* 3. Das Informationszeitalter * 3.2. Der Computer der Zukunft INTERNET IN DER AKTENTASCHE
SPIEGEL: Monsieur Mazeau, wie sieht der Computer der Zukunft aus?
Mazeau: Wie sieht er aus? Am wahrscheinlichsten ist, dass man ihn gar nicht mehr sieht. Wir alle werden zahlreiche kleine elektronische Geräte bei uns tragen. Wenn diese Geräte alle miteinander vernetzt sind, werden sie wie ein unsichtbarer elektronischer Organismus agieren, der Dinge für uns als elektronischer Assistent erledigt, ohne dass eine bestimmte Maschine als »der Computer« dafür nötig wäre.
SPIEGEL: Was werden das für Geräte sein?
Mazeau: Geräte wie Handys und elektronische Terminkalender haben schon heute zahlreiche Fähigkeiten. In Zukunft werden sie ständig mit dem Internet verbunden sein. Andere Alltagsgegenstände werden immer intelligenter. Ein Stift, mit dem wir schreiben, könnte auch gesprochene Worte aufzeichnen und als E-Mail verschicken. Die Zahl der elektronischen Geräte pro Person wird immer weiter zunehmen, vielleicht bis auf 100, vielleicht auch auf 1000.
Computer sind in der Uhr, im Auto, im
Telefon - und alle werden ständig miteinander kommunizieren.
SPIEGEL: Wie entsteht daraus ein Informationsverbund?
Mazeau: Das Problem der physikalischen Datenübertragung ist schon gelöst. Es gibt bereits einen einheitlichen Funkstandard, mit dem Geräte miteinander in Kontakt treten können. Viel schwieriger ist aber die Frage zu lösen, wie in so einem bunt zusammengewürfelten Verbund die Informationen sinnvoll koordiniert werden. Heute ist zum Beispiel eine Telefonnummer im Handy gespeichert, die E-Mail-Adresse derselben Person im PC im Büro, aber nicht im Rechner zu Hause. In Zukunft wird die Information im Netzwerk leben und immer an allen Orten aktuell sein.
SPIEGEL: Ich gebe Ihnen dann meine Visitenkarte ...
Mazeau: Das können Sie auch schon heute elektronisch. Aber die Visitenkarte der Zukunft enthält eben nicht Ihre Adresse und Telefonnummer, sondern sie gibt mir die Berechtigung, im Datennetz jederzeit Ihre aktuelle Telefonnummer und Adresse abzufragen. Heute nützt ein elektronisches Adressbuch nicht viel, wenn die Hälfte der Einträge nicht mehr stimmt oder in Notizbuch und Handy unterschiedliche Nummern gespeichert sind. In einer Welt vernetzter Geräte wird jeder von einer Art Informations-»Aura« begleitet sein. Jede Änderung von Daten pflanzt sich in dieser Umgebung fort, alles ist aktuell und in dem Moment verfügbar, wenn es gebraucht wird.
SPIEGEL: Verschwindet dann der PC?
Mazeau: Es wird wahrscheinlich in diesem Informationsverbund auch eine Art PC geben, aber der wird in den Arbeitsplatz integriert sein. Er wird vielleicht Gesten erkennen. Also kein Monitor, vor dem man sitzt, sondern eine Art intelligenter Schreibtisch, mit dem man auch sprechen und dem man Briefe diktieren kann.
SPIEGEL: Das klingt ähnlich utopisch wie das »papierlose Büro«, von dem seit Erfindung des Computers die Rede ist, das aber nie Wirklichkeit wurde.
Mazeau: Das »papierlose Büro« entsprang der frühen Euphorie für eine neue Technologie. Damals hat sich niemand darüber Gedanken gemacht, dass Papier in unserer Kultur mehr ist als nur ein Trägermaterial für einen Text. Das papierlose Büro funktioniert schon deshalb nicht, weil es unangenehm ist, mehr als zwei Seiten Text auf einem Bildschirm zu lesen. Auch sehe ich in absehbarer Zeit kein Gerät, das so schnellen Zugriff auf Informationen ermöglichen würde wie ein Buch, in dem man blättern kann.
SPIEGEL: Also bleibt uns das Papier noch eine Weile erhalten.
Mazeau: Aber das Papier muss ja nicht so bleiben, wie es heute ist. Das elektronische Papier, das wir gerade entwickeln, kann vom Computer mit beliebigem Inhalt beschriftet werden. Dieses Papier kann man genauso handhaben, wie wir es gewohnt sind, es zum Beispiel zu Stapeln ordnen. Sie könnten dieses Papier falten oder in der Aktentasche mitnehmen.
SPIEGEL: Wo ist da der Fortschritt?
Mazeau: Wir kombinieren das Beste aus beiden Welten. Im Extremfall ist jedes Blatt Papier dann ein Computer. Wir entwickeln eine Technik, die es erlaubt, ganze Schaltkreise auf Papier aufzudrucken. Aber wenn wir uns nicht mehr der Tatsache bewusst sind, dass wir es mit einem Computer zu tun haben, können wir viel natürlicher mit den Geräten umgehen. Elektronisches Papier ist ein Ausgabemedium, ein Interface zum Computer. Es könnte aus dem Internet ständig aktualisiert werden. Ein spezieller Schreibblock würde Notizen erfassen, das elektronische Dokument entsprechend ergänzen und die aktuelle Version per E-Mail verschicken.
SPIEGEL: Und wie entsteht daraus ein elektronischer Assistent?
Mazeau: Die wahre Herausforderung des Informationszeitalters liegt darin, uns vor überflüssigen Informationen zu schützen. In Zukunft werden wir Systeme haben, die aus der Interaktion mit dem Benutzer lernen, die seine Gewohnheiten kennen.
SPIEGEL: Auch solche Verheißungen gibt es schon lange. Aber kann das wirklich ohne Künstliche Intelligenz (KI) funktionieren? Und dass die für die nächsten Jahrzehnte utopisch bleibt, gilt unter den meisten Forschern als ausgemacht.
Mazeau: Für eine sinnvolle Bewertung von Informationen brauchen wir nicht unbedingt echte Intelligenz im Computer. Wir sind noch weit davon entfernt, die vollmundigen Versprechungen der frühen KI-Forscher einzulösen, nach denen es heute längst Rechner geben müsste, mit denen man sich wirklich unterhalten kann. Aber wir können schon heute mit statistischen Methoden den Inhalt von Texten kategorisieren und zum Beispiel erkennen, ob verschiedene Texte ähnliche Sachverhalte beschreiben.
SPIEGEL: Was wird aus dem Traum vom Übersetzungscomputer?
Mazeau: Die perfekte Maschinenübersetzung ist noch nicht in Sicht, aber wir haben zum Beispiel ein System entwickelt, das es Ihnen erlaubt, Wörter zu unterstreichen, die Sie nicht verstehen; Sie legen das Blatt dann in eine Art Fotokopierer und bekommen eine Textversion zurück, bei der sinnvolle Erklärungen am Rand ausgedruckt sind. Auch automatische Zusammenfassungen von Texten sind sehr hilfreich, selbst wenn sie nicht perfekt sind.
SPIEGEL: Helfen solche elektronischen Assistenten auch bei der Orientierung im Internet?
Mazeau: Wenn Sie zum Beispiel bestimmte Informationen im Internet suchen und etwas auf einer deutschen Website gefunden haben, kann der digitale Assistent ähnliche amerikanische Sites aufspüren. Ein Assistent kann im Computer präsent sein, wenn Sie ein Dokument verfassen, und, während Sie schreiben, Hintergrundinformationen zum selben Thema aus dem Netz anbieten.
SPIEGEL: Kommt da beim Benutzer nicht leicht das Gefühl der Bevormundung auf?
Mazeau: Das wird eine der Hauptaufgaben sein, die Kommunikation mit dem Benutzer so zu gestalten, dass er nie das Gefühl hat, hinter den Kulissen geht etwas vor, das er nicht versteht und nicht will. Leider gibt es heute einige Programme, die sich »Agenten« nennen und PC-Benutzer mit ungewollten Ratschlägen nerven. Echte Assistenten versuchen nicht, Fähigkeiten vorzuspiegeln, die sie nicht haben. Ich bezweifle im Übrigen, dass unsere Gesellschaft wirklich intelligente Rechner akzeptieren würde. Schließlich kreisen viele Science-Fiction-Filme nicht umsonst um die Frage, ob wir uns sicher sein könnten, dass solche Rechner nicht außer Kontrolle geraten und sich gegen den Menschen wenden können. INTERVIEW: JÜRGEN SCRIBA
* In einem Château bei Grenoble.