Jedesmal einheizen - DER SPIEGEL
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USA / Presse Jedesmal einheizen

Zwei Reporter der »Washington-Post« entlarvten den Watergate-Schwindel der Nixon-Mannschaft. Jetzt wurde ihre Zeitung mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.
• aus DER SPIEGEL 20/1973
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So sicher wie Gott die Äpfel wachsen läßt«, prophezeite Benjamin Bradlee, Chefredakteur der »Washington Post«, »so sicher wird uns diese Geschichte auch noch nach dem Wahltag verfolgen.«

Es war im Oktober vorigen Jahres, in der letzten Phase des Präsidentenwahlkampfes. Kaum ein Amerikaner interessierte sich damals noch ernsthaft für die »Geschichte": den Einbruch ins Watergate-Hauptquartier der Demokratischen Partei am 17. Juni 1972.

Doch Benjamin Bradlee war nicht zu erschüttern. Seine Zeitung hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehr ermittelt als Staatsanwälte und FBI-Beamte« seine Zeitung sorgte dafür, daß alle Versuche Nixons und seiner Gehilfen scheiterten, den Watergate-Skandal zu vertuschen.

Zwei der »Post«-Reporter hatten die Spuren der wahren Hintermänner des Watergate-Einbruchs bereits aufgenommen: Carl Bernstein, 29, vorher zuständig für Nachrichten aus dem Nachbarstaat Virginia, und Bob Woodward, 30, aus der Lokalredaktion der »Post«. Dabei waren sie nur durch Zufall an das Thema Watergate geraten: Sie hatten Wochenend-Dienst gehabt, als die Nixon-Helfer das Konkurrenz-Büro knackten, und waren von Lokalchef Barry Sussman an den Tatort geschickt worden.

Wenig später stellte Sussman den einstigen Redaktionsboten Bernstein (der bis dahin eher als unzuverlässig galt, weil sein Chef ihn einmal im Presseraum einer Behörde bei einem Nickerchen überrascht hatte) und den einstigen Navy-Offizier und Yale-Absolventen Woodward (der geschickt Interviews führen, aber nur mäßig schreiben konnte) vollends von ihren bisherigen Aufgaben frei -- und bald schon waren sie im Weißen Haus und im Wahlkomitee des Präsidenten (CRP) die bestgehaßten Journalisten der Hauptstadt.

Denn Bernstein und Woodward waren besessen von »ihrem« Fall. Sie arbeiteten 16 und mehr Stunden am Tag, recherchierten bei CRP-Funktionären, aber auch bei Sekretärinnen und Stenotypistinnen, bestürmten Nixons Helfer im Weißen Haus mit Telephonanrufen und sprangen auch (Bernstein) in anfahrende Taxis, um so mit Beteiligten ins Gespräch zu kommen. »Es war«, erinnert sich Bernstein, »als wollte man jemandem ein Zeitungsabonnement verkaufen. Von 30 Leuten hat schließlich einer Mitleid und kauft.«

Die Mühe war nicht vergebens. Im Oktober deckten Bernstein und Woodward die Existenz eines Agentenringes auf, der in CRP-Auftrag politische Spionage betreiben sollte. Sie entlarvten den kalifornischen Rechtsanwalt Donald Segretti als einen der Agenten und enthüllten, daß enge Verbindungen zwischen Segretti und Dwight Chapin bestanden hatten, Nixons Termin-Sekretär.

»Die Geschichte der 'Post' ist nicht nur Erfindung, sondern eine Sammlung absurder Lügen«, entrüstete sich ein CRP-Sprecher. Und Nixons Presse-Chef Ziegler belferte voller Arroganz: »Ich werde Artikel, die auf Hörensagen, Rufmord oder Unterstellungen basieren, nicht durch einen Kommentar aufwerten.«

Als die beiden »Post«-Spürnasen kurz darauf meldeten, Nixons Stabschef Haldeman habe Zugang zu einem geheimen Fonds. aus dem auch die politische Spionage finanziert werde, verloren Nixons Helfer vollends die Nerven. Sie prangerten die Suche der Journalisten nach der Watergate-Wahrheit als Kampagne an, die Nixons Mannschaft diffamieren solle. Ziegler: »Schäbiger Journalismus ... ein offenkundiger Versuch des Rufmords.«

Als auch andere Blätter ihre Watergate-Teams in Washington verstärkten und ebenfalls mit immer neuen Enthüllungen aufwarteten, drohte die Regierung unverblümt mit Einschränkung der Pressefreiheit (SPIEGEL 11/1973).

Der Unmut der Nixon-Mannschaft konzentrierte sich freilich nach wie vor auf die »Lokalzeitung« (Ziegler). Denn Bernstein und Woodward deckten auch noch auf, daß einer der Watergate-Hintermänner, Howard Hunt, in seinem Büro im Weißen Haus über einen geheimen Telephonanschluß verfügte, der nicht an die Zentrale des Weißen Hauses angeschlossen war. Die Rechnungen für diesen Anschluß gingen an die Privatadresse der Sekretärin von Hunt.

Verärgert schloß Ziegler sogar die betagte Klatschtante der »Post«. Dorothy McCardle, 68, von der Ehre aus, über gesellschaftliche Ereignisse im Weißen Haus berichten zu dürfen. Ziegler: »Ich habe nicht viel Achtung für den Journalismus dieser Zeitung.«

Nixons Wahlkampfchef Clark McGregor -- Nachfolger des kurz nach dem Watergate-Einbruch zurückgetretenen John Mitchell -- ereiferte sich währenddessen: »Die Post« hat bösartig versucht, den Eindruck einer direkten Verbindung zwischen dem Weißen Haus und dem Watergate-Fall herzustellen ein Vorwurf, von dem die 'Post' ... weiß, daß er falsch ist.«

Die »Post« druckte McGregors verlogene Erklärung in vollem Wortlaut. Lakonisch kommentierte Chefredakteur Bradlee: »Es mag der Hinweis genügen, daß nicht ein einziger Punkt (der »Post«-Berichte) mit Erfolg widerlegt wurde.«

Das ist bis heute nicht geschehen. Im Gegenteil: Die Verbindung zwischen Weißem Haus und Watergate wurde -- nicht zuletzt durch die Ermittlungen der »Post« -- so deutlich, daß selbst Nixon sie nicht mehr ableugnen kann.

In seiner Watergate-Rede an die Nation suchte er sich mit dem Hinweis, eine »kraftvolle freie Presse« gehöre zum amerikanischen System, bei den Journalisten wieder anzubiedern. Unmittelbar nach seiner Rede erschien er sogar -- zunächst unbemerkt -- im Presseraum des Weißen Hauses. Aus dem Schatten vernahmen die Reporter plötzlich seine bewegte Stimme: »Wir haben in der Vergangenheit unsere Differenzen gehabt, und ich hoffe, Sie werden mir auch künftig jedesmal einheizen, wenn Sie glauben, daß ich etwas falsch mache. Ich hoffe, ich bin ihres Vertrauens würdig.«

Und Ronald Ziegler, der allein im Monat März 478mal auf Fragen nach dem Watergate-Skandal ausgewichen war oder die Unwahrheit gesagt hatte, bekannte kleinlaut. »Ja, ich möchte mich bei der 'Post' entschuldigen ... Ich glaube, wir müssen alle sagen, daß Fehler gemacht wurden ... ich habe mich seinerzeit in meinen Kommentaren über die 'Post' zu stark engagiert. Es war eine Übertreibung.«

zwischen Presse und Präsidenten-Crew, gleichwohl sind beide Seiten nach wie vor unversöhnliche Gegner. Viel größere Genugtuung als über Zieglers Geste durfte das Blatt der beiden Detektive Bernstein und Woodward denn auch ein paar Tage später empfinden: Der »Post« wurde die höchste journalistische Auszeichnung verliehen, der Pulitzer-Preis.

Begründung der Columbia University, die diesen Preis jährlich verleiht: »Die 'Washington Post' hat sich von Anfang an geweigert, die Watergate-Affäre als einen schlechten politischen Witz zu betrachten.«

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