IRRWEGE DES GULASCHKOMMUNISMUS - DER SPIEGEL
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IRRWEGE DES GULASCHKOMMUNISMUS

• aus DER SPIEGEL 41/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die halbe Revolution kann nur zur ganzen gemacht werden, indem die Arbeiter sich die volle Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel und die erzeugten Produkte erkämpfen. Anstelle des Kapitalisten müssen die Arbeiter die Herren im Hause werden. Sie müssen alle Rechte des Eigentümers haben.

Die Arbeiter haben selbst zu bestimmen, wie der Gewinn des Unternehmens verwendet werden soll, wieviel zur Erneuerung, Ergänzung und Erweiterung der Produktionseinrichtungen, zur Einführung neuer Technologien und zur Erweiterung oder Spezialisierung des Sortiments der erzeugten Produkte aufgewendet werden soll, welcher Betrag für soziale Einrichtungen und kulturelle Leistungen ausgegeben und wieviel an die Arbeiter zum persönlichen Verbrauch verteilt werden soll.

Es ist offensichtlich, daß diese tiefgreifende, endgültige Umwandlung der kapitalistischen in eine sozialistische Basis vielfältige und strukturelle Umwälzungen im Überbau erforderlich macht. Diese Umwälzungen werden sich aber nicht nach einem vorgefaßten Plan vollziehen, sondern in einem permanenten revolutionären Prozeß.

Sozialismus ist Weg, nicht Ziel, Sozialismus ist Befreiung, nicht Freiheit. Befreiung ist schrittweise Eroberung von Freiheiten, schrittweise Sprengung von Fesseln. Viele der Fesseln, die uns einschnüren, werden erst sichtbar und fühlbar, wenn wir uns der ersten, der gröbsten Fesseln entledigt haben.

Auch wird im Laufe des Prozesses manches erst zur Fessel werden, was zuvor noch unentbehrliche gesellschaftliche Notwendigkeit war. Denn das tiefere Wesen des sich entwickelnden Sozialismus ist das Absterben des Staates, auch des sozialistischen Staates, dessen Formung und Festigung am Anfang, dessen Auflösung und Überflüssigwerden am Ende der Entwicklung steht.

Und dieser sozialistische Staat ist erst dann verwirklicht, wenn er die Strukturen der permanenten Selbstauflösung frei entfaltet hat. Die freie Entfaltung permanenter Selbstauflösung ist das Wesen der sozialistischen Demokratie. Sie kann in den sozialistischen Ländern nur durch radikale Überwindung der stalinistischen Struktur geschaffen werden.

Der Stalinismus hat keine neuen Ziele. Er ist vom Kapitalismus geblendet. Er lebt von der Illusion der »friedlichen Koexistenz« mit dem Kapitalismus, von der verlogenen Phrase vom friedlichen Wettstreit der Systeme, einem »Wettstreit«, in dem der stalinistische Pseudosozialismus mit lahmen Beinen hinter dem Kapitalismus auf dessen ausgetretenen Wegen herhinkt. Das ist sein Verrat an der Revolution. Der Stalinismus ist die wahre Konterrevolution, denn er hielt die Revolution auf halbem Wege auf und errichtete ein System der Unterdrückung und Bürokratenherrschaft.

Im letzten Drittel dieses Jahrhunderts türmen sich vor der Menschheit Aufgaben von überdimensionaler Größe auf: Zwei, bald drei und vier Milliarden Menschen in den »unterentwickelten« Ländern, bisher das Ausbeutungsobjekt der kapitalistischen Kolonialmächte, werden von Hunger, Elend, Krankheit und neuen Formen der kolonialen Unterdrückung gepeinigt; in Vietnam, in Afrika und in Lateinamerika unterdrücken grausame Kriege den Freiheitskampf dieser Völker; in China kämpft ein Volk von 700 Millionen fleißigen und klugen Menschen für die Verwirklichung der Hoffnungen und Ideale, die zwar aus Europa zu ihnen kamen, aber von den Europäern -- angefangen beim Christentum bis hin zum Sozialismus -- nur verraten worden sind; in den Zentren der kapitalistischen Welt bricht eine Revolte der Jugend gegen das saturierte Establishment aus, gegen die demoralisierte Consumer-Society.

Und in dieser wahrhaft unheilschwangeren, superbombenbedrohten Zeit strebt der stalinistische Gulaschkommunismus nach nichts anderem als nach dem Komfort der Kühlschränke, der Waschmaschinen, Kleinautos und Fernsehtruhen, deren flimmernde Scheinwelt die Menschen immer mehr zu immer perfekteren Sklaven der ihnen andressierten Konsumbedürfnisse macht und den letzten Rest eigenen Denkens aus den Köpfen herauswäscht,

Wollen wir europäische Sozialisten und Kommunisten tatsächlich diesen traurigen Weg der verfettenden Kleinbürger beschreiten, einen Weg, der uns endgültig aus der Geschichte unserer Zeit in die Dreckecke der Weltgeschichte befördern wird?

Unsere historische Aufgabe ist die Vollendung der sozialistischen Revolution. Jedes Jahr, das wir weiter versäumen, schafft der Welt des Kapitalismus neue Fristen und neue Möglichkeiten, sich fester und perfekter zu etablieren. Diese Welt, einmal perfekt, wird uns endgültig in die Barbarei führen, vor der uns Marx gewarnt hat.

Wir Menschen machen unsere Geschichte selbst, niemand kann und wird uns dabei helfen. Sollen alle Opfer der russischen Revolutionäre, alle Opfer der Völker der Sowjet-Union, sollen die Ströme von Blut und Tränen, die in den Dschungeln Vietnams und in der Hölle der Konzentrationslager geflossen sind, soll dies alles vergebens gewesen sein? Wir dürfen uns der Hoffnungslosigkeit nicht ausliefern. Noch immer sind die sozialistischen Staaten eine große Hoffnung, eine Chance.

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