INDONESIEN »Jagen und erledigen«
Mit der Verhängung des Kriegsrechts über die Provinz Aceh an der Nordspitze Sumatras droht dem abtrünnigen indonesischen Landesteil eine humanitäre Katastrophe. Die Regierung in Jakarta rechnet damit, dass bald 300 000 Einwohner auf der Flucht sein werden. Bei der letzten Großoffensive unter dem damaligen Diktator Suharto kamen von 1989 bis 1998 mehr als 10 000 Zivilisten ums Leben.
Am vorvergangenen Wochenende waren die seit Monaten andauernden Friedensgespräche mit den radikal-islamischen Rebellen der Bewegung für ein Freies Aceh (Gam) in Tokio gescheitert. Präsidentin Megawati Sukarnoputri übertrug daraufhin Indonesiens Streitkräften (TNI) die Kontrolle über die rohstoffreiche, von 4,3 Millionen Menschen bewohnte Region. Am Montag landeten die ersten Fallschirmjäger, bald darauf gingen rund 250 Schulen in Flammen auf. Auch sollen die Anfang der neunziger Jahre nach Indonesien verkauften Kriegsschiffe aus NVA-Beständen eingesetzt worden sein, etwa die »Hoyerswerda«, die jetzt »Teluk Gilimanuk« heißt.
Der Einsatz der TNI erfolgte kurz vor dem ersten Jahrestag der Staatsgründung Osttimors am 20. Mai. Megawati und der Generalstab wollen eine Balkanisierung der weltgrößten Muslim-Nation verhindern. Die Sicherheitskräfte in Aceh sollen deshalb von knapp 30 000 Mann zügig auf maximal 50 000 erhöht werden. Es ist ihr größter Einsatz, seit Suharto 1975 mit Billigung der USA Osttimor überfiel. Entsprechend martialisch klingt die Rhetorik der Militärs. General Endriartono Sutarto forderte seine Soldaten auf, die Untergrundkämpfer »zu jagen und zu erledigen«.
Auch wenn die knapp 5000 Rebellen der Gam ihre Heimat in ein »östliches Tor nach Mekka« verwandeln wollen, stehen auf beiden Seiten doch wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Bei der Stadt Lhokseumawe beutet der US-Konzern Exxon Mobil riesige Gasfelder aus. Das garantiert dem indonesischen Staat Einkünfte von mindestens einer Milliarde Dollar im Jahr; ein Teil davon geht an die Militärs. Den Schutz der Exxon-Mobil-Anlagen lässt sich die Armee zusätzlich mit rund sechs Millionen Dollar jährlich entgelten, außerdem profitiert sie vom Abholzen der Urwälder Acehs. Die Gam hingegen finanziert sich mit Schutzgelderpressung und Drogenhandel.