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»Jeder hat ein Gewehr«

Schafft Präsident Karzai auf Anhieb die Wiederwahl, wollen seine Gegner auf die Straße gehen.
• aus DER SPIEGEL 34/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vom »Arg«, dem Präsidentenpalast inmitten Kabuls, bis zum Stadion an der Id-Gah-Moschee sind es gerade tausend Meter. Das ist eine Distanz, die sich Hamid Karzai noch zutraut, im Wahlkampf mitten im eigenen Land.

»Ich verpflichte mich, am 20. August für einen ungestörten Wahlablauf zu sorgen«, rief er dieser Tage dort 15 000 Anhängern vollmundig zu und forderte sie auf, »für Frieden und Wohlstand zu stimmen«. Auch den üblichen Appell an die Taliban vergaß er nicht, die sollten sich dem Friedensprozess doch bitte nicht verschließen.

Welchem Friedensprozess?

Die Antwort kam gleich darauf aus Pul-i-Alam, der Provinzhauptstadt von Logar: Dort drangen Bewaffnete am helllichten Tag ins Stadtzentrum vor, besetzten ein Gebäude und schossen mehrere Polizisten nieder. Logar ist die südliche Nachbarprovinz, Puli-Alam liegt 60 Kilometer von Kabul entfernt. Eine Attacke wie diese, so nah der Hauptstadt, gab es dort noch nie.

Regierungsnahe Zeitungen glauben, dass die Wahl für Karzai trotz der desolaten Sicherheitslage bereits gelaufen ist. Das Land stehe hinter ihm, beteuert die »Afghanistan Times": 10 000 Einwohner in der Provinz Daikondi hätten dem Präsidenten ihre Unterstützung für eine zweite Amtszeit zugesagt, auch 500 Älteste in Uruzgan - die täglichen Ergebenheitsadressen klingen, als hätte sie seinerzeit das sowjetische Politbüro verfasst. Von den 41 Präsidentschaftskandidaten haben einige bereits einen Rückzieher gemacht, die meisten zugunsten Karzais. Der fühlt sich so sicher, dass er Fernsehdebatten mit seinen ärgsten Konkurrenten ausschlug, darunter jene beim privaten Tolo-TV, die zehn Millionen Afghanen gesehen haben sollen. Der Sender würdige nicht genügend seine Verdienste, ließ Karzai mitteilen, im Übrigen hätten seine wichtigsten Wahlkampf-Widersacher keine Ahnung von den »Prinzipien einer zivilisierten Konversation«.

Die Widersacher: Das sind vor allem sein Verfolger Abdullah Abdullah, von Beruf Augenarzt, und Ashraf Ghani, einst Mitarbeiter der Weltbank in Washington und Rektor der Universität von Kabul - der eine war unter Hamid Karzai immerhin Außenminister, der andere hochgelobter Chef des Finanzressorts.

Sicher, auch internationale Beobachter glauben in Karzai den Favoriten zu sehen, wenn Afghanistan diesen Donnerstag zum zweiten Mal einen Präsidenten wählt. Aber sie sind überrascht von der Überheblichkeit des Staatschefs und der dreisten Hinterzimmerpolitik, die er in den letzten Wochen betrieb, um sich ausreichend Unterstützer zusammenzukaufen. Beides hat ihn nicht beliebter gemacht.

Doch je näher der Wahltag, umso größer die Nervosität im Land. Denn mit dem 20. August ist es nicht getan: Die Stimmenauszählung zieht sich vier Wochen hin, weil sie diesmal direkt in den Dörfern erfolgt, erst am 17. September verkündet Kabul das offizielle Ergebnis der Wahl. Und hat es dann keiner der Kandidaten auf mindestens 50 Prozent der Stimmen gebracht, wird für den 1. Oktober ein zweiter Urnengang angesetzt, bei dem die einfache Mehrheit entscheidet. Das heißt: Afghanistan steht vielleicht vor einer zwei Monate dauernden Hängepartie - eine Menge Ungewissheit für ein labiles Land.

Aber was passiert, wenn es zu einer Stichwahl kommt? Von dieser Frage hängt mehr ab als nur der Name des endgültigen Gewinners.

Karzais Problem besteht darin, dass er bei dieser Wahl eigentlich nicht noch mal mit 55 Prozent durchs Ziel kommen kann wie 2004 - vorausgesetzt, alles geht mit rechten Dingen zu. Umfragen sagen ihm nur noch 30 bis 40 Prozent Unterstützung voraus. Vor allem junge Leute sind enttäuscht, dass er sich erneut die schlimmsten Warlords vergangener Bürgerkriegszeiten als Verbündete auserkor - um sich deren Anhänger als Stimmvieh zu sichern. »Karzai kennt eine Menge Tricks, und er wird sie nutzen«, sagt der Kabuler Politologe Wahed Mughzada.

Das hat er in den vergangenen Wochen unter Beweis gestellt. Nicht nur, dass seine Umgebung zahllose Phantomwähler registriert haben soll. Er hat auch versucht, die Konkurrenten Abdullah und Ghani aus dem Rennen zu werfen - mit dem gängigen Mittel der Korruption.

Ghani, obwohl in Umfragen hinter Ex-Planungsminister Bashardost nur auf Platz vier, ist derzeit seine größte Sorge. Der Anthropologe, der vor zwölf Jahren fast hoffnungslos mit Magenkrebs daniederlag, ist nicht nur der schärfste Kritiker Karzais und seiner »inkompetenten Regierung«, sondern auch der einzige Kandidat mit einem »Zehnjahresplan« zur Entwicklung Afghanistans - er will eine Million Arbeitsplätze schaffen.

Aber gefährlicher noch: Er ist Paschtune, wie der Präsident auch. Seine Bewerbung könnte die Zahl der paschtunischen Stimmen für Karzai verringern und so Abdullah, dem Idol der Tadschiken und Usbeken, das Tor zum Sieg öffnen.

Deswegen setzte Karzai im Juli seine beste, im Wahlkampf schon mehrfach bei ähnlichen Aktionen erprobte Waffe ein: einen seiner sechs Brüder. In diesem Falle Abdul Qayum, einen Geschäftsmann und ehemaligen Parlamentsabgeordneten, der auch den Kontakt zu den Taliban hält.

Qayum bot Ghani im Fall eines Verzichts den Job eines »chief executive« in Karzais nächster Regierung an, was eine Art Premierminister sein soll - denselben Posten hatte der Präsident vor Wochen auch Abdullah offeriert. Qayums Begründung: Ghani werde die Wahl nie und nimmer gewinnen, und wenn das doch passiere, werde er »sich nicht an der Macht halten können«.

Drohung oder Offerte - Ghani machte das Spiel nicht mit. Auch weil er weiß, was inzwischen die Spatzen von den Kabuler Dächern pfeifen: dass Karzai bereits an die 20 Kabinettsposten anderen Gefolgsleuten versprochen hat. Die Gestaltungsmöglichkeiten eines Premiers wären damit recht gering.

Ghani hält sich angesichts des möglichen Wahlausgangs noch bedeckt, während Abdullah bereits ein Szenario à la Iran an die Wand malt, sollte Karzai nach dem ersten Wahlgang zum Sieger erklärt werden. Denn das sei »ohne großflächige Korruption« undenkbar, das gäben die Zahlen einfach nicht her. Sein Anhang werde in diesem Fall Massenproteste auslösen.

Die wiederum würden nicht so friedlich wie jene in Teheran, prophezeit Haroun Mir, Direktor des Zentrums für politische Studien in Kabul: »Die Leute werden mit ihren Kalaschnikows kommen. Jedes Haus in Kabul hat ein Gewehr.«

Kommt es andererseits zur Stichwahl, könnte das die weitaus brenzligere Situation für Afghanistan sein. Dann werde das Land »entlang der ethnischen Linien polarisiert«, sagt Haroun Mir, und auch die Taliban hätten Zeit, noch einmal richtig Luft zu holen.

Gerüchte, Karzai könne in letzter Minute die Wahl verschieben, weil er sich seines Sieges nicht mehr sicher sei, wiesen die USA vorige Woche zurück: Washington erwarte, dass der Urnengang diesen Donnerstag wirklich stattfinde, so Uno-Botschafterin Susan Rice.

Aber selbst wenn Karzai im Arg, dem Präsidentenpalast, verbleiben darf: Um eine Öffnung seines Kabinetts für andere politische Kräfte kommt er in einer zweiten Amtszeit nicht mehr herum. Donnerstag gestand er dies de facto schon ein: Er werde nach der Wahl »Dr. Abdullah und Ashraf Ghani einladen, ihnen Tee und Essen vorsetzen und auch Jobs geben«. Karzai sagte das in einem Ton, dass den beiden eigentlich nur noch eines bleibt: die Ablehnung. CHRISTIAN NEEF

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