Jack Ruby - DER SPIEGEL
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Jack Ruby

• aus DER SPIEGEL 3/1967
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Er hat den Mord nicht gesehen -- aber »gerächt. Mit einem vernickelten Revolver, beobachtet von 140 Millionen Fernsehern, erschoß er den vermeintlichen Mörder -- und kam deshalb selbst in die Todeszelle.

Aber Jack Ruby starb nicht auf dem elektrischen Stuhl, er starb im Bett -- in einem Bett desselben »Parkland Memorial Hospital« in Dallas, in dem auch Präsident John F. Kennedy und dessen mutmaßlicher Mörder Lee Harvey Oswald mit Rubys Todeskugel in der Brust verbluteten.

Die Schrecksekunde seines Revolverschusses machte Jack Ruby, den namenlosen Nachtklubbesitzer, zur Randfigur der Geschichte -- einen Mann, den vorher nur seine Mädchen, seine Hunde und seine Freunde bei der Polizei gekannt hatten.

Seine Mädchen -- das waren die Stripperinnen in seinen schmuddelige« Nachtlokalen, das waren die käuflichen Brünetten und Blondinen, die er an reiche Kunden ins Motel von Dallas verkuppelte, das waren die kurvenreichen Pin-up-girls, die er in seiner Todeszelle zeichnete.

Seine Hunde -- das waren die Wesen, die er liebte. Von ihnen sagte der Mann mit den tiefliegenden Augen, der mit

Menschen nie Freundschaft schloß: »Nennt sie nicht Hunde, sie sind meine Kinder.« Seine Lieblingshündin Sheba gar nannte er »meine Frau«.

Seine Freunde bei der Polizei -- das waren jene Männer, die in seinen Lokalen umsonst bewirtet wurden, die ihm zwar Strafzettel wegen falschen Parkens schrieben und ihn auch wegen unerlaubten Waffenbesitzes anzeigten, die ihn aber ungehindert in den Keller des Gefängnisses von Dallas marschieren ließen wo er Oswald erschoß und dafür von einem seiner Polizei-Freunde angeschnauzt wurde: »Jack' du Hurensohn.«

In Chicago wurde er -- niemand weiß genau, wann -- im Jahre 1911 geboren: als Jacob Rubenstein, fünftes von acht Kindern eines Alkoholikers und einer Geisteskranken. In Chicago hatte er auf Sportplätzen Eintrittskarten abgerissen, Erdnüsse verkauft -- und sich durch die Slums der Stadt geboxt.

»Ich war Vaters Liebling«, so rühmte er sich stolz, »denn ich war der Kämpfer in der Familie«, den niemand schlagen konnte, ohne wiedergeschlagen zu werden. Und die meisten mußten Prügel einstecken, weil sie ihn, den kleinen Juden, hänselten.

Der kleine Jude zog in den Süden -- und wurde Amerikaner. Zumindest glaubte er es, nachdem die Behörden von Dallas Ende 1947 wunschgemäß aus dem Jacob Rubenstein einen Jack Ruby gemacht hatten. Dallas wurde seine Heimat, Dallas liebte er. Aber für die Texaner von Dallas blieb er ein Fremder, ein Nordstaatler im tiefen Süden, »ein Jude unter Christen, ein Nachtklubbesitzer unter sittenstrengen Baptisten.

Er hatte nicht am Straßenrand gestanden, als John Kennedy durch Dallas fuhr, aber er hatte den Präsidenten »geliebt«, und er wand sich jedesmal in Weinkrämpfen, wenn in seinem Prozeß der Name des Toten fiel. Dessen Witwe, so beteuerte er, wollte er die Schmach ersparen, zu einem Prozeß gegen Oswald in die Mord-Stadt zurückkehren zu müssen. Er habe allein gehandelt, Oswald vorher nicht gekannt, versicherte er den Richtern. Er erklärte es unter dem Lügendetektor und sprach es auch noch auf ein Tonband, das sein Bruder unter das Bett des Todkranken geschmuggelt hatte.

Die Warren-Kommission glaubte ihm, aber 60 Prozent der Amerikaner glaubten der Warren-Kommission nicht. Denn vor Ruby starben schon 14 Menschen, die wichtig waren für die Untersuchung des Jahrhundertverbrechens. Sie starben durch angeblichen Selbstmord, wie eine von Rubys Stripperinnen; durch Herzattacken, wie Oswalds Wirtin; durch Autounfälle, wie der Taxifahrer des flüchtenden Oswald; durch Karateschläge, wie ein wohlinformierter Dallas-Reporter; durch Revolverschüsse, wie dessen Kollege, der im Polizeigebäude von Dallas »versehentlich« von einem unachtsamen Beamten erschossen wurde; oder an Schlafmittel- und Alkoholvergiftung, wie jene Journalistin, der Ruby in seiner Zelle anvertraute: »Ein paar sehr mächtige Leute in Dallas schmieden ein Komplott, um mich zu töten.«

Mit Ruby starb der 15., der vielleicht wichtigste Zeuge für eine mögliche neue Untersuchung des Kennedy-Mordes; er war sogar dem Sheriff von Dallas so wichtig, daß dieser zweimal täglich ein Bulletin über Rubys Gesundheitszustand veröffentlichte.

Über der Erde, die Rubys Grab in Chicago deckt, werden die Gerüchte weiterwuchern, denn nach seinem Tod kann nur noch ein Mann den Mord des Jahrhunderts aufklären -- jener imaginäre Schütze, der nach Meinung vieler Amateurdetektive Kennedy erschoß, jener Doppelgänger Oswalds, der für den Tod der 14 Zeugen verantwortlich ist und der schließlich auch dafür sorgte -- so der Texas-Journalist Penn Jones -, daß ein Helfershelfer dem kerngesunden Ruby in seiner Zelle wuchernde Krebszellen injizierte.

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