistung, in weniger als fünf Jahren aus einem Maschinenbau-Unternehmen einen Computerhersteller zu machen, geht in die Lehrbücher ein.«
Kummers Zahlen können sich sehen lassen: 165 Prozent Auftragsplus, 40 Prozent Umsatzzuwachs« Gewinn »vervielfacht«, meldet die Unternehmensspitze für das Geschäftsjahr 1976/77.
Dieser Höhenflug war noch vor wenigen Jahren kaum abzusehen. Ein Dreivierteljahrhundert nämlich hatte die Firma, eine Tochter des von Ottmar Mergenthaler in den USA gegründeten Linotype-Konzerns, sich auf ein Produktionsprogramm konzentriert, das zuletzt binnen weniger Jahre hoffnungslos veraltete. Nach Mergenthalers Blaupausen produzierten die Linotype-Fabriken Setzmaschinen, die einzelne Buchstaben-Gußformen zusammenstellen, mit Blei ausgießen und paketweise ganze Zeitungszeilen ausstoßen.
Rund 100 000 Maschinen dieses Typs, die letzten Modelle zum Stückpreis um die 100 000 Mark, lieferte der Konzern in alle Welt.
An ein Ende der Bleisatz-Zeiten glaubten noch Ende letzten Jahrzehnts nicht einmal Linotype-Experten. »Wenn wir denen geglaubt hätten, wären wir heute pleite«, erinnert sich Kummer. Ende 1976 stellte Linotype die Produktion von Bleisetzmaschinen ein.
Mit nur zögernd zugegebenen Anlaufschwierigkeiten ("die ersten Maschinen haben ein bißchen gestottert") modelten die Linotype-Manager ihr Programm total auf Photo- und Lichtsatz-Einrichtungen um. Keine rasselnden Apparaturen, kein heißes Blei, keine Dämpfe -- dafür aber atemberaubende Satzgeschwindigkeiten.
Die intelligenten Maschinen -- sie trennen automatisch selbst so schwierige Wörter wie Urinstinkt, ohne Peinlichkeiten zu produzieren -- wurden freilich zum sozialpolitischen Problemfall.
Während Verleger kalkulierten, auch Sekretärinnen, selbst Redakteure könnten am Bildschirm den an der alten Linotype unentbehrlichen teuren Setzer ablösen, verteidigen die Gewerkschaften spät, aber hartnäckig das Recht ihrer Mitglieder auf ihren Arbeitsplatz.
Der Strukturwandel bei der Mergenthaler Linotype GmbH ist längst abgeschlossen. Noch 1967 waren fast 80 Prozent der Beschäftigten Mechaniker, Ende letzten Jahres kaum noch jeder fünfte. Elf Prozent des technischen Personals werden derzeit von studierten Elektronikern gestellt -- vor zehn Jahren war dieser Berufsstand nicht vertreten.
Stolz berichten die Akademiker, der gesamte Strukturwandel sei »ohne eine Mark Verlust abgelaufen«. Mit einem Marktanteil von 50 Prozent in der Bundesrepublik -- Hauptkonkurrenten sind die Berliner Berthold AG und Siemens-Hell in Kiel -- stieß die deutsche Filiale innerhalb von zwei Jahren konzernintern an die Spitze vor. Mit rund 400 Millionen Mark Umsatz im Druckbereich bestreiten die deutschen Linotyper gut ein Drittel des Konzerngeschäfts.
Diesen Erfolg verdanken die in Eschborn vor den Toren Frankfurts arbeitenden Manager nach eigener Einschätzung ihrer hartnäckig erstrittenen Unabhängigkeit von der Konzernzentrale. Kummer: »Wir lassen uns nicht per Einschreiben regieren.«
Was von drüben kommt, lassen die Eschborner Chefs nicht unbesehen passieren. Weil viele der aus den USA oder von der Schwestergesellschaft in Großbritannien übernommenen Ausrüstungen in der Bundesrepublik geltende Normen verletzen, wird, so der Firmenjargon, häufig »germanisiert«.
Beim Wichtigsten verlassen sich die Deutschen ohnehin nur auf sich selbst. »Die Software machen wir«, versichert Kummer. »Lassen Sie mal einen Amerikaner »ck' richtig trennen.«
Nur eins räumt die junge Führungsmannschaft -- Durchschnittsalter 37 -- ein, von den Amerikanern gelernt zu haben: »Uns systematisch mit der Zukunft zu beschäftigen.«
Während für viele Anwender das Zeitalter der modernen Satztechnik erst beginnt, rechnen sich die Marketing-Experten der Linotype schon Sättigungsgrenzen aus. 75 Prozent aller Zeitungen mit einer Auflage zwischen 10 000 und 25 000 Exemplaren werden nach ihrer Analyse künftig auf Photosatz umsteigen, die auflagenstärkeren Zeitungen mit mehr als 50 000 Exemplaren sogar geschlossen dazu übergehen. Dieses Geschäft trägt nach der Linotype-Prognose noch fünf stürmische Jahre, »dann kommt die normale Phase«.
Die selbstbewußten Manager glauben. auch dafür vorgesorgt zu haben. »Wir haben so viel intelligenten Abfall, daß wir uns daraus ein zweites Bein schaffen«, verrät Kummer. Schon im April auf der Hannover-Messe wollen die Satztechniker gegen die Großen der Büroelektronik antreten. Aus Komponenten der Setz-Computer entwickelten die Ingenieure Textverarbeitungsmaschinen für den Büroalltag.
Die Warnung der amerikanischen Mutter, die Tochter möge sich doch nicht auf einen Marktkampf mit dem übermächtigen Computerriesen IBM einlassen, nimmt Kummer leicht: »Die Fachleute haben uns auch den Abschied vom Blei nicht zugetraut.«