»Interpol zur Bekämpfung der Subversion«
Am 24. März 1976, dem Tag des Militärputsches gegen die Präsidentin Isabelita Peron in Argentinien, stürmten argentinische Sicherheitsbeamte das Sanatorium der paraguayischen Ärztin Gladys de Sannemann in der argentinischen Nordostprovinz Misiones. Der Grund: Als Studentin war sie Mitglied des Oppositionsflügels der in Paraguay regierenden Colorado-Partei gewesen; deshalb galt sie als »subversiv«.
In einer Polizeistation der Provinzhauptstadt Posadas wurde Gladys de Sannemann drei Monate lang festgehalten und gefoltert. Dann stülpten Polizisten ihr eine Kapuze über und brachten sie über die Grenze ins benachbarte Paraguay. Dort steckten ihre Peiniger sie ins berüchtigte Konzentrationslager »La Emboscada«.
»Einige der Häftlinge waren schon seit über 20 Jahren in dem Lager und halb verrückt«, erinnert sich die Ärztin. Fast 700 Männer, Frauen und Kinder wurden in »La Emboscada« interniert. Zunächst heimlich, dann mit Erlaubnis der Polizei, behandelte die Deutschstämmige Folteropfer und versorgte Kranke.
Im März 1977 wurde sie mit anderen Häftlingen in ein Flugzeug der argentinischen Luftwaffe gesetzt, das sie nach Buenos Aires brachte. Für einige Wochen hielt man sie in einem Folterzentrum des argentinischen Heeres fest. Es gelang ihr, eine Nachricht nach draußen zu schmuggeln und die deutsche Botschaft zu informieren. Am 31. März 1977 durfte sie nach Frankfurt ausfliegen.
Gladys de Sannemann, die nach Paraguay zurückkehrte und heute in Asuncion eine Praxis betreibt, ist eine der wenigen Überlebenden der »Operation Condor«, der staatlich organisierten Massenverschleppung politischer Gefangener zwischen Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay und Uruguay in den siebziger Jahren. Alle fünf Länder wurden damals von Militärdiktaturen regiert. In allen fünf Ländern waren Folter und Mord an Oppositionellen alltäglich.
Im Jahr 1975 lud Chiles berüchtigter Geheimdienstchef Manuel Contreras, der zur Zeit in Santiago wegen Mordes unter Anklage steht, seine Kollegen aus den vier Nachbarländern in die chilenische Hauptstadt ein. Auf der »strikt geheimen« Konferenz vom 26. bis 29. November 1975 beschlossen die Offiziere, ein Zentralarchiv aller »Subversiven« aus den fünf Ländern anzulegen und Gefangene auszutauschen. Um den »psycho-politischen Krieg« zu gewinnen, den der internationale Kommunismus entfesselt habe, so das geheime Konferenzprotokoll, wolle man eine »Interpol zur Bekämpfung der Subversion« einrichten.
Sitz des Zentralarchivs und Schnittstelle für die Zusammenarbeit war Santiago de Chile. Dessen Diktator Augusto Pinochet spendierte paraguayischen Polizeibeamten mehrere Stipendien zur »Ausbildung in Subversionsbekämpfung«.
Paraguays Diktator Alfredo Stroessner bot dafür dem Freund in Santiago Hilfe bei der spektakulärsten Mordaktion der chilenischen Geheimagenten an. Er ließ Pässe seines Landes für die Killer des ehemaligen chilenischen Außenministers Orlando Letelier ausstellen, der 1976 in Washington ermordet wurde. Die Chilenen entschlossen sich erst im letzten Moment, ohne paraguayische Papiere zu reisen.
Mit den Nachbarstaaten Argentinien und Brasilien hielt Paraguay 1977 mehrere geheime zweiseitige Konferenzen ab, die den Austausch von gefangenen Oppositionellen und die Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Guerilla regelten. Zahlreiche Regimegegner wurden durch Paraguays Folterzentren geschleust, bevor sie in ihre Heimatländer zurückgeschoben wurden, wo sie zumeist spurlos verschwanden.
In den Schreckensarchiven der paraguayischen Polizei fanden sich mehr als hundert Pässe von solchen Verschwundenen aus den Nachbarländern. Brasiliens Militärs bedankten sich 1976 in einem Schreiben an Paraguays Polizeichef für »den Austausch von Daten über brasilianische Subversive in Argentinien« - die direkte Verständigung mit den Konkurrenten in Buenos Aires war ihnen offenbar nicht möglich.
Menschenrechtsdelegationen aus Santiago, Buenos Aires, Montevideo und BrasIlia reisen derzeit nach Asuncion, um nach dem Schicksal von Zehntausenden Verschwundenen zu forschen. Paraguays Polizei hatte über die ausländischen Gefangenen Karteikarten mit Fotos angelegt.
Gladys de Sannemann sucht ihre Karteikarte bislang vergebens. Aber einen Beweis für ihre Verschleppung hat sie gefunden: Zwischen den Ordnern im Polizeiarchiv von Lambare lag ihr alter Mitgliedsausweis des argentinischen Automobilklubs.