RUSSLAND Jerusalem des Ostens
Wieder einmal trifft es Walerij Schanzew. Wieder einmal geht eine Bombe hoch in Moskau, und der Vizebürgermeister der Stadt steckt mittendrin im Schlamassel.
»100 000 Rubel erhalten die Verwandten der heute Verstorbenen, 50 000 Rubel die Verletzten«, schnurrt Schanzew am vergangenen Freitag in dürrer Kassenwart-Sprache herunter. Die zu diesem Zeitpunkt 39 Menschen, die im Tunnel unweit der Moskauer Metro-Station Awtosawodskaja einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen sind - zerrissen, verbrannt oder erstickt -, liegen da noch nicht einmal in der Leichenhalle.
Im Juni 1996 war Schanzew, ehemals stellvertretender Vorsitzender der Moskauer KP, noch selbst das Opfer. 50 Prozent seiner Haut verbrannten bei einem Sprengstoffanschlag. Im August 2000 musste er verängstigte Bürger beruhigen, nachdem in der Passage im U-Bahnhof Puschkinplatz 12 Menschen starben. Und im Oktober 2002, als im Musicaltheater »Nord-Ost« 129 Geiseln ihr Leben ließen, identifizierte Schanzew unter den getöteten Geiselnehmern mindestens »einen Afghanen und einen Araber«.
Seither sucht der Terror Moskau in immer kürzeren Abständen heim. Im vergangenen Juli rissen zwei Selbstmordattentäterinnen mit Splitterbomben auf einem Rockkonzert 15 Menschen in den Tod. Und am 9. Dezember starben in Sichtweite des Kreml noch einmal 6 Menschen durch eine Bombe.
»Ihr werdet noch was zu feiern haben heute«, soll nach Aussagen von Ermittlern ein kaukasisch aussehender Mann um die vierzig vergangenen Freitag an der Station Awtosawodskaja einer Metro-Bediensteten zugerufen haben, Minuten bevor der fünf Kilogramm schwere Sprengsatz hochging.
Trägt die Bluttat also einmal mehr die Handschrift von Gewalttätern aus der Republik Tschetschenien, die seit 1991 die Abspaltung von Moskau betreiben?
Für Präsident Wladimir Putin scheint das sicher. Schon kurz nach der Tat nennt er den Terrorismus »die Pest des 21. Jahrhunderts« und stellt klar, dass er den tschetschenischen Untergrund-Präsidenten Aslan »Maschadow und seine Banditen« für die eigentlich Schuldigen halte. An der passenden Antwort könne kein Zweifel bestehen: »Russland verhandelt nicht mit Terroristen, Russland vernichtet sie.«
Dass Maschadow, wieder einmal, jede Beteiligung am Blutbad dementieren lässt, stört Putin dabei nicht. In Rhetorik wie Ursachenforschung bleibt er sich treu.
Bereits zu Beginn des zweiten Kriegs gegen die abtrünnige Kaukasus-Republik hatte Putin, damals noch Ministerpräsident, die künftige Tonart mit seiner Forderung vorgegeben, die tschetschenischen Terroristen müsse man »in ihrer eigenen Scheiße begraben«. Drei Jahre später, beinahe wortgleich Bushs Drohung an Osama Bin Laden aufgreifend, gab er die Parole aus: »Man muss sie aus ihren Kellern und Höhlen holen, wo sie sich bis jetzt verstecken, und vernichten.«
»Sie«, das sind der tschetschenische Rebellenführer Schamil Bassajew, Kommandeur des Märtyrer-Bataillons »Rijad al-Salihin«, und seine Leute. Jener Bassajew, der offen wissen ließ, er bilde Selbstmordattentäterinnen, so genannte Schwarze Witwen, für den Einsatz in russischen Städten aus. Bassajew gehe es um »ein Höchstmaß an politischer Resonanz« durch Tötung von Zivilisten, warnte Russlands Geheimdienstchef Patruschew im Dezember.
Gelänge es dabei, den Krieg aus dem Kaukasus dauerhaft in die Hauptstadt zu tragen, aus Moskau also eine Art Jerusalem des Ostens zu machen - die Folgen für das Alltagsleben der 10,5 Millionen Metropolenbewohner wären so schwer wiegend wie jene für die Sicherheitskräfte.
Vor allem die Metro, Moskaus Nervenstrang, ist gegen Terror kaum wirksam zu schützen. Neun Millionen Passagiere täglich, verteilt auf elf Linien und 262 Kilometer Streckennetz, benutzen sie. Das Labyrinth im Bauch der Hauptstadt ist der Alptraum jedes Anti-Terror-Experten.
Die Machthaber in Moskau setzen weiter auf eine Politik der harten Hand. Putins treuer Heinrich, der Parlamentspräsident und Vorsitzende der Kreml-Partei Boris Gryslow, spricht schon Stunden nach dem Blutbad davon, »in allernächster Zukunft« Gesetzesverschärfungen prüfen zu lassen.
Und auch der Präsident selbst lässt, bezüglich Tschetschenien, keine Leidenschaft zu einem Kurswechsel in absehbarer Zeit erkennen. Fünf Wochen vor seiner sicheren Wiederwahl ins höchste Staatsamt will Putin keine Schwäche zeigen. Er hat noch viel vor.
An den U-Bahn-Stationen, an denen am Freitag die Blutverschmierten ans Tageslicht kommen, hängen noch die Zeitungen mit der Meldung des Tages: Eine Verfassungsänderung werde erwogen mit dem Ziel, den Präsidenten künftig für sieben Jahre zu wählen. Das hieße: Nach Ablauf der nächsten Amtsperiode kämen nochmals zwei Dienstzeiten für den jetzigen Kreml-Chef dazu.
Die seriöse »Iswestija« hat das vorsorglich schon einmal hochgerechnet: »Sie schlagen Putin vor, bis 2022 zu bleiben.« WALTER MAYR