INTERN DR. X - DER SPIEGEL
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INTERN DR. X

• aus DER SPIEGEL 28/1966
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

7. Fortsetzung

Freitag, 2. März

Heute war, wie alle zwei Wochen, mein Tag mit »Bürozeit«, nämlich von acht bis fünf. Ich kam um halb acht in die Kinderklinik, duschte, rasierte mich und ging auf die Station.

Um neun Uhr machte ich mit Shenk und unserem Mentor de Shaw, einem hageren, gutmütigen Kinderarzt mittleren Alters, Visite. Wir sahen uns zuerst die Patienten auf 2-West an und kamen dann zurück nach 2-Ost, um ihm unseren angeborenen Herzschaden und Joey McCarran, den Jungen mit dem Ekzem, vorzustellen.

De Shaw empfahl, für Joey einen Dermatologen hinzuzuziehen. Das Gesicht des Jungen hatte sich nach feuchten Umschlägen etwas gebessert, und er sah erheblich wohler aus, aber daß seine Arme festgebunden waren, wollte ihm gar nicht gefallen. Schorfbedeckt saß er da und starrte uns finster an; kratzen wollte er sich, kratzen und sonst nichts.

Der Säugling mit dem Herzfehler hatte das Versagen heute morgen überwunden und sah auch besser aus, atmete im Sauerstoffzelt freier und war bemerkenswert rosa.

Nach der Visite ging ich runter in die Bibliothek und las nach, welche angeborenen Herzfehler eine solche Zyanose hervorrufen können; da kommen verschiedene in Frage*. Sehr wenige davon sind überhaupt korrigierbar, und die wenigen, bei denen man eingreifen kann, haben eine erschreckende Sterblichkeitsquote während der Operation.

Shenk sagte zum Beispiel, wenn dieses Kind eine Transposition der großen Blutgefäße hätte, dann würde eine Operation hier nicht in Erwägung gezogen**. Das könnte in Philadelphia oder Boston gemacht werden, aber auch dort beträgt die Sterblichkeitsquote 80 Prozent, und bei den 20 Prozent, die die Operation überleben, ist das Ergebnis in den seltensten Fällen gut.

Bei anderen Herzfehlern kann man überhaupt nichts machen, und niemand würde es auch nur versuchen. Shenk schien die Aussichten dieses Kindes recht trübe zu beurteilen, und ebenso de Shaw. Ich persönlich glaube, es müßte schleunigst eineDiagnosegestellt werden, um festzustellen, ob der Herzfehler des Kindes auch nur im entferntesten operabel Ist, ehe die Waffen gestreckt werden. So, wie es ihm jetzt geht, wird es gewiß sterben, und wahrscheinlich sogar sehr bald.

Post hoc: In den Jahren, seit dieses geschrieben wurde, hat man auf diesem Gebiet erstaunliche Fortschritte erzielt. Heute könnte derselbe Säugling wahrscheinlich auch hier operiert werden, und zwar am offenen Herzen unter Aufrechterhaltung des Kreislaufs und der Sauerstoffzufuhr während des Eingriffs durch eine moderne Herz-Lungen-Maschine. Die Operationssterblichkeit mag heute auf 25 Prozent gesunken sein, wobei die 75 Prozent, welche die Operation überleben, eine achtzigprozentige Chance haben, daß sich ihr Zustand zumindest bessert. Und das verdanken wir den Arbeitsgruppen von Kinderärzten und Chirurgen wie jener in dieser Klinik, die zu der Zeit, als ich dort war, den Weg zu Lösungen dieses schwierigen Problems sondierten.

Um eins war eine chirurgische Besprechung für die MA, bei der die präoperativen Medikationen, die sie hier für Kinder gern anwenden, behandelt wurden und auch von Diagnose und Behandlung akuter Luftnot die Rede war.

Ein Kleinkind hat nicht viele-Reserven, wenn irgend etwas seine Atemwege versperrt; manchmal muß auf der Stelle ein Loch in die Luftröhre geschnitten werden (Tracheotomie nennt man das), um der Luft ungehinderten Zutritt zur Lunge zu verschaffen, weil das Kind sonst in fünf Minuten tot sein könnte.

Das bedeutet, daß unter Umständen der MA entscheiden muß, ob dieser Eingriff erforderlich ist, und dann muß er ihn auch gleich vornehmen. Ein furchtbarer Gedanke, der mich wirklich in Angst und Schrecken versetzt, aber so ist es nun mal.

Samstag, 10. März

Im Durchschnitt habe ich vielleicht drei bis fünf Neuaufnahmen pro Tag und einen Gesamtbestand von ungefähr fünfundzwanzig Würmchen im Alter von sechs Monaten bis zu zwei Jahren auf 2-Ost.

Das Zermürbende sind die Nächte und Dienstwochenenden. Einmal ging es sogar die ganze Nacht durch; ich kam nicht mal dazu, mich hinzulegen. Nicht nur die Patienten Im Haus hielten mich im Trab, sondern auch die »Hereingeschneiten«, wie sie die ambulanten Patienten hier nennen.

Einfach unglaublich ist die Zahl der Mütter, die den ganzen Tag lang zu Hause sitzen und ihre kranken Kinder beobachten, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, den Arzt zu rufen. Aber um Mitternacht werden sie von Panik ergriffen und glauben, ihre kleinen Lieblinge würden die Nacht nicht überleben; dann stürzen sie in die Ambulanz der Kinderklinik, damit der Arzt sie sich ansieht - ab ein Uhr morgens kommen sie in Strömen.

Ich habe versucht, aus einigen dieser Mütter herauszuholen, worauf sie den ganzen Tag eigentlich gewartet haben, und ausnahmslos behaupten sie, es schiene dem Kind jetzt mit einem Mal schlechter gegangen zu sein, aber warum es ihm plötzlich schlechter gegangen zu sein schien, können sie nicht sagen.

Das Kind mit dem Herzfehler ging gestern nach Hause. Das Herzversagen war beherrscht, die Digitalisdosis eingestellt, und nach einer langen Diskussion beim Kardiologischer. Kolloquium waren die Experten zu dem Schluß gekommen, das Kind nicht zu kathetern, um die Diagnose zu stellen, ehe es den sechsten Monat heil überlebt hat (siehe Kasten).

Sie begründeten das damit, die Aussichten, daß der Katheterbefund etwas Operables ergäbe, seien gleich Null, und die Katheterung als solche sei zu riskant, solange das Kind nicht größer und kräftiger ist.

Mir schien das ein sehr kaltblütiger Entschluß zu sein, aber auch ein gutes Beispiel für das seltsame Prinzip, das auf einigen schwierigen Gebieten der Medizin gilt: daß nämlich die Minderheit sich durchsetzt und ein einzelnes Veto den Ausschlag gibt. Zwei der Chirurgen und zwei der Kinderärzte waren dafür gewesen; ein Chirurg und zwei Kinderärzte hatten Bedenken. Die Minderheit setzte sich also durch. Später sagte Shenk, daß in einem derartigen

Fall eine einzige Gegenstimme die Katheterung verhindert hätte; nur bei Einstimmigkeit wird etwas unternommen.

Jedenfalls atmet der Kleine, ist auch außerhalb des Sauerstoffzelts nicht allzu blau und kommt nun nach Hause. Vorläufig wenigstens.

Das Ekzem von Joey McCarran ist sehr schön geworden; das Schlimme an dem Jungen ist nur, daß er alle Leute haßt. Wir haben es immer wieder und wieder versucht, an ihn heranzukommen, aber er will von keinem von uns etwas wissen. Und auch nicht von seinen Eltern. Wie ein Gnom sitzt er da und starrt einen an. Ich habe Shenk schon halbwegs davon überzeugt, daß wir einen Psychiater zuziehen sollten, obwohl mir nicht ganz klar ist, was ein Psychiater mit einem acht Monate alten Säugling anstellen soll.

Gestern kam ein interessanter Fall, und er war eine gute Illustration, wie widerstandsfähig so mancher von diesen kleinen Erdenbürgern ist. Dieser Junge wurde mit der Rettungswache gebracht.

Die Ambulanzschwester teilte mir telephonisch mit, das Kind habe Durchfall und sei praktisch schon tot. Und sie hatte recht. Ich habe nie geahnt, was ein heftiger Durchfall einem vierzehn Monate alten Kind antun kann.

Der Junge hatte erst seit zwei Tagen Durchfall; er heißt Jerry Johnson und sah aus wie eine Leiche, als ich herunterkam: seine Haut war kalkweiß, die Augen tief eingesunken und nach oben verdreht, so daß man nur das Weiße, sah, und er war nahezu bewußtlos.

Shenk und ich besprachen, was für Infusionen und Elektrolyte er brauchte, um seinen Verlust wettzumachen, und fingen gleich damit an; die ganze Nacht hindurch schaute ich stündlich nach, ob er noch lebe**.

Und heute nachmittag, genau vierundzwanzig Stunden nach der Einlieferung, war Jerry ganz da, saß in einem Kinderstühlchen, trommelte mit einem Löffel wie verrückt drauf rum und fand es herrlich. Alles, was ihm gefehlt hatte, waten Kochsalz, Kalium und-Wasser, und nachdem er das bekommen hatte, war er wieder obenauf.

Freitag, 16. März

Für jede gutgemachte Sache muß man wohl zum Ausgleich etwas verpatzen, damit man sich nicht zuviel auf sich einbildet. Ich war mächtig stolz darauf, daß ich diese Kinder mit Flüssigkeit und Elektrolyten erfolgreich behandelt hatte, die mit Durchfall und Erbrechen zu uns kamen - hier scheint eine Art Darmgrippe zu grassieren, die kleine Kinder befällt -, bis vorgestern ein fünfzehn Monate alter Knabe namens Jonny Beck hier erschien und mir den schlimmsten Schlag seit sechs Monaten versetzte.

Dieser niedliche kleine Blondkopf hatte bloß Durchfall gehabt, kein Erbrechen, aber er war in ebenso schlechter Verfassung wie Jerry Johnson, als er eingeliefert wurde. Shenk sah ihn sich bei der Aufnahme mit mir zusammen an und sagte mir, ich sollte den Fall ganz allein behandeln, es sei denn, ich stoße auf Schwierigkeiten.

Also berechnete ich, wieviel Wasser und wieviel Salz das Kind in den nächsten vierundzwanzig Stunden normalerweise brauchte und wieviel es zusätzlich brauchte, um den Mangel auszugleichen. Dann stellte ich einen Plan

auf für die nächsten vierundzwanzig Stunden, und ungefähr um vier Uhr nachmittags hängte ich einen Tropf an und begann die Behandlung.

Alles ging wirklich gut; er schien sich zu erholen, sobald er etwas Wasser hereinbekam, und fing an, über Durst zu klagen, deshalb sagte ich der Schwester, sie sollten ihm schluckweise Zuckerwasser zu trinken geben, wenn er wollte. Aber am Morgen sah er nicht so gut aus, und nachmittags um zwei ging es ihm schlecht.

Die Schwestern riefen mich über die Suchanlage und sagten, Jonny Beck benähme sich so sonderbar; ich ging runter in sein Zimmer und stellte fest, daß er zuckte - Hände, Füße, Arme, Beine, alles zuckte, fast wie bei einem allgemeinen Krampfanfall. Er atmete nicht sehr gut, und ich konnte seine Leber unten am Nabel fühlen.

Ich versuchte, ihm die Brust abzuhören, aber er hielt sich nicht still genug, als daß ich etwas hätte hören können, doch hörte ich immerhin genug, um ziemlich sicher zu sein, daß sein

Herz dekompensierte und immer schwächer wurde. Na, ich rief Shenk. Ich hatte wirklich Angst und wußte nicht, was los war.

Bei dem anderen Kind hatte diese Behandlung sehr gut angeschlagen; diesem Jungen ging es mit jeder Minute schlechter. Joe kam herunter, untersuchte ihn, und wir spritzten ihm etwas Kalzium durch den Infusionsschlauch, um zu sehen, ob dadurch das Zucken aufhörte, aber es änderte sich kein bißchen.

Dann versuchten wir es mit konzentrierter Kochsalzlösung, und auch das brachte das Zucken nicht zum Stillstand. Nun wollte Shenk wissen, wieviel Wasser der Junge in den vierundzwanzig Stunden insgesamt bekommen hätte.

Ich erkundigte mich danach, und es stellte sich heraus, daß ihm die Schwestern - mit meinem Segen - fast die ganze Nacht hindurch »Schlückchen« zu trinken gegeben hatten; er hatte also allem Anschein nach doppelt soviel reines Wasser bekommen, wie er hätte kriegen dürfen. So setzten wir alle Infusionen ab und ließen ihn die nächsten acht Stunden dürsten.

Und tatsächlich, sobald der Tropf nicht mehr lief, schien er sich etwas zu erholen; wir gaben ihm eine Barbituratspritze dadurch schlief er eine Weile, und das Zucken - hörte auf, und um Mitternacht konnten wir, die Infusion ganz rausziehen und ihm sorgfältig bemessene Mengen zu trinken geben. Heute morgen war er übern Berg: Leberschwellung zurückgegangen, Atmung gut, kein Durchfall.

Hinterher wußte ich, was ich falsch gemacht hatte. Ich hatte ihn einfach bedenkenlos mit Wasser vollaufen lassen, und sein Herz hatte versagt, weil soviel Flüssigkeit in kurzer Zeit in seinen Kreislauf kam und er wegen Salzmangels krampfte.

Montag, 19. März

Ich begann das Wochenende am Samstagmorgen damit, daß ich auf jeder Station Visite machte, um zu sehen, was für Idiotenarbeit da auf mich wartete. 1-Ost hatte einen ganzen Haufen kleinerer Aufgaben für mich. Eine, die fast den, ganzen Vormittag in Anspruch nahm, war, den Verband der Brandwunde des kleinen Ronnie Petroni zu wechseln, eines Zweijährigen, der vor einiger Zeit einen elektrischen Frittiertopf voll kochenden Öls vom Herd gezogen und sich über den Kopf gegossen hatte; er zeigte am ganzen Kopf, am Hals, auf einem Teil seines Rückens und an einem ganzen Bein schreckliche Verbrennungen dritten Grades. Bei Ronnie wurden Hauttransplantationen gemacht, jeweils immer nur ein Stückchen auf einmal, während seine Brandwunden heilen, was ein langer, trostloser und schmerzhafter Prozeß ist:

Er liegt auf einem Stryker-Bett, das eine Vorrichtung hat, durch die er sich nicht selbst bewegen, aber mitsamt der Matratze herumgedreht werden kann; dadurch wird ein Wundliegen vermieden, denn er hängt zum größten Teil frei in der Luft, damit die Verbände gewechselt werden können.

Trotz der feuchten Umschläge tritt aus den Brandwunden Serum aus, und die Verbände sind verbacken und verklebt. Anfangs war der Verbandwechsel

so entsetzlich schmerzhaft, daß man dem Jungen eine Vollnarkose gab, wenn es gemacht werden mußte, später gab man ihm Morphium und Chlorpromazin; jetzt bekommt er eine halbe Stunde vor jedem Verbandwechsel 65 Milligramm Luminal.

Es ist immer noch schmerzhaft, aber nicht mehr so schrecklich, wenn Ronnie das auch nicht glauben will. Er ist ein sehr vernünftiger kleiner Bursche. Er lächelt praktisch nie, aber für ein Kind seines Alters unterhält er sich sehr verständig mit einem.

Er sagt zum Beispiel, er wisse, daß es nicht weh tut, den Verband zu wechseln, nein, er würde nicht weinen, ja, er wisse, daß man ihm nur helfen wolle; aber in dem Augenblick, da man wirklich mit dem Verbandwechsel beginnt, fängt er an, aus Leibeskräften zu schreien, als hätte er gar keinen Verstand. Fragt man ihn dann bei all diesem Gebrüll, ob es weh tut, dann hört er sofort auf zu schreien und sagt: »Nein, es tut nicht weh«, schreit aber sofort wieder weiter.

Ich will nicht behaupten, daß ich das verstehe, nur weiß ich, daß seine Verbrennungen und die anschließende lange, qualvolle Behandlung dem Kind etwas angetan haben, das sich auf seiner Haut nicht zeigt.

Jeden Tag läßt sich derjenige, der den Verband wechselt, viel Zeit, um sich mit Ronnie zu unterhalten, und jeden Tag erzählen wir ihm, daß der Verbandwechsel heute leichter sein wird als gestern und daß er morgen noch leichter sein wird. Wir haben ihn so weit, daß er es halb glaubt, aber eben nur halb.

Wenn ich darüber nachdenke, kommt es mir wie ein Unrecht vor, daß ein Junge seines Alters ein solches Maß an Schmerzen, und noch dazu solche Schmerzen, ertragen soll; für so etwas hätte er später noch Zeit genug.

Im Alter von zwei Jahren hat er etwas erfahren, wovon er eigentlich auf lange Zeit hinaus noch nichts hätte wissen dürfen, wenigstens so lange nicht, bis er die Gefahr gekannt und die Möglichkeit gehabt hätte, eine psychische Abwehr dagegen aufzubauen. Ich frage mich, ob dieser Kleine je lernen wird zu lächeln.

Anschließend sah ich mir noch einige Patienten auf 1-Ost an; da sind zwei oder drei wilde kleine Jungen, etwa neun oder zehn Jahre alt, die wegen eines Megakolons chirurgisch behandelt worden sind**. Der verengte Teil des Kolons muß entfernt und das Ende zum After durchgezogen werden.

Einer von ihnen ist Mike Long; er hat eine starke Narbenbildung am After, so daß der MA sein Rektum täglich mit dem Finger erweitern muß. Und Mike gefällt das nicht die Bohne.

Er ist sowieso wild und energisch genug, und wenn er einen mit dem Gummihandschuh kommen sieht, dann stellt er sich auf den Standpunkt: »Gut, Herr Doktor, in Ordnung, aber erst müssen Sie mich kriegen.«

Eins habe ich gelernt: Nicht alle Patienten hier sind unbedingt süße kleine Lieblinge oder eine wahre Wonne. Ich weiß, daß Ich in den ersten paar Tagen das Gefühl hatte, man könnte einem kranken Kind keinen Vorwurf machen, wenn es garstig ist, und daß ich meine eigenen negativen Reaktionen auf einige dieser Kinder niederkämpfen mußte.

Jetzt bin ich nicht mehr so sicher; ich halte es für möglich, daß manchmal ein von Natur aus garstiges Kind zufällig krank wird und ins Krankenhaus kommt und dann sozusagen einen Freibrief bekommt, seine Garstigkeit von A bis Z auszuspielen.

Die erste Aufnahme am Samstagnachmittag war ein wahrer Alptraum. Es war eine Privatpatientin von Dr. A. C. Bell, die mit Durchfall und Erbrechen ins Krankenhaus kam. Sie war ein kleines Biest, ein vierjähriges Mädchen, Mamas ausgesprochener Liebling.

Von dem Augenblick an, da sie zur Tür hereinkam, begann sie zu schreien und sich gegen jeden und alles zu wehren. Der Durchfall und das Erbrechen waren nicht sehr schlimm; sie war vielmehr deswegen hier, weil Mama pünktlich jede Stunde Dr. Bell belästigt hatte, bis er sich irgendwie retten mußte und ihr riet, das Kind ins Krankenhaus zu bringen.

Das Mädchen war nicht sehr ausgetrocknet, aber Bell wollte, daß sie intravenös etwas Flüssigkeit bekäme, so gab ich sie ihr und mußte sie buchstäblich im Bett festbinden, damit ich eine Nadel in die Vene bekam. Vorher hatte sie geschrien und getreten; jetzt wurde sie wütend und begann zu brechen, und je wütender sie wurde, um so mehr erbrach sie.

Nachdem der Tropf reingelaufen war, wollte Bell, daß ich ihr etwas zu trinken gäbe, aber sie wollte nicht trinken. Nachdem ich ihr viel und lange zuge- redet hatte, rief ich Bell an und sagte: Das Kind trinkt einfach nicht; was soll ich tun? Bell meinte, ich solle ihr eine Magensonde stecken und ihr in einem Zeitraum von dreißig Minuten einen halben Liter Flüssigkeit durch den Schlauch geben.

Also hatte ich das Vergnügen, sie wieder im Bett festzubinden und die Magensonde zu stecken. Sie begann zu erbrechen, zu schreien und zu würgen, beschmierte mich und das Bett mit Kotze und schrie aus Leibeskräften.

Na, trotzdem kriegte ich den verdammten Schlauch runter; aber inzwischen war ich so weit, daß ich hätte schreien können, und ich sah zu, wie die Schwester im Laufe von dreißig Minuten 500 Kubik Fruchtsaft und Wasser in den Schlauch schüttete, und im Laufe der nächsten dreißig Minuten bekamen wir ungefähr 2000 Kubik zurück.

Deshalb sagte ich, zum Teufel damit und zum Teufel mit Dr. Bell. Ich zog die Sonde raus und gab ihr eben keine Flüssigkeiten.

Als wir das alles hinter uns hatten, muß sie trockener gewesen sein als vorher, aber sehr trocken konnte sie nicht gewesen sein. Meiner Meinung nach kann ein Kind, das so viel Kraft hat, um zu schreien und zu treten, nicht so überaus krank sein.

Ich sagte den Schwestern, sie sollten sie erst mal eine Weile richtig durstig werden lassen und ihr dann kleine Mengen zu trinken geben, aber nur, wenn sie verspräche, sich anständig zu benehmen, und dann ging ich. Ich nehme an, daß das klappte, denn Bell schickte sie Sonntag früh nach Hause.

Nachts um zwei ging ich ins Bett, um halb drei war ich schon wieder auf, und den Rest der Nacht verbrachte ich damit, wie ein Jo-Jo ins Bett zu schnellen und wieder raus.

Ein Patient von Dr. Simon Sheffield mit Nesselfieber war ungefähr um elf aufgenommen worden. Sheffield hatte der Schwester die Anweisung gegeben, ihn anzurufen, wenn in der Nacht irgendwas passierte.

Jetzt hatte das Kind um halb drei angefangen zu brechen, und die Nachtschwester auf Parterre-Ost rief mich an, ich sollte mir das Kind ansehen. Ich stürzte runter und dachte, etwas Entsetzliches sei geschehen, aber sie wollte eigentlich nur von mir wissen, ob es richtig sei, wenn sie Dr. Sheffield anriefe, um ihm zu sagen, daß das Kind gebrochen habe.

Ich fragte: »Wollte er denn angerufen werden?«, und sie sagte: »Ja, das wollte er«, also fragte ich sie: »Und warum rufen Sie ihn dann nicht an?«

Ja, sie wüßte nicht, ob sie das tun sollte. Daraufhin ließ ich meinen Kopf auf den Schreibtisch sinken und eine Weile da liegen, bis ich dann zu dem Schluß kam, daß es zwecklos sei, sich gegen all das aufzulehnen. Ich ging also rein und sah mir das Kind an (es schlief fest), und dann sagte ich der Schwester, sie könne es halten, wie sie wolle, mir sei es völlig Wurst, und ging wieder ins Bett.

Heute ging es rund, eine Menge Neuaufnahmen. Ronnie Petroni, der Junge mit den Brandwunden, kam zu einer weiteren Transplantation nach oben. Joey McCarran mit seinem schrecklichen Ekzem ist fast in Ordnung; nur wenn seine Mutter ihn besucht, dann scheint ihn das immer zurückzuwerfen

- drei Tage lang ist er dann mißmutig

und kratzt sich, bis er drüber weg ist.

Sonntag, 25. März

Harry Muldoon ist ein wahrer Segen auf dieser Abteilung; wir arbeiten in den Dienstnächten Hand in Hand und sind gute Freunde geworden. Es ist erstaunlich, wieviel mehr Spaß die Sache macht, wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, den man mag und dem man vertraut.

Muldoon ist ein Arbeitstier, und er hat eine Geduld, die ich bei weitem nicht aufbringe. Er ist unglaublich nett zu eben den Kindern, die mich einfach rasend machen. Er ist so gründlich und sorgfältig, daß ich mich manchmal meiner eigenen Schlampigkeit schäme, und er hängt das keineswegs an die große Glocke.

Und besonders in einer Woche wie der letzten, in der wir mit Jeannie Klein beschäftigt waren, war es wohltuend, Muldoon um sich zu haben.

Jeannie ist ein niedliches Ding von etwa acht Jahren, das der Vater am Dienstagabend gegen halb acht in die Ambulanz brachte, weil ihr den ganzen Nachmittag schlecht gewesen war. Ich vermute, Jeannie Klein war ein diagnostischer Erfolg für mich, auf den ich sehr stolz sein kann.

Jeannie hatte den ganzen Nachmittag über Kopfschmerzen geklagt und beim Abendbrot gesagt, der Nacken täte ihr weh, und dann taten ihr die Augen weh und die Wangen. Es war furchtbar schwierig, ihr in den Hals zu gucken.

Sie schien auch nervös wie sonst was zu sein. Ich nahm gleich eine Nasen- und Rachenkultur ab und entnahm etwas Blut für Laboruntersuchungen, während ich darauf wartete, daß der Assistenzarzt, Dr. Pfeiffer, herunterkäme und sie sich ansähe; meiner Meinung nach hatte sie eine Meningitis (Hirnhautentzündung) oder Poliomyelitis im Anfangsstadium.

Die Vorwarnung kam gegen elf, als die Schwester von 1-Ost mich anrief und sagte: »Herr Doktor, ich glaube, Sie sollten kommen und sich Jeannie Klein ansehen. Sie ist so nervös, daß sie jedesmal zusammenfährt, wenn ich in ihre Nähe komme, und sie hat das Thermometer zerbissen, als ich es ihr aus dem Mund nehmen wollte.«

Ich ging runter und dachte, die Schwester übertreibt sicher, aber dem war nicht so. Jeannie hatte das Thermometer einfach durchgebissen.

Und sie war mehr als nervös; als ich die Zimmertür aufmachte, wäre sie fast aus dem Bett gesprungen. Ich sah sie mir an, klopfte ihr leicht auf die Backe und beobachtete, wie ihre Kiefermuskulatur sich verkrampfte und sie die Zähne zusammenbiß. Ich hatte so etwas erst einmal gesehen, und zwar bei einem italienischen Gärtner in Baltimore.

Ich fragte den Vater, ob sich das Mädchen kürzlich geschnitten oder irgendwie verletzt habe; nun, meinte der Vater, eigentlich nicht, nur sei sie vor etwa einer Woche draußen im Garten auf einen Nagel getreten und habe es bis heute nicht gesagt, weil sie Angst hatte, sie müßte zum Arzt gehen und eine Spritze bekommen. Nun wußte ich, daß wir in der Patsche saßen, und ich wußte auch, in was für einer.

Ich ging raus zum Telephon und klingelte Pfeiffer aus dem Bett: »Roger, schauen Sie sich lieber gleich jetzt die kleine Jeannie noch mal an; ich glaube, sie hat Tetanus« (siehe Kasten Seite 56).

Ausnahmsweise fing Pfeiffer nicht an, mit mir zu streiten. Er kam rasch herunter, sah sich das Mädchen an und sagte: »Ja, ich fürchte, diesmal haben Sie recht.«

Er ging raus, um Dr. Michael Adair, den Kinderarzt, anzurufen, und dann bat er den chirurgischen Assistenzarzt, runterzukommen und dem Mädchen einen Tracheotomie-Tubus in die Luftröhre zu stecken**.

Dann traten wir unsere Nachtwache an - eigentlich eine Wochenwache. Es ist so jämmerlich wenig, was man wirklich gegen Wundstarrkrampf tun kann. Man gibt Antibiotika, um den Bazillus abzutöten, so daß kein Toxin mehr erzeugt wird, aber man kämpft gegen das schon im System befindliche Gift.

Man kann Antitoxin geben (wir taten es auch - 60 000 Einheiten in 40 Kubik Pferdeserum) und die ganze Nacht akute Serumreaktion in Kauf nehmen; wir gaben etwa alle halbe Stunde 3000 Einheiten und versuchten, genug Stellen zu finden, wo man es noch in sie reinkriegen konnte.

Aber das Antitoxin neutralisiert nur das Gift, das noch nicht im Zentralnervensystem fixiert ist. Was da schon eingedrungen ist, ist unerreichbar, und daran kann der Patient sterben.

Jeannies Krämpfe wurden während der Nacht immer schlimmer. Plötzlich preßten sich ihre Kiefer zusammen, ihr Rücken wölbte sich, ihre Arme und Beine wurden steif, sie schnappte nach Luft und wurde dann blau; diese Krämpfe dauerten nur etwa zwanzig Sekunden, aber in diesen zwanzig Sekunden litt das Mädchen Höllenqualen.

Wir versuchten es mit Muskel-Relaxantien und mit Dolantin gegen die Schmerzen, aber es waren schwache Waffen, die wir einsetzen konnten, und wir wußten es; nur Curare oder Vollnarkose hätte diese Krämpfe wirklich verhindern können, aber man kann ein Kind nicht zehn Tage lang unter Narkose oder Curare halten.

Wir bemühten uns die ganze Woche um Jeannie, und noch immer bemühen wir uns. Sie lebt noch, aber es geht ihr nicht viel besser.

Und bei alledem habe ich eine kalte, sich verstärkende Wut auf die Eltern, die es zuließen, daß so etwas Entsetzliches geschehen konnte. Jeannie hat mit zwei Monaten ihre erste Impfung gegen Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus bekommen, aber offenbar ist sie nie wieder zum Arzt gebracht worden für die restlichen Säuglings-Impfungen.

Ebensowenig bekam sie die Wiederholungen, und nur weil die Eltern das verbummelt haben, stehen die Aussichten, daß das Kind stirbt, fünfzig zu fünfzig, und daß es, wenn es stirbt, eine Woche fürchterliche Qualen erleidet.

Montag, 2. April

Jeannie Klein beanspruchte ein gut Teil der Woche. Sie ist, gottlob, noch am

Leben, aber ihr Zustand hat sich nicht sehr gebessert.

Es scheint jetzt kein Zweifel mehr zu bestehen, daß sie Starrkrampf hat; die große Frage ist nun, ob sie das Toxin überlebt oder das Toxin sie. Es wird sehr, sehr langsam ausgeräumt, und die Muskelkrämpfe und der Nahrungsmangel (sie wird fast vollständig intravenös ernährt) nehmen sie schwer mit.

Wenn sie lange genug durchhält, wird sie es schaffen; wenn ihre letzten Reserven vorher erschöpft sind, nicht.

Eins ist gewiß - das Krankenhaus kämpft für das Mädchen. Es ist der erste lebende Tetanusfall, den das Krankenhaus seit drei Jahren hat, und es wird an nichts gespart. Die Stationsschwestern haben aus eigener Initiative einen 24-Stunden-Sitzwachenplan aufgestellt, so daß Jeannie immer eine Sitzwache hat, ohne daß den Eltern irgendwelche Kosten entstehen: wirthaben jeden Kinderarzt der Stadt zur Konsultation zugezogen, und keiner von ihren hat eine Liquidation geschickt.

Es ist eine abscheuliche und todbringende Krankheit wie Krebs im letzten Stadium; aber im Gegensatz zu Krebs ist Starrkrampf nicht unbesiegbar, und wenn die Patienten genesen, dann genesen sie vollständig - es bleibt kein Hirnschaden oder dergleichen zurück. Aber es ist eine Krankheit, bei der Leben oder Tod weitgehend in der Hand jener liegt, die das Kind pflegen.

Ein weiterer Patient in Nöten war ein kleiner Junge von sieben oder acht Jahren unten auf Parterre-Ost. Er hatte vor einem Monat Masern gehabt und bekam jetzt eine galoppierende Masern -Enzephalitis dazu*.

Das ist eine gottlob seltene Komplikation der Masern, aber eine furchtbare, wenn sie auftritt. Dieser Junge war seit über zehn Tagen komatös, sein Fieber stieg bis 41,5, und er hatte Atembeschwerden**. Samstag nacht bekam er anfallsweise Muskelzucken.

Ich rief seinen Kinderarzt an, als es anfing, und er meinte, das wären wahrscheinlich Enthirnungsanfälle, das nämlich, was passiert, wenn der größte Teil des Denkapparats völlig ausgeschaltet wird. Es ist anzunehmen, daß der Junge überhaupt kein funktionierendes Gehirn mehr hat, und der Neurologe, der kam, um ihn sich anzusehen, war bestimmt nicht sehr zuversichtlich.

Aber Pfeiffer behauptet, daß es Tage und Wochen so gehen könne, und dann plötzlich rappeln die Patienten sich eines Tages auf; es kommt nur darauf an, wie schnell sie sich aufrappeln, und nicht, wie schlimm es in einem bestimmten Augenblick aussieht. Ich hoffe, er hat recht, aber ich habe den leisen Verdacht, daß er sich nur selbst Mut zuspricht.

Ein kleines Mädchen auf Parterre-Ost ist wirklich unheimlich. Ich wurde während des Wochenendes mehrmals zu ihr gerufen. Sie heißt Betty Bartell, ist ungefähr sechseinhalb Jahre alt und wurde vor ein paar Wochen aufgenommen, weil sie ohne ersichtlichen Grund all ihr Essen erbrach.

Man war sich nicht einmal darüber klar, ob sie es absichtlich tat oder nicht. Stone glaubte, sie habe ein Ulkus oder irgendeine Darmstörung, aber sie ist geröntgt worden, und alles war in Ordnung. Sie erbrach weiter und war immer weniger interessiert an dem, was um sie herum vorging.

Schließlich beschlossen wir, jemanden von der Klapsmühle kommen zu lassen, denn sie sah mehr und mehr nach katatoner Schizophrenie aus. Oder aber sie spielte verdammt gut Theater.

Dienstag, 3. April

Oben auf der Station traf ich den Psychiater, der als Konsiliarius für die

kleine Betty Bartell zugezogen worden war. Gestern haben wir ihr gar nichts mehr zu essen gegeben und sie nur noch intravenös ernährt; so, wie die Dinge lagen, nahm sie nur ab und trocknete mehr und mehr aus.

Der Beklopptenarzt meinte, er hielte sie nicht für psychotisch, aber das Erbrechen sei zumindest psychosomatisch, und dieses Sich-Zurückziehen, das wir bei ihr sehen, könnte bedeuten, daß sie langsam verhungert.

Er sagte, das Beste, das wir für das Mädchen tun können, sei, die Mutter nach Hause zu schicken und zu sehen, was dann geschieht. Ich sprach dann mit Stone darüber; offenbar hatte er schon am Sonntag versucht, die Mutter dazu zu überreden, für ein paar Tage nach Hause zu gehen, aber er hatte nicht sehr gedrängt.

Jetzt beschlossen wir, Druck dahinterzumachen, und sagten der Mutter schlankweg, Betty würde kränker statt gesünder und der Psychiater sei der Ansicht, es würde für sie besser sein, wenn Mammi mal eine Weile weg wäre. Die Mutter war widerstrebend einverstanden, nach Hause zu gehen, und sagte Betty, sie würde mehrere Tage lang nicht hiersein.

Das war etwa um halb drei. Um fünf, kurz bevor ich nach Hause ging, infiltrierte Bettys Tropf, und die Schwester schnappte mich, damit ich ihn wieder in Gang brächte. Das Mädchen sah mich ins Zimmer kommen, sah mir in die Augen und erklärte klipp und klar, sie würde aufhören zu brechen, wenn ich den Tropf nicht wieder anhänge!

Na, das fand ich eine vernünftige Abmachung und sagte es ihr. Schön, heute

abend würden wir es versuchen. Das letzte, was ich von ihr sah, war, daß sie im Bett saß, munter wie nur was, und ohne Schwierigkeiten einen halben Liter Hühnerbrühe löffelte.

Samstag, 7. April

Ein trauriger Fall wurde Mittwoch nacht aufgenommen, ein achtjähriger Junge mit Namen Teddy Conklin. Ich hatte ein merkwürdiges Erlebnis mit ihm.

Er war die letzten sechs Monate in einem anderen Krankenhaus gewesen, hauptsächlich, weil er einen angeborenen Herzfehler hat - er hat einen riesigen, häßlichen, tonnenförmigen Brustkorb und ein Herz in der Größe einer Wassermelone. Er wurde hierhergeschickt, weil er Spuren von Blut im Urin,

punktförmige Hautblutungen und Fieber von 40 und 40,5 hatte.

Stone sah ihn sich mit mir an, und der Junge war ruhig, vernünftig und gutwillig. Wir glaubten, daß alles auf eine Endocarditis lenta hinwies, eine Entzündung der Herzinnenhaut, wie sie so viele Kinder mit Herzfehlern bekommen.

Ich ging dann in sein Zimmer, um ihm Blut für eine Blutkultur abzunehmen, die nämlich die einzige Möglichkeit bietet, die Diagnose eindeutig zu stellen, und der Junge sah mich an und sagte nein. Einfach so.

Er weinte nicht, er bettelte und jammerte nicht und schlug auch nicht um

sich; er sah nur zu mir auf und sagte: keine Spritzen.

Ich setzte mich ein bißchen hin und redete mit ihm - er war ein sehr vernünftiges und intelligentes Bürschchen

- und erklärte ihm, daß wir Blut aus

seinem Arm brauchten und daß ich es so vorsichtig und schnell und behutsam machen würde, wie ich nur könnte, und wenn er wegguckte, dann würde er es kaum merken. Er sah mich nur an.

Er beobachtete mich, wie ich seinen Arm nahm, die Staubinde anlegte, nach einer guten Vene suchte und dann die Haut mit Jod reinigte, und ohne Warnung beugte er sich dann vor und biß mich In die Hand. Er tat nicht nur so; er biß bis aufs Blut.

Ich ließ die Spritze fallen, gab ihm eine Ohrfeige und sagte: »Hör auf damit!«, und er ließ los und sah mich an; in meinem ganzen Leben habe ich nicht

so viel Haß und Wut gesehen wie jetzt bei diesem Kind.

Ich sagte: »Hör zu, Junge; ich werde das Blut aus deinem Arm entnehmen, und wenn ich dich am Bett anbinden muß. Also tu das nicht wieder.« Dann nahm ich eine neue Spritze, reinigte seinen Arm, und er biß mich wieder.

Daraufhin ging ich raus und holte Fesseln, band ihm Arme und Beine fest, stopfte ihm einen Gazebausch in den Mund und entnahm die Blutprobe. Ich war so wütend, daß ich kaum meine Hände ruhig genug halten konnte, um die Nadel reinzubekommen. Und den ganzen Abend schämte ich mich meiner Wut.

Teddy Conklin ist ein durch und durch garstiger kleiner Junge, aber wie kann man ihm einen Vorwurf daraus machen? Er ist seit sechs Monaten krank, sein Leben lang sind ihm Spritzen in den Körper gejagt worden, und er kann sich nicht dagegen wehren - was kann er schon tun?

Das Mädchen, das Tetanus gehabt hat, geht Montag nach Hause. Sie ist vollständig geheilt. Also können wir doch wenigstens in einigen schweren Fällen helfen.

Freitag, 13. April

Meine Zeit auf Parterre-West endete mit etwas ganz Entsetzlichem, einem der tragischsten Ereignisse, die mir während meiner MA-Zeit vorgekommen sind, und die Sache wurde dadurch noch schlimmer, daß Stone und ich die Tragödie auf den Höhepunkt trieben. Ich weiß nicht, was wir hätten tun sollen; Stone macht sich immer soviel Kummer und Gedanken über die ganze Familie der kleinen Patienten, Eltern und Kinder, und das schien mir ganz richtig zu sein.

Diesmal erwies es sich aber als schrecklich falsch. Wir waren Mittwoch abend gerade mit dem Esssen fertig, als uns die Schwester auf Parterre-West anrief und uns unter Tränen sagte, daß sie den kleinen Georgie Michaels tot im Bett gefunden hätte.

Georgie, ein zwei Jahre alter Negerjunge, war schon lange im Krankenhaus gewesen und der erklärte Liebling von allen. Er hatte einen angeborenen Luftröhrenschaden - ein Teil war eingedrückt - und wäre bei der Geburt fast erstickt, bis die Chirurgen einen Tracheotomie-Tubus einführten, so daß er atmen konnte.

Das war in seiner Heimatstadt im Norden des Staates gemacht worden; er wurde dann mit dem Flugzeug in unsere Kinderklinik gebracht, damit die stufenweisen Operationen, die notwendig waren, um jenen Teil der Luftröhre aufzubauen, hier durchgeführt wurden. Und es war ihm gutgegangen bis zu jenem Abend, als aus irgendeinem unbekannten Grunde ein Schleimpfropf den Tracheotomie-Tubus verstopfte und er still und leise in seinem Bett erstickte, ehe jemand es merkte.

Ja, Terry Stone war erschüttert, und er fürchtete sich davor, die Eltern des Kindes anzurufen. Er saß da, weinte selbst fast, und wir sprachen darüber, was wir den ahnungslosen Leuten am Telephon sagen sollten. Wer schlechte Nachrichten bringt, soll lese anklopfen, haben wir gelernt.

Schließlich kamen Stone und ich überein, ihnen einfach zu sagen, Georgies Zustand habe sich unerwartet verschlechtert und sie sollten noch heute abend so schnell wie möglich ins Krankenhaus kommen. Wenn sie da wären, wollten wir ihnen dann die wirklich traurige Nachricht lieber persönlich als übers Telephon sagen.

Terry rief sie also an, und sie sagten sie würden gleich losfahren - eine Strecke von 130 Kilometer. Das war um acht Uhr, wir warteten also auf sie. Und wir warteten und warteten.

Gegen Mitternacht rief Terry noch mal an, aber niemand meldete sich.

Um zwei Uhr rief Stone schließlich die Polizei an und erfuhr, was geschehen war. Ihr Wagen war von der Straße abgekommen. Der Polizeibeamte sagte, sie müßten auf ihrer Blitzfahrt zum Krankenhaus über 140 gefahren sein, wobei der Wagen aus einer scharfen Kurve geschleudert worden sein muß. Beide waren gleich tot.

Ich weiß nicht, was man dazu sagen soll. Ich weiß auch nicht, was wir hätten tun sollen, wahrscheinlich ihnen am Telephon kaltblütig die Wahrheit sagen. Ich weiß nur, daß in einem Krankenhaus wie diesem schreckliche Dinge geschehen und ich in den beiden letzten Wochen nichts anderes erlebt habe als schreckliche Dinge. Man tut, was man für richtig hält, und wenn man unrecht hat, dann hat man eben unrecht, das ist alles.

Samstag, 21. April

Irgend jemand muß einen Zauberstab geschwenkt haben, und mit einem Mal ist es ruhig, ganz ruhig. Nach dem hektischen Tempo auf Parterre-West war diese Woche auf 3-West geradezu langweilig; mir kam es vor, als sei ich in einem anderen Krankenhaus. Auf dieser Station gibt es Frühgeburten. Neugeborene und Säuglinge bis zu sechs Monaten, sowohl internistische wie chirurgische Fälle. Doch ist nur etwa ein Drittel der Betten belegt, und es gibt überaus wenige Neuaufnahmen.

Diese ganz Kleinen brauchen eigentlich weniger Ärzte als Schwestern, die sie pflegen, und das Pflegepersonal hier ist tüchtig. Ich hatte mir Sorgen gemacht über die Prozeduren bei so winzigen Säuglingen, aber das einzige, was ich bisher zu tun bekam, waren Lumbalpunktionen, die ich bei diesen Winzlingen ganz gut zuwege bringe.

Gestern abend mußte ich einem einen Monat alten Baby 80 Kubik Erythrozytenkonzentrat einpumpen und bediente mich dabei einer Schädelvene, die etwa so dick wie ein Haar war, und das dauerte die halbe Nacht, aber es war nicht besonders schwierig. Der Kleine merkte nicht einmal, was vorging.

Ach ja, eine Prophezeiung ist eingetroffen. Irgend jemand hat mir, lange bevor ich zur Kinderklinik kam, gesagt, ich könne darauf rechnen, mindestens einen Aspirin-Fresser auspumpen zu müssen, ehe ich hier rauskomme, und tatsächlich, Mittwoch abend war es soweit.

Mammi brachte ihr zwei Jahre altes Töchterchen um halb neun mit der üblichen traurigen Geschichte: Sie war ins Zimmer gekommen, da saß das Kind und hatte ein ganzes Glas Aspirin über den Wohnzimmerfußboden verstreut und kaute stillvergnügt ein paar Tabletten.

Die Mutter wußte nicht, wieviel das Kind gegessen hatte, ob ein Dutzend oder gar fünfzig. In dem Glas waren hundert gewesen, und fünfzig oder sechzig lagen noch auf dem Fußboden.

So hatte ich also die herrliche Aufgabe, dem Gör einen Magenschlauch reinzustopfen und Wasser in den Magen reinzupumpen und wieder raus. Dem Kind gefiel das gar nicht. Ich muß eine Dreiviertelstunde lang rein- und rausgepumpt und dieses grausliche weiße Zeug aus seinem Magen geholt haben.

Weiner sah sich das Kind an und telephonierte dann mit dem Kinderarzt, und sie beschlossen, die Kleine nach Hause zu schicken, wenn sie ausgepumpt sei, und so kam sie nach Hause. Trauriger bestimmt. Ob klüger, das weiß ich nicht.

Am selben Abend verbrachten wir eine ziemlich wilde halbe Stunde mit einem anderen Wurm in der Unfallambulanz, das mit einer Verengung des Kehlkopfes eingeliefert wurde; es krächzte mit jedem Atemzug und war aschfahl im Gesicht. Den ganzen Tag hatte das Kind nur eine leichte Erkältung gehabt, und dann kam das ganz plötzlich.

Ich ließ nach Weiner telephonieren während ich anfing, ein Besteck für den Luftröhrenschnitt (Tracheotomie) auszugraben, und hoffte, er würde runterkommen, ehe ich es letztlich selbst machen müßte.

Er kam, aber wir suchten drei sterile Tracheotomie-Bestecke durch und konnten in keinem ein Messer finden. Schließlich mußte er ein Taschenmesser nehmen, um dem Kind einen Schnitt in den Hals zu machen und einen Tubus in die Luftröhre unterhalb des Hindernisses zu bekommen. Weiner war der Held des Tages, er brachte es rechtzeitig zustande, und das Baby ist wohlauf.

Am nächsten Tag hielt uns ein Hals -Nasen-Ohren-Arzt einen sehr guten Vortrag über Laryngospasmus und Tracheotomien mit und ohne richtige Ausrüstung. Es war ein sehr anregender Vortrag, der mich fast denken ließ, daß die »Fünf-Löcher-Ärzte« doch eine gewisse Daseinsberechtigung haben mögen. Er betonte etwas, was ich schon oft gehört habe, daß nämlich der Zeitpunkt für einen Luftröhrenschnitt dann gekommen ist, wenn man glaubt, daß das Kind ihn in einer halben Stunde dringend brauche.

Samstag, 28. April

Wiederum eine sehr ruhige Woche auf 3-West; ungefähr das einzig Interessante war eine Austausch-Transfusion bei einem Neugeborenen gestern abend, wobei ich Weiner assistierte.

Als das Kind kam, war es quittegelb, es war fünf Tage alt. Es bestand eine dicke Rhesus-Anamnese - die Mutter war Rh-negativ, der Vater Rh-positiv und das Baby auch Rh-positiv -, aber während der ganzen Schwangerschaft haben die Blutuntersuchungen auf keinerlei bevorstehende Komplikationen hingewiesen.

Weiner fand die Nabelvene ohne Schwierigkeiten - sie lassen immer einen feuchten Umschlag drauf, wenn Rhesus-Probleme möglich sind - und brachte eine Kanüle rein, und dann handelte es sich nur darum, neues Blut reinzupumpen und altes Blut rauszuholen, zuerst immer zehn Kubik auf einmal, dann 20 Kubik. Angeblich kann man so das gesamte Blut austauschen.

Jedenfalls fingen wir mit der Prozedur um halb drei morgens an und waren ungefähr um Viertel vor fünf fertig. Dem Kind schien es gut bekommen zu sein. Ich konnte noch ein paar Stunden schlafen, und dann holte mich Ann am Krankenhaus ab.

Deutsche Rechte: Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München/Zürich.

* Zyanose: Blaurotes Aussehen infolge Sauerstoffmangel des Blutes.

** Transposition der großen Blutgefäße: Die große Körperschlagader (Aorta) entspringt fälschlicherweise der rechten, die Lungenarterie der linken Herzkammer. Dadurch führt die Aorta dem Körper sauerstoffarmes Blut zu; die Lungenarterie leitet das von der Lunge kommende sauerstoffreiche Blut wieder in die Lunge zurück.

** Elektrolyte: hier vor allem Natrium und Kalium. Mit Hilfe des Natrium speichert der Körper das Wasser; mit Hilfe des Kalium scheidet er es aus. Gerät das Verhältnis der beiden Elemente aus dem Gleichgewicht, sprechen die Mediziner von einer Störung des Elektrolyt-Haushalts.

** Megakolon: krankhaft erweiterter Dickdarm.

** Tracheotomie-Tubus: Röhrchen in einem Luftröhrenschnitt, durch das der Patient atmen kann.

* Enzephalitis: Gehirnentzündung.

** Koma: Bewußtlosigkeit, ein bei verschiedenen Krankheiten vorkommender Zustand tiefster, durch äußere Reize nicht zu unterbrechenden Bewußtseinsstörung.

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* In der New York University Medical School.

* Im St. Joseph's Hospital In Lancaster (Pennsylvania).

* Pediatric Clinic, Tufts Medical Center, Boston (Massachusetts),

* Bei der Beatmung durch einen Tracheotomie-Tubus; im Hintergrund das Atemgerät.

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