GRÜNE Jeder eine Diva
Aufmunternder Zuspruch von der Basis gehört nicht zum Alltag eines Grünen-Bundestagsabgeordneten in Bonn. Gewöhnlich wendet sich der heimische Kreisverband nur an sie, klagt etwa Petra Kelly, wenn er ihre Unterstützung für ein Gastspiel von sympathisierenden Popstars wie Nena oder Ina Deter braucht.
In der vergangenen Woche aber häuften sich nach dem Austritt des Generals Gert Bastian aus der grünen Parlamentsgemeinschaft bei allen Fraktionssprechern und bei der Bonner Parteigeschäftsstelle Anfragen und Durchhalteappelle besorgter Gesinnungsfreunde.
Der spektakuläre Abgang ihres Rüstungsexperten hat Parteimitglieder und Anhänger der grünen Bewegung in Alarmstimmung versetzt: Sie fürchten, daß ein Scheitern der Bonner Fraktion den »politischen Bankrott« (Grünen-Bundesgeschäftsführer Lukas Beckmann) für grüne Politik-Ambitionen bedeuten könnte.
Größer noch als die Angst vor dem Verlust des Fraktionsstatus, wenn noch zwei weitere Abgeordnete abspringen, ist unter den Bonner Grünen derzeit die Furcht vor einem moralischen Strafgericht auf dem Parteitag in Karlsruhe.
Auf dem Grünen-Treffen Anfang März, das ursprünglich nur der Vorbereitung der Europawahl dienen sollte, erwarten die Delegierten von den Bonner Fraktionsmitgliedern Rechenschaft. Endlich, so beteuern die Mitglieder des Sprecherrates, soll alles auf den Tisch kommen, was an politischen Richtungskämpfen, Strukturproblemen und persönlichen Fehden die Arbeit der Fraktion gelähmt hat.
Doch anstatt sich in gemeinschaftlicher Vergangenheitsbewältigung zu üben, weilte Grünen-Sprecher Otto Schily letzte Woche auf Urlaub in Garmisch, die erschöpfte Petra Kelly trug sich mit Plänen für eine Reise nach Lateinamerika, und die gerade aus einer Klinik entlassene Sprecherin Marieluise Beck-Oberdorf formulierte anstelle eines gemeinsamen Berichts ihren subjektiven Frust.
Was wie Wurstigkeit und Schlamperei aussieht, ist vor allem Angst um die eigene politische Zukunft. Denn nicht zuletzt der Rechenschaftsbericht wird darüber entscheiden, ob der gegenwärtige Vorstand im März von der Fraktion wiedergewählt wird.
Schon beim letzten Parteitag in Duisburg hatten interne Querelen der Fraktionsspitze dazu geführt, daß kein gemeinsamer Bericht zustande kam. Sicher ist die Wiederwahl des amtierenden Sprechergremiums ohnehin nicht - die Nachrücker und einige Abgeordnete werten einen Personalwechsel an der Fraktionsspitze als Beweis, daß es die Grünen mit der im nächsten Jahr anstehenden Rotation aller Abgeordneten ernst meinen.
Statt also ihre verbliebenen Stars zu hätscheln, wollen die Bonner Grünen ihre Renommier-Abgeordneten Petra Kelly, Otto Schily, Marieluise Beck-Oberdorf und Joschka Fischer ins zweite Glied verbannen - bei den Fraktionsvorstandswahlen am 27. März.
Die Fraktionsmehrheit, zunächst von Bastians Austritt und seiner ungehemmten Schelte auf die »Diktatur der Inkompetenz« eher gelähmt, hofft jetzt auf eine grüne Überlebensformel, die der Berliner Abgeordnete Dirk Schneider so formulierte: »Bei uns gibt es eine listige Verbindung von Chaos und Weisheit.«
Nach und nach - ohne systematische Analyse, sondern als Ergebnis isolierten Nachdenkens einzelner und Diskussionen in kleinen Gruppen - setzte sich die Einsicht durch, daß das Verschwinden eines prominenten Fraktionsmitgliedes aus dem Scheinwerferlicht nicht nur Nachteile bringt. Im Gegenteil - außer Bastian hätten auch Petra Kelly und Otto Schily »die Weiterentwicklung der Arbeit in der Fraktion mit ihrer Medienfixiertheit nicht nur gefördert, sondern auch behindert« (Schneider).
Überlebensnotwendig, so erkannten plötzlich immer mehr Fraktionsmitglieder, sei ein Sprecherrat, der integriert und nicht nur nach außen repräsentiert. »Wir brauchen einen Vorstand, der
dient«, forderte die Grünen-Abgeordnete Antje Vollmer.
Davon ist die Fraktion in der Tat weit entfernt. Bei den Alternativ-Parlamentariern hat sich eine hierarchische Hackordnung herausgebildet, die sich vor allem aus der Präsenz der Prominenten in der Presse und in den interfraktionellen Gremien ergeben hat.
Nach wie vor sind die Bundestagsneulinge in verschiedene Lager gespalten, die Fraktion wurstelt ohne eine durchschaubare Organisationsform vor sich hin. Nach einem Jahr parlamentarischer Arbeit in Bonn ist die Gruppe der grünen Abgeordneten über ihr taktisches Vorgehen in der Tagespolitik und ihre langfristige Strategie total uneins: Eine »ideologische Libanonisierung« ist nach Ansicht des Parlamentsgeschäftsführers Joschka Fischer unausweichlich, falls der Zwang zum »inneren Kompromiß« nicht begriffen wird: »Wenn jetzt Abgeordnete gegen Nachrücker, Fundamentalisten gegen Reformer, Basis gegen Prominente, Linke gegen Rechte in der Fraktion loslegen, dann gnade uns Gott!«
Einig ist man sich nur in der Überzeugung, daß die drei Sprecher sich zu wenig um die internen Probleme der Fraktion gekümmert und sie durch Streitereien untereinander eher noch verschärft hätten. Fraktionsgeschäftsführer Michael Vesper: »Jeder für sich ist eine Diva.«
Zögernd machen sich einige Fraktionsstars mit Rücktritts-Gedanken vertraut. Petra Kelly etwa redete unversehens über ihr Sprecheramt wie über eine Aufgabe, die sie eben hinter sich hat: »Wenn ich jetzt aufhöre als Sprecher ...«
Auch Marieluise Beck-Oberdorf kann sich mittlerweile einen Verzicht auf das Amt vorstellen, »wenn zwei andere gute Frauen kandidieren«. Und Geschäftsführer Joschka Fischer wird sich »natürlich dem Wunsch der Basis beugen«.
Soll die Vorstandswahl nicht zu einer neuen Zerreißprobe geraten, darf, so Antje Vollmer, nicht der Eindruck entstehen, »der Mob bäumt sich auf und nur noch Mittelmaß wird geduldet«. Daher kommt nur ein gemeinsamer Verzicht der Amtsinhaber auf Wiederwahl in Frage, damit keiner sein Gesicht verliert; zum anderen müssen die Nachfolger so uneitel und uneigennützig sein, daß sie sich nicht ihrerseits in den Medienvordergrund drängeln. Überdies dürfen die Neuen nicht von allzu radikalem Kaliber sein, um die bürgerlichen Sympathisanten der Grünen - ohnehin alarmiert durch das Ausscheiden adretter Leitfiguren - nicht zu verprellen.
An der fraktionsinternen Gerüchtebörse wird gegenwärtig für die heiklen Sprecherposten mehr als ein halbes Dutzend Personen gehandelt. So die Theologin Antje Vollmer, die sich in Bonn als Agrarspezialistin Respekt verschafft hat, oder Waltraud Schoppe, eine nachdenkliche Feministin mit anerkannten Vermittlungstalenten, ebenso Dieter Burgmann, der schon sein Amt als Vorstandssprecher der Grünen mit bemerkenswerter Zurückhaltung geführt hat, und Willi Hoss, Daimler-Benz-Betriebsrat mit lebensnaher Praxiserfahrung.
Im Gespräch sind ferner der Bochumer Wirtschaftsexperte Eckhard Stratmann und der Oldenburger Geographie-Professor Gert Jannsen sowie mindestens ein Vertreter der Nachrücker.
Letztlich wird die politische Biographie der Bewerber entscheiden. Denn besonders bei den Grünen stehen Personen immer zugleich für ideologische Strömungen - angesichts der gegenwärtigen Standortunsicherheit wird jede Veränderung als heimliche Vorentscheidung beargwöhnt.
Doch auch ein neuer Fraktionsvorstand wird früher oder später unter dem Dilemma der Grünen leiden, das zunehmend alle Äußerungen und Aktivitäten prägt und die Atmosphäre vergiftet: die Diskussion um die Rotation.
So ist es - aus grüner Sicht - wohl das einzige Verdienst Gert Bastians, daß er bei seinem Ausscheiden den Teppich gelüftet hat, unter den seine Fraktionskollegen bis dahin dieses Problem zu kehren pflegten. Marieluise Beck-Oberdorf will sich in ihrem Bericht an die Fraktion als Gegnerin dieser Basis-Entscheidung bekennen: »Gegen diese Rotationslösung muß jeder sein, der das psychische Gemetzel hier miterlebt.«
Auch Petra Kelly, Otto Schily und Joschka Fischer werden vor Fraktion und Parteitag nicht mehr umhin können, sich als Gegner des geplanten Wechsels vorzustellen.
Deutlicher noch als bisher wird damit der Widerspruch der Nachrücker provoziert, die bereits in der vergangenen Woche in einer geschlossenen Sitzung ihren Rechenschaftsbericht formulierten und warnend darauf hinwiesen, daß »der Vollzug der Rotation noch aussteht«.
Weder in der Partei noch in der Fraktion wird damit gerechnet, daß die Delegierten des Karlsruher Parteitages den Sindelfinger Rotationsbeschluß umstoßen. Die prominenten Wechselgegner wissen schon jetzt, daß sie isoliert dastehen.
Eine Legislaturperiode lang wird die Bonner Fraktion der Grünen also wohl oder übel die schwere Basis-Hypothek durch den parlamentarischen Alltag schleppen müssen. Das verlangt grüne Glaubwürdigkeit.
Doch selbst basistreuen Abgeordneten ist inzwischen klargeworden, daß die Grünen zur Wieder-Wahl 1987 - falls sie überhaupt so lange durchhalten in Bonn - nur dann eine Chance haben, wenn sie ihre Version des fliegenden Wechsels an die Bonner Realität anpassen.
Waltraud Schoppe: »Die Basis wird sich daran gewöhnen müssen, daß die Fraktion ein Stück autonom arbeitet, das geht nicht anders.«