Jeder Herr einen Fuffziger - DER SPIEGEL
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ANTI-SÜNDERIN Jeder Herr einen Fuffziger

• aus DER SPIEGEL 44/1951
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fünf bisher unbescholtene junge Mädchen zappelten stundenlang auf einer Berliner Polizeiwache. In den Arm des Gesetzes waren sie gelaufen, als sie auf dem Kurfürstendamm zu ungewohnt nachmittäglicher Stunde arglose Männer ansprachen, um ihnen augenaufschlagend zuzuraunen: »Heute - geschlossene Gardinen.«

Dieses zu einem kurzen Verhör verdonnerte Quintett gehörte, wie sich schließlich herausstellte, zu einem Propaganda-Stoßtrupp von einhundert Frauen, die das »Studio«-Kino für die Première des italienischen Films »Geschlossene Gardinen« ("Persiane Chiuse") losschickte, um Männer auf der Straße reklamemäßig anzulachen. Ihre Worte bekräftigten sie durch zugesteckte blaue Zettel mit gleichlautender Aufschrift und einer Telefonnummer, auf die sich - das Kino meldete. »Studio«-Direktor Johannes Betzel: »Ich bin jetzt schon sauer, wenn ich an die Folgen dieses Tricks denke. Möglicherweise greift mich die kirchliche Presse an.«

Besonders flau wurde es ihm auch, als eine besonders Kesse mit dem Zuspruch abzog: »Lassen Se mich mal machen. Ick verlange von jedem Herrn einen Fuffziger.«

Betzel hatte durch diese draufgängerische Taktik zweierlei erreicht: Seine Sekretärin, die sich nach Wählen der gedruckten Telefonnummer meldete, wurde von ahnungslosen, aggressiven Herren für ein diskretes Abenteuer hinter Gardinen gehalten und pausenlos mit Angeboten überschüttet. Das Kino war gerammelt voll.

»Geschlossene Gardinen« behandelt ein aktuelles Thema, mit dem sich augenblicklich in Italien moralische Strömungen beschäftigen, die eine Schließung der öffentlichen Häuser erreichen wollen. Ein junges verlobtes Mädchen aus bieder-sauberer Häuslichkeit will seine abgeglittene Schwester aus den Händen eines Zuhälters und aus sittlichem Morast befreien.

Auf permanenter Suche nach der geliebten Sünderin, stelzen die hübschen Beine des Mädchens durch menschlichen Mief, Gefängnis, durch Kloster, Ordinationszimmer des Geschlechtskrankenarztes, durch Bordelle und zweifelhafte Lokalitäten. Natürlich erreicht sie happy-endlich ihr tapferes Ziel: vor der verlorenen Tochter öffnet der Vater die Türe.

Der Film wurde in Genua und Turin gedreht. Als man ihn in Turin zeigte, mußte er zweimal vom Programm abgesetzt werden. Der Besitzer des Hotels »Falco d'Oro«, der mit unwissendem Stolz seine Räumlichkeiten für einige Aufnahmen zur Verfügung gestellt hatte, fühlte den Ruf seines Hauses gefährdet, das als schmuddlige Absteige gezeigt wurde. Hauptdarstellerin Eleonora Rossi: »Ich glaube, die Angelegenheit wurde mit Geld geglättet.«

Um der Galerie der von Kokain, Krankheit, Alkohol, Wahnsinn und Epilepsie zerrissenen Frauengesichter, die in häufigen Großaufnahmen zu moralischen Warnsignalen werden, noch einen waschechten männlichen Schurken einzuverleiben, wollte man dem berühmten italienischen Gangster »Tango« eine Rolle geben. Aber dieser aus Cayenne, der »trockenen Guillotine«, entwichene Sträfling, der bei einer Eifersuchtsexplosion drei Passanten niederballerte und nur durch seine Jugend vor einem Todesurteil bewahrt wurde, zeigte Scheinwerferhemmungen. Zum Trost für sein darstellerisches Versagen filmte man wenigstens seine Wohnung.

Trotz dieser realistischen Zutaten hat dieser Film mit konsequenter Anti-Freudenhaus-Tendenz

nichts Skandalöses. Im Gegensatz zur »Sünderin« kümmert er sich nicht um Salon-Kurtisanen, denen »ein Schritt durch den Dreck« volle Kleiderschränke und Kasse bringen, sondern nur um die armseligen Gewerbetreiberinnen der Straßenecken mit ihrem Ekel vor dem nächsten Tage, ihren elenden Zimmern, ihren vernachlässigten Kindern, ihren in verkrusteten Mundwinkeln nie verglühenden Zigaretten. Liebes- oder Nacktszenen gibt es überhaupt nicht. Dafür allerdings ordentliche Prügeleien und die Leiche einer abgemurksten Hure, die man ins Wasser warf.

Darsteller Renato Baldini und die 24jährige, stets in raffiniertem Schwarz gekleidete Eleonora Rossi, die unter dem Vorwand, guter Hoffnung zu sein, das strenge Elternhaus verließ, waren nach Berlin gekommen, um sich auf der Premiere verbeugen zu können.

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