HOCHADEL Ist der Ruf erst uriniert
Seit zwei Jahren sind die Welfen, nach eigenem Bekunden das »älteste Fürstenhaus in Europa«, auch im Internet vertreten. Doch auf ihrer Website hatten die Blaublüter, die vom hannöverschen Volksmund wegen ihrer Hausfarben Gelb-Weiß seit Jahrhunderten »die Schneepisser« genannt werden, bislang wenig Erbauliches zu melden.
Als der notorisch jähzornige Hauschef Ernst August im Januar in Kenia einen deutschen Disco-Besitzer krankenhausreif geschlagen hatte, zeigte sich die Familie auf ihrer Homepage www.welfen.de »sehr traurig« darüber, dass der »Prügel-Prinz« ("Bild") das Ansehen der Sippe »weiter schwer belastet« habe. Wenig später musste das Fürstenhaus, das jahrelang um einstige Millionen-Besitztümer im Osten gekämpft hatte, auf der Website eine schwere juristische Niederlage eingestehen: »Enteignungen 1945 - 1949 rechtskräftig«.
Schmach und Schande und kein Ende? Die Weltausstellung - wunderbarerweise in der Welfen-Hochburg Hannover - hätte das Image der Familie aufbessern können. Unter dem Titel »Königlicher Besuch auf der Expo 2000« verwies das Fürstenhaus im Web auf eine Visite von Fürst Rainier samt »Prinzessin Caroline mit Ehemann Ernst August Prinz von Hannover« am 15. Juni, dem Nationentag von Monaco.
Wer vorvergangene Woche dem Hyperlink auf der Welfen-Homepage folgte, wurde detailliert über die Mühen der Expo-Chefin Birgit Breuel informiert, sämtlichen Staatsbesuchern einen »stilvollen Empfang« mit »rotem Teppich, gepanzerten Limousinen und jeder Menge Champagner« zu bereiten. Um »irgendwelche Peinlichkeiten« zu vermeiden, habe das Expo-Protokoll sogar »Sitten und Gebräuche« des jeweiligen Landes »ausgiebig studiert«. So sei gewährleistet, dass »Japanern nicht die Hand gegeben wird« und »Moslems kein Schweinefleisch serviert bekommen«.
Dass ausgerechnet einer der hohen Besucher für den bislang peinlichsten Eklat der Weltausstellung sorgen würde, dass sich Millionen von Muslimen durch die »Königliche Hoheit« (offizieller Titel) von Hannover beleidigt fühlen könnten - damit hatte freilich keiner der Protokoll-Leute gerechnet, und wohl auch nicht Ernst Augusts jüngerer Bruder Heinrich, der für die welfengelbe Website verantwortlich zeichnet.
Unter Berufung auf Schnappschüsse und eidesstattliche Erklärungen von Augenzeugen berichtete »Bild«, Carolines Ehemann habe seine Luxuslimousine verlassen, um an die Holzwand des türkischen Expo-Pavillons zu urinieren. Die Schlagzeilen über die »Pinkel-Affäre« (so die Istanbuler Zeitung »Hürriyet") mobilisierten nicht nur islamische Geistliche, sondern auch türkische Politiker bis hinauf zum Ministerpräsidenten Bülent Ecevit: »Was für ein Affront!«
Vollends zur Unperson schien Ernst August am Montag vergangener Woche zu werden, als »Bild« berichtete, wie der Prinz auf die Berichterstattung des Boulevardblatts reagiert habe. Ist der Ruf erst uriniert, lebt es sich ganz ungeniert - von diesem Motto hatte sich der Chef des Fürsten-Geschlechts offenbar leiten lassen.
In insgesamt sechs Anrufen, so »Bild«, habe der erregte Prinz die hannoversche Redaktionsleiterin Anne-Kathrin Berger mit »ekelhaften, obszönen, sexuell beleidigenden« Worten attackiert. In den auf ausdrücklichen Wunsch des Anrufers auf-
gezeichneten Gesprächen ("Schneiden Sie mit!") sei Berger bepöbelt und bedroht worden, legte das Blatt seinen Lesern mit sorgsam ausgewählten und verkürzten Zitaten dar - beispielsweise: »Ich habe keinen Mercy ... Keep your A ... together ... Sie werden seitlich gef ...«.
And so on. Weite Passagen der Schimpftiraden, befand das Blatt, seien nicht einmal in verstümmelter Form druckbar - »aus Rücksicht auf Frau Berger«, wie »Bild«-Chef Udo Röbel erklärte.
Wie wüst der Anrufer wirklich gewütet hat, geht aus einer einstweiligen Verfügung des Landgerichts Hannover hervor. Darin wird der Prinz unter Androhung einer Ordnungshaft von bis zu sechs Monaten oder eines Ordnungsgeldes bis zu 500 000 Mark aufgefordert, es zu unterlassen, »Frau Anne-Kathrin Berger telefonisch oder in anderer Weise verbal herabzuwürdigen« - »insbesondere« durch Äußerungen wie diese:
Sie würden im Puff mehr Geld verdienen, aber wahrscheinlich stinkt Ihre F. so sehr ... Aber im Puff fickt Sie keiner ... Ich wollte Ihnen nur einen schönen Sonntag wünschen, dass Sie sich Ihre F. waschen, Ihr A. ausspülen und im Puff arbeiten.
Röbel und Berger hatten nach den ersten Anrufen umgehend Anzeige erstattet. Kurz darauf stellte auch »Bild«-Mann Paul C. Martin Strafantrag. Der Röbel-Vize war in einem der Telefonate ebenfalls mit Obszönitäten bedacht worden.
Martin hatte Anfang 1999 über NS-Verquickungen des Welfen-Hauses berichtet (SPIEGEL-Titel 6/1999). Gegenüber Büroleiterin Berger titulierte der Prinz, ein gelernter Landwirt, den stellvertretenden Chefredakteur als »Schwein«, »Superschwein« und »Schwulen, der nur Uniformen sammelt und nackt darin liegt«.
Während die hannoversche Staatsanwaltschaft gegen den Prinzen wegen des Verdachts der Beleidigung und Bedrohung zu ermitteln begann (Aktenzeichen: 50 Js 41299/2000), erholte sich der Welfe in einer Entgiftungsklinik an der Mosel von einem Schwächeanfall, den er am Abend des feuchtfröhlichen Expo-Tages in Celle erlitten hatte. Noch während der Kurz-Kur sah er sich neuen Vorwürfen ausgesetzt.
ARD-Reporter Rolf Seelmann-Eggebert machte publik, dass auch er von »Prinz Sudelzunge« ("BZ") ähnlich unflätig tituliert worden sei wie die Kollegin Berger, unter anderem als »Oberarschloch«. Spätestens nach der Aussage des in Adels-kreisen überaus geschätzten Hofberichterstatters schien unter Deutschlands Nobilitäten die Ansicht mehrheitsfähig, dass der nicht sonderlich stubenreine Welfe »geschnitten werden sollte«, wie Eduard Prinz von Anhalt, ein Cousin von Prinz Charles, vor laufender TV-Kamera verlangte. Die Benimm-Autorin Franziska von Au ("Knigge 2000") urteilte zurückhaltend, Hoheit befinde sich auf dem »Abstieg ins fast Proletenhafte«.
Auf Distanz ging auch die Politik. Offiziell wollte sich die Landesregierung unter Ministerpräsident Sigmar Gabriel ("Ich habe ein eher folkloristisches Verhältnis zum Adel") zwar nicht äußern. Im Kabinett aber waren die Entgleisungen gleichwohl Thema. Schließlich leide auch »das Image Niedersachsens unter den Eskapaden«, gab ein Minister zu bedenken. Öffentlich wolle sich die Regierung jedoch »nicht auf Kosten eines offensichtlich hilfebedürftigen Menschen profilieren«.
Beifall spendeten dem Prinzen hingegen ein paar bunte Provinz-Punks, die für August in Hannover »Chaos-Tage« planen und auf ihrer Website erwägen, dem Welfen die »Schirmherrschaft« anzudienen. Begründung: »Ist doch geil, keiner hat die Expo so entehrt wie der Pinkel-Prinz.«
Bei der Presse hingegen konnte der Adelsmann kaum mehr auf Nachsicht hoffen - vielleicht auch, weil er allzu oft Fotografen und Redakteure mit dem Regenschirm bedroht, mit Prozessen überzogen oder mit Tritten traktiert hatte.
Nachdem Borderline-Journalisten vom »SZ-Magazin« dem Welfen im April per »Verdachtsdiagnose« ein »Prügel-Gen« attestiert hatten, startete Europas größte Tageszeitung, herausgefordert durch die Pöbel-Attacke, mit publizistischen Breitseiten einen Großangriff auf den Prinzen.
In seinem bislang letzten Telefonat mit Bürochefin Berger behauptete der Adlige ("Alte Fotze, schreiben Sie auf") schlichtweg: »Ich habe nicht gegen den Pavillon der Türken gepisst, okay?« Daraufhin legte »Bild« nach: Am Donnerstag präsentierte das Blatt, das die Szene zunächst nur mit einem verschwommenen Foto dokumentiert hatte, weitere Amateuraufnahmen, die ein Schüler mit seiner Kamera aus dem türkischen Pavillon heraus geschossen hatte. Den Hosenschlitz des Übeltäters hatte die Redaktion diskreterweise mit einem roten Bälkchen abgedeckt. »Bild«-Schlagzeile: »Schluss mit dem Pipifax, Ernst August! Schauen Sie auf dieses neue Pinkel-Foto - und hören Sie endlich auf, so dreist zu lügen!«
Dass der Urenkel des letzten Kaisers auf der Weltausstellung eines jener 3200 Örtchen verschmäht haben könnte, die dem Volksmund zufolge selbst der Kaiser zu Fuß aufsucht - dafür zeigte vorige Woche nur noch ein einziges Blatt Verständnis.
Die linke »Tageszeitung« gab zu bedenken, Ernst August habe lediglich einem Bedürfnis nachgegeben, dem »mehr als die Hälfte aller männlichen Erdenbewohner über zwei schon einmal in der Öffentlichkeit nachgekommen sind, wenn auch eher selten an türkischen Expo-Pavillons«.
Dass der »Puller-Prinz« (ARD) die Türken oder gar alle Muslime beleidigen wollte, ist unwahrscheinlich - der Pavillon lag halt günstig am Weg seines Wagenkonvois.
Mit strenggläubigen Islam-Anhängern versteht sich der Welfe im Übrigen recht gut. Seit seiner Prügelei mit dem verhassten Disco-Besitzer in Kenia, der den Teufel Alkohol in ihr Dorf geholt hat, verehren Muslime den Europäer mit dem Blau im Blut als »Faust Allahs«. Wohl bekomm''s.
JOCHEN BÖLSCHE, HANS-JÖRG VEHLEWALD
* Oben: mit Fürst Rainier (2. v. l.) und Prinzessin Carolinevon Monaco; unten: bei der Begrüßung anlässlich seines Expo-Besuchsam 15. Juni.