»Intrigen in Hinterzimmern«
SPIEGEL: Von 1988 bis 1997 waren Sie für die SPD Erster Bürgermeister von Hamburg. Wie hat Ihnen Robert Atzorn in dieser Rolle gefallen?
Voscherau: Sehr gut. Die Hektik, der Zeitdruck und der psychische Druck, die Atzorn ausstrahlt, kamen mir sehr bekannt vor. Allerdings habe ich bisher nur Teile der ersten zwei Folgen gesehen.
SPIEGEL: Sie haben sich in Dieter Wedels »Affäre Semmeling« wiedererkannt?
Voscherau: Nein, das kann ich nicht behaupten.
SPIEGEL: Immerhin heißt der TV-Bürgermeister Klaus Hennig und sieht Ihnen erstaunlich ähnlich.
Voscherau: Gut, darauf hat man möglicherweise bei der Besetzung geachtet. Mein Déjà-vu-Erlebnis im Film war aber eher der Wahlkampfbus. Mit so einem Ding bin ich 1997 im Wahlkampf sieben Wochen ohne Pause, 14 Stunden pro Tag, durch Hamburger Arbeiterviertel gefahren.
SPIEGEL: Dass Wedel das Hamburger Rathaus als einen ziemlich korrupten Sumpf zeigt, weckt keine Erinnerungen bei Ihnen?
Voscherau: Nein, weil es im Rathaus keinen korrupten Sumpf gab und gibt. Dort ging's eigentlich recht trocken zu. Was ich bisher von der Serie gesehen habe, hat mit den realen Verhältnissen nur sehr begrenzt zu tun.
SPIEGEL: Ein Beispiel, bitte!
Voscherau: Gleich in der ersten Folge wird jemand durch Zufall Zeuge, wie ein Investor im Büro des Bürgermeisters einen Haufen Bargeld über den Tisch schiebt, weil er eine S-Bahn bauen will. Eine Parteispende an die SPD im Hamburger Rathaus: So was gibt es nicht.
SPIEGEL: Immerhin sollen Sie eine der wichtigsten Informationsquellen für Wedel gewesen sein.
Voscherau: Er hat bei Politikern recherchiert, auch bei mir. Ich habe ihm einige Dinge erzählt über die Form der Austragung politischer Meinungsverschiedenheiten im Sinne des alten Spruchs: Herr, schütze mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden schütze ich mich schon selbst.
SPIEGEL: Damit haben Sie offensichtlich Eindruck gemacht: Glaubt man Wedels Film, schmieden SPD-Mitglieder selbst an einem Opernabend Ränke gegen die eigenen Leute.
Voscherau: Sozialdemokratische Intrigen in der Oper sind gar nicht möglich, weil da nicht genug SPD-Mitglieder zusammenkommen. Wir treffen uns nicht mit dem Champagnerglas in der Hand und in Oberschicht-Robe. Intrigen gedeihen eher in Hinterzimmern. Hans-Ulrich Klose, mein Vorvorgänger als Bürgermeister, hat mal gesagt: In Hamburg kostet eine Intrige nur eine Telefoneinheit.
SPIEGEL: Ein Satz, den Wedel prompt in sein Drehbuch einarbeitete. Aber auch andere Ähnlichkeiten mit realen Personen sind frappierend: Mario Adorf spielt einen Senator mit dem Spitznamen Beton-Walter, weil der echte ewige Hamburger Bausenator Wagner als Beton-Eugen bekannt war.
Voscherau: Wenn man davon ausgeht, dass Wedel versucht hat, meinen Freund Eugen abzubilden, sind die Szenen mit Adorf weit weg von der Realität. Adorf atmet ja gerade nicht den sozialdemokratischen Stallgeruch.
SPIEGEL: Hätten Sie Wedel erlaubt, im Hamburger Rathaus zu drehen?
Voscherau: Ich musste diese Frage nicht entscheiden. Ich weiß aber, dass eine Mitarbeiterin der Rathaus-Pressestelle vor Scheinauthentizität gewarnt hat: Die Zuschauer könnten ja denken, so gehe es im Rathaus tatsächlich zu. Auf anderer Ebene hat man das lockerer gesehen.
SPIEGEL: Die andere Ebene war Ihr Nachfolger Ortwin Runde.
Voscherau: Auch die Wirtschaftsbehörde war der Auffassung, die in Deutschland einmalige Kulisse des Rathauses sei gut als Standortwerbung. Das mag sein. Ich fürchte nur, die Zuschauer werden denken: Das ist das Hamburger Rathaus, wie es liebt und lacht.
SPIEGEL: Ihr Alter Ego Robert Atzorn wird im Laufe der »Affäre Semmeling« Bundesgesundheitsminister. Ein gutes Omen für Ihre weitere Karriere?
Voscherau: Ein ehemaliger Hamburger Bürgermeister muss nicht Karriere machen. INTERVIEW: MARCEL ROSENBACH,
MARTIN WOLF