Jagd auf Hochland-Broiler - DER SPIEGEL
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TIERE Jagd auf Hochland-Broiler

Vom Werbespiel für Whisky zur Sucht: Halb Deutschland jagt Moorhühner am Computer. Jetzt streiten die Macher, wer die virtuelle Ballerei vermarkten darf.
• aus DER SPIEGEL 6/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist nicht leicht, ein Huhn zu sein. Eingesperrt von Tierquälern wie Anton Pohlmann, gehenkt von Max und Moritz, zerschreddert im Auftrag von McDonald's - das Huhn ist immer das Opfer, der Schlager »Ich wollt, ich wär ein Huhn« ein Lied für Selbstmordkandidaten.

Seit kurzem ist das »liebe Federvieh« (Wilhelm Busch) nicht mal mehr im Haus sicher - jedenfalls, wenn es sich dabei um eine Spezies aus dem schottischen Hochland handelt. »Ganz Deutschland auf Moorhuhn-Jagd«, jubelt die »Bild am Sonntag«. Jagd? Ganz Deutschland? Da konnte der Deutsche Tierschutzbund unmöglich den Schnabel halten und klagte über »mangelnden Respekt vor Tieren«.

Zu Recht: Die Moorhühner werden rücksichtslos abgemurkst. Allerdings nur am Computer: Per Mausklick kommt der Tod für »Lagopus lagopus scoticus«, angeblich ein »verhältnismäßig hoch begabter Vogel« (Alfred Brehm, 1887). »Virtuelle Moorhuhnjagd« heißt ein Computerspiel, das sich jedermann gratis aus dem Internet (www. moorhuhn.de) auf die eigene PC-Festplatte kopieren kann. Dann bleiben 90 Sekunden, um ein kleines Blutbad anzurichten.

So lange gleiten pro Runde, frei nach Schillers »Jungfrau von Orleans« ("Das wilde Huhn kann ich im Fluge zählen"), leichtsinnige Comic-Vögel mit großen Glupschaugen über den Bildschirm, die der Spieler mit einer virtuellen Schrotflinte vom Himmel holen muss - je mehr, desto besser. Ein Schuss aus nächster Nähe gibt dabei weniger Punkte als ein Treffer am Horizont. Allerdings: Taucht ein vorwitziger Hochland-Broiler direkt vor dem Schützen auf, darf der das Viech, ganz unwaidmännisch, trotzdem abknallen. So weit, so schlecht - für das Huhn.

Zum Problem für die gesamte deutsche Volkswirtschaft wird die Hühnerjagd, weil dadurch, glaubt man Zeitungsberichten, hunderttausende von der Arbeit abgehalten werden. Statt Autos zu verkaufen, Artikel zu schreiben oder Bilanzen zu fälschen, ballern ansonsten weitgehend friedliche Bürohengste zum Spaß auf die harmlosen Bildschirm-Vögel.

So gibt man etwa bei DaimlerChrysler ein massives Moorhuhn-Problem zu, und selbst im Bundesinnenministerium soll in einzelnen Referaten das Jagdfieber ausgebrochen sein. »Ganze Konzerne im Griff der Moorhühner«, sorgte sich prompt das »Hamburger Abendblatt«. Dort muss man es wissen: Auch im Axel Springer Verlag machen ganze Abteilungen zwischendurch ein paar dutzend Hühner kalt. Nur in der SPIEGEL-Redaktion kann - leider, leider - nicht zur Jagd geblasen werden, weil das passende Revier fehlt: Auf Apple-Rechnern läuft das Spiel nicht.

Am Anfang aber war nicht das Huhn, auch nicht das Ei, sondern die Arbeit und der gute Schluck danach. »Der Tag geht, Johnnie Walker kommt« heißt ein bekannter Werbespruch; doch den Leuten von Vorwerk und Buchholz, der Hamburger Werbeagentur der schottischen Whisky-Brenner, klang das irgendwann zu sehr »nach Opas Puschen«, sagt deren Kreativ-Direktor Ingo Buchholz, 53.

Ein Kreativ-Direktor wird dafür bezahlt, dass er immer Ideen hat. Buchholz' Idee war, für schottischen Whisky mit einem schottischen Nationalsport zu werben, der Moorhuhnjagd nämlich, und weil die Marke Johnnie Walker auch noch »irgendwie jünger« werden sollte, gab er ein lustiges Computerspiel in Auftrag.

Daraufhin entwarf die Bochumer Softwarefirma Phenomedia für rund 60 000 Mark die »Virtuelle Johnnie Walker Moorhuhnjagd«. Junge Hostessen zogen, das Spiel auf Laptops im Gepäck, ein paar Wochen lang durch ausgewählte Kneipen (im PR-Deutsch: »Johnnie Walker Konsulate"), die Trinker spielten, die Spieler tranken, und alle waren zufrieden.

Das war im Herbst 1998. Dann ging die Aktion zu Ende, Buchholz vergaß die Geschichte; für Johnnie Walker wirbt mittlerweile der Hollywood-Star Harvey Keitel.

Doch Moorhühner sind zähe Biester. Irgendein Spaßvogel schickte das Spiel per E-Mail an einige Bekannte, und Ende vergangenen Jahres stellte es der Berliner Radiosender 104.6 RTL auf seine Internet-Seite. Seitdem steigt die Huhn-Abschussquote in deutschen Büros täglich. Die Moorhuhnjagd entwickelt sich zum Volkssport.

Jetzt sollen die Erfolgsvögel richtig zu Geld gemacht werden. Nur: von wem? Sowohl die Phenomedia, seit November an der Börse, als auch Buchholz' Werbeagentur wittern inzwischen ein Riesengeschäft. Während Buchholz auf einer Johnnie-Walker-Webpage Hühner-Nippes ankündigt ("Moorhuhnfetische, Federwerkzeug und vieles mehr für den Kenner"), beabsichtigt Phenomedia-Spieleentwickler Frank Ziemlinski, 31, den »Moorhuhncharakter umfassend weiterzuentwickeln«. Ein neues Spiel ("The Return of the Moorhuhn") sei bereits in Arbeit, »ob dies wiederum für Johnnie Walker« geschehe, sei aber »noch offen«. Auch die Konkurrenz der Whisky-Produzenten interessiere sich mittlerweile für den flotten Vogel.

Inzwischen haben beide Parteien ihre Anwälte eingeschaltet, die sich »mehr oder weniger freundliche Briefe« schreiben, so Buchholz. Ziemlinski beteuert zwar, stets als »Neger des Kunden« zu arbeiten, doch »als professioneller Dienstleister« erwarte er jetzt »ein Angebot«. Schließlich, tönt Ziemlinski, »kann ich alles zum Star machen«, und wenn es mit dem Moorhuhn irgendwann vorbei sei, erfinde er eben »einen Hasen oder einen singenden Toaster«.

Hasen? Toaster? Das Moorhuhn hat seine Schuldigkeit getan?

Da lachen ja die Hühner. MARTIN WOLF

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