Ist das noch eine Kommunistische Partei? - DER SPIEGEL
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Ist das noch eine Kommunistische Partei?

SPIEGEL-Redakteurin Inge Cyrus auf dem Warschauer Parteitag
• aus DER SPIEGEL 30/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Administrieren war Stanislaw Kania immer gut, erfahren in den Winkelzügen des Apparats, vertraut auch mit einem überlebenswichtigen Herrschaftsmittel: dem Monopol an den Informationen.

So fiel ihm denn auch etwas ein zur Zusammenkunft erstmals frei gewählter Delegierter des obersten Beschlußgremiums der polnischen Staatspartei: Die nicht mehr vom Sekretariat des ZK, sondern von der »unmündigen« Mitgliedschaft ausgesuchten Delegierten mußten von ihren Wählern getrennt werden, wenigstens für die Dauer des Parteitags.

Nahm man die ungewohnte repräsentative Demokratie schon hin, sollte sie doch keinesfalls in jene direkte Demokratie umschlagen, mit der die Konkurrenz von der Gewerkschaft »Solidarität« hantiert. Dazu brauchte man nur die Nachrichten abzuschneiden.

Also durften die Mitglieder-Millionen (und mit ihnen das Volk) nicht erfahren, was sich auf dem Parteitag tat. Im alten Stil strich Kania die Fernseh-Berichterstattung über den Parteitag zusammen. Statt der geplanten ungekürzten Übertragung verordnete er maximal zwei Informationsstunden pro Tag.

»Dafür«, beruhigte er die maulenden Provinz-Delegierten, die sich ihren Mandataren gern ganztägig per Bildschirm präsentiert hätten, mit einer Gegenleistung, »dafür dürft ihr nach Herzenslust telephonieren oder telexen.«

Sie durften nicht. Pünktlich am Dienstag um acht Uhr früh -- die 1964 Delegierten drängten eben in die Sala Kongresowa -- brachen sämtliche interurbanen Telephon- und Fernschreibleitungen des hochtechnisierten Warschauer Kulturpalastes zusammen. Wer Kontakt mit seiner Basisorganisation suchte, mußte an vielen energischen Ordnern und mißtrauischen Geheimpolizisten vorbei aus dem riesigen Gebäudekomplex ins Freie und dann zu Freunden oder aufs nächste Postamt laufen -- mit dem noch immer peinlichen Gefühl im Nacken, die Augen der Obrigkeit könnten gerade jetzt den so auffällig leeren Delegiertensitz entdecken.

Der Schnitt an der Nabelschnur zwischen Wählern und Gewählten war der letzte Versuch des kommunistischen Establishment, das hochgefährliche Parteispektakel zu manipulieren. Er scheiterte. Aus dem ganzen Land hagelte es Protesttelegramme. Kania blieb nichts anderes übrig, als die Telephonleitungen wieder in Betrieb zu setzen.

Fortan versagte die Parteitags-Regie auf allen Ebenen. Der vom Taktiker Kania so trickreich vorbereitete Kongreß entwickelte die Eigendynamik einer jakobinischen Revolution.

Sprecher um Sprecher erklomm das rot tapezierte Pult, um mit den Verantwortlichen für die polnische Misere abzurechnen. Nie zuvor wurde auf einem Parteitag regierender Kommunisten irgendwo in der Welt ähnlich ungehemmt die Wahrheit gesagt.

War das noch eine Kommunistische Partei?

Delegierter Andrzej Morawski, Bürgermeister von Radom, geißelte die ungerechtfertigte Bestrafung seiner Stadt für den Arbeiteraufstand vom Juni 1976: »Wir haben den geringsten Wohnungsbau des Landes, den schlechtesten Gesundheitsdienst.«

Delegierter Marian Marek aus Lublin unterstrich, daß »ein Jahr nach dem großen Streik noch fast alle Forderungen unerfüllt sind«.

Delegierter Konstanty Krawczyk, ein Woiwodschafts-Sekretär in Plock, bestätigte das Wiedererwachen reaktionärer Kräfte -- und gab der Parteiführung die Schuld daran, denn: »Sie hat das Vertrauen in die Gesellschaft verloren.«

Die Kritik von Vizepremier Mieczyslaw Rakowski an den Spitzenfunktionären ("Unfähigkeit«, »Konzeptlosigkeit") geriet derart massiv, daß die Zensoren erschrocken nach ihren Scheren griffen: Der Rundfunk beschränkte sich auf einen ziemlich harmlosen Ausschnitt, das Fernsehen schnippelte nebst etlichen Kernsätzen des Referats auch noch den donnernden, rhythmischen Applaus des Auditoriums weg.

Nicht verhindern konnte die wiederbelebte Zensur, was sich im Saal selbst nach Rakowskis Rede abspielte: Noch mitten im Beifall stürzte der Warschauer Bauarbeiter Albin Siwak nach vorn -- einer der ganz wenigen echten Proletarier unter den Delegierten, der im Juni zum Gespött der Nation geworden war, weil er den polnischen Volkshelden Walesa just im Prager Fernsehen als »Agenten des Imperialismus« beschimpft hatte.

Bei den sieben Mikrophonen des Rednerpults angelangt, schnappte Siwak dreimal nach Luft wie ein Ertrinkender, bekundete solcherart seine kaum beherrschbare Verachtung über das Gehörte und setzte dann zur rednerischen Leistung seines Lebens an. »Rakowski hat so gesprochen, als wäre er bereits Erster Sekretär der Partei«, höhnte er.

Und tatsächlich, die Delegierten schienen mit ihm der gleichen Meinung. Sie begannen von neuem, frenetisch zu klatschen. Siwak hielt erwartungsvoll inne. Er wartete die gebotenen 20 Sekunden, es wurden 60 und schließlich an die zwei Minuten.

Endlich begriff er, daß die Vorstellung nicht ihm, sondern weiterhin der Vorrede galt und wohl andauern würde, solange er das Wort beanspruchte; S.82 hilflos packte er seine Papiere zusammen und entschwand.

All dies vollzog sich unter den Augen und Ohren eines steinernen Gastes namens Wiktor Grischin. Der sowjetische Abgesandte, Politbüromitglied und Erster Sekretär von Moskau, blieb wie gelähmt sitzen. Er war offenkundig überrascht, verstört. Mit ihm harrten die Vertreter der CSSR, Ungarns und Bulgariens wie auch der Emissär aus der DDR, Werner Felfe, aus, weniger überrascht.

»Vielleicht versteht man im Kreml nun etwas mehr von uns Polen -- es wäre höchste Zeit unter so alten sozialistischen Brüdern«, freute sich nachher Andrzej Szczypiorski, Schatzmeister im polnischen Pen-Vorstand.

Gleich Szczypiorski freuten sich viele Warschauer. Einen Parteitag mit Grischin, argumentierten sie, könnten die Russen unmöglich im nachhinein für ungültig erklären wie etwa den 14. Außerordentlichen Parteitag der tschechoslowakischen KP 1968, der in Prag nach der Sowjetinvasion zusammentrat.

Andererseits sahen die Polen in Grischins Schock auch eine Art Revanche für den ihrer Ansicht nach allzu übertriebenen polnischen Begrüßungskotau: Zum Empfang des einfachen Politbüromitglieds Grischin stand kein geringerer als Parteichef Kania am Flugplatz, noch dazu begleitet von Ministerpräsident Jaruzelski.

Trotzdem kommt in Polen keine rechte Zuversicht auf. Nach wie vor gleicht das Gelände um die Deutsche Botschaft in der Dabrowiecka jenseits der Weichsel einem Heerlager. Die Zahl der Antragsteller um ein Visum wächst von Tag zu Tag. Freitag waren die Nummern 25156 bis 25713 dran.

Unter den Wartenden sind viele Leute, die nicht nur zwecks Urlaub in den Westen wollen. Mindestens ein Viertel der Absolventen aller Höheren Schulen in Warschau möchte auswandern, erzählt ein 24jähriger Techniker. Der danebenstehende Rentner zuckt die Achseln: »Die Jugend weiß halt nicht mehr zu schätzen, was der Sozialismus ihren Vätern gebracht hat«, kommentiert er.

Das böse Gerücht, daß die Delegierten des Parteikongresses pro Kopf und Tag zwei Kilo Schinken und 100 Zigaretten kassierten, hat sich als falsch herausgestellt, obwohl so etwas Brauch ist im sozialistischen Lager -- die Delegierten des sowjetischen Parteitags im Februar bekamen jeder einen Farbfernseher, die der SED im April einen Taschenrechner.

Dem propagandistischen Countdown der Hoffnung vor dem 14. Juli folgt nun die Ernüchterung. Aus dem Kulturpalast drang weit mehr rachsüchtiges Gepolter über die Vergangenheit als Aufbruchstimmung, geschweige denn ein Programm für die Zukunft. »Kritische Reden machen die Läden nicht voll«, erkannte der Delegierte Alojz Czech. Die entscheidenden Probleme liegen weiterhin wie seit elf Monaten auf dem nach einem Warschauer Witzwort »liebsten Möbel« der Regierung -- auf der langen Bank.

Als einzige reelle Chance einer wenigstens kurzzeitigen Erleichterung gilt -- so ist das im Arbeiter-und-Bauernstaat -- die heranreifende Ernte. Wenn es nicht noch hagelt, soll sie die beste Ernte des Jahrhunderts sein. »Das hat«, glauben die Polen, »unser Papst beim Herrgott arrangiert«, oder auch der im Himmel befindliche Primas Wyszynski.

Inge Cyrus
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