USA Jersey Kid stoppt
Fernfahrer Charlie ("Tramp") Sandburg, 39, hatte ein Bier zuviel getrunken. »Streik hin, Streik her«, dröhnte er an der Bar von »Wrights«, einem Fernfahrer-Treff an der Bundesstraße 224 in Ohio, »ich bin morgen mit meinem Laster auf der Straße.«
Daraus wurde nichts. Als Sandburg nach einem kurzen Abstecher in den nächsten Ort zum Parkplatz kam, stand sein Laster in Flammen. Auf der Autobahn bei Harrington, US-Staat Delaware, starb in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch ein Fernfahrer an einem Lungenschuß, den ihm ein streikender Kollege verpaßt hatte; ein paar Stunden vorher war in Wilmington, North Carolina, ein streikender Mann von der Gegenfahrbahn aus umgelegt worden. Der Schütze saß im Fahrerhaus eines passierenden Lasters.
In insgesamt sieben Bundesstaaten bewachten Nationalgardisten Autobahnbrücken und eskortierten Lastwagen-Konvois, um den Transport lebenswichtiger Güter vor Heckenschützen zu sichern. Zusätzlich heuerte der Manager des zentralen Benzin-Auslieferungslagers in Cleveland neun finstere Typen als Begleitschutz für seine Fahrer an: bewaffnete Mitglieder der Motorrad-Gang »Hell's Angels«.
Auf Amerikas Autobahnen herrschte Belagerungszustand. In einem Klima von Tag zu Tag steigender Gewalt und Gegengewalt drohte ein gegen die Erhöhung der Dieselölpreise gerichteter Streik der Lastwagenfahrer« die Versorgung der Bevölkerung in 42 US-Staaten und zugleich große Bereiche der amerikanischen Wirtschaft lahmzulegen.
Die aufständischen Fernfahrer sitzen an der richtigen Stelle. Von den 650 Millionen Tonnen Gütern, die jährlich über die Vereinigten Staaten verteilt werden, reist ein Großteil in den riesigen Fernlastern. 52 Milliarden Meilen sammeln sich jährlich auf den Meilen-Zählern der rund 1,5 Millionen Laster über 13 Tonnen an.
Wenn sie stillstehen, vergammelt Obst in Florida, Fleisch in Chicago, stockt die Produktion von Autos in Detroit und Kohle in Pittsburgh.
Am Donnerstag voriger Woche wurde in Washington ein Kompromiß ausgehandelt, der den Fernfahrern gestatten sollte, ihre hochgeschnellten Treibstoffkosten durch Erhöhung der Frachtkosten weiterzugeben. Bis dahin hatten freilich schon 75 000 Amerikaner in der Folge des Streiks ihre Jobs verloren, 18 000 davon in der Autoindustrie. Wenn der Streik weitergehe, so Pennsylvanias Gouverneur Shapp, würden allein in seinem Bundesstaat 350 000 Menschen arbeitslos werden.
Die Männer, die außer den Rädern« ihrer eigenen Fahrzeuge so viele andere in der amerikanischen Wirtschaft stoppten, sind, ungewöhnlich für einen Arbeitskampf, Privatunternehmer. Sie sind Eigentümer ihrer »trucks« oder sind dabei, sie abzustottern.
Es ist ein hartes Geschäft mit knappem Gewinn. Was die meisten von ihnen auf den Straßen hält, und das häufig sieben Tage in der Woche, ist ein selbststilisierter Lebensmythos, der ihren Alltagsjob mit dem Traum von Unabhängigkeit, Männlichkeit und Wildem Westen schönt. Ihre selbstgewählten Spitznamen klingen nach Saloon: »Outlaw«, »Colorado Wildman«, »Whiskey Charlie«, »Saddle Tramp«, »Pecos Bill«, »Jersey Kid«.
An den Fernfahrer-Stopps werden die entsprechenden Verkleidungen feilgeboten -- billige Stetsonhüte, Lederwesten, gewaltige chrombeschlagene Gürtel -,und aus den Musikboxen« die dort stehen, dröhnt Country-and-Western-Music. »Jersey Kid«, ein schwarzer Fahrer: »Viele von uns, die wir einen Laster fahren, hätten eigentlich lieber vor hundert Jahren gelebt und Wagenkolonnen durch die Prärie geführt.«
Die Energiekrise bedroht die Asphalt-Cowboys in ihrer Existenz: Seit Mai 1973 ist Dieseltreibstoff von 30 Cent pro Gallone auf im Schnitt 50 Cent gestiegen, und da die Unabhängigen alle Transportkosten selber bestreiten, ging das an ihr eigenes Portemonnaie. Geschwindigkeitsbegrenzungen verlängerten ihre Fahrzeiten, viele Tankstellen gaben nur begrenzte Mengen Treibstoff aus. Früher konnte Hubert Mitzelt, der Stahl aus Akron, Ohio, nach Baltimore schafft, mit einer Tankfüllung für die 650 Kilometer auskommen. Jetzt muß er, da er immer nur zehn Gallonen bekommt, siebenmal Treibstoff nachfassen.
Daß es unter diesen Fahrern nun solche gibt, die Kollegen erschießen, um die Transport-Blockade effektiv zu halten, erscheint vielen Amerikanern keineswegs empörend. Für sie war dies ein Aufstand des kleinen Mannes, dem angesichts des politischen Wirrwarrs in Washington und des Komplotts der Ölkonzerne nichts anderes übrigblieb, als aufs Wegelagerrecht zurückzugreifen.
Der Streik, der viele traf, weckte sogar unverhoffte Solidarität. Die linken Vietnam-Veteranen und »Winter Soldiers« unterstützten den Kampf der unabhängigen Lkw-Unternehmer. Im Hauptquartier des »Council of Independent Truckers"« der den Streik organisiert, in Barberton, Ohio, tauchte in der vorigen Woche beispielsweise ein bärtiger Hippie auf. Einem Fernfahrer im roten Flanellhemd der rechten »American Rifle Organisation« überreichte er einen Stapel Sympathie-Flugblätter. Ein Fahrer: »Vor zwei Jahren hätte ich Typen wie den am liebsten überfahren. Ich war überzeugter Nixon-Anhänger. Aber Nixon hat uns allesamt an die Ölgesellschaften verkauft«
Selbst bis ins Mark moderate Amerikaner empfanden Verständnis. Die Nationalgarde zum Beispiel, die vor vier Jahren bereitwillig auf die rebellierenden Studenten der Kent State University schoß, verhielt sich »ganz anders«, so der Presseoffizier der Gardisten-Kaserne von Ravenna, Ohio: »Dies hier ist ein Aufstand der Schweigenden Mehrheit, zu der sich die meisten von uns selber zählen.«