TV-GESCHICHTE Jetzt wird geflutet
Lügen haben kurze Beine und oft schreckliche Gesichter. Nicht die freche Täuschung regt den Betrachter von heute auf, mit der Walter Ulbricht, roter DDR-Alleinherrscher, am 15. Juni 1961 - zwei Monate bevor seine Trupps mit Stacheldraht die Grenze verbarrikadieren - die Presse hinters Licht führt: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.«
Wirklich schlimm wirkt in dieser Szene die Aufgeräumtheit des lügenden Ulbricht, die Lust an der List, diese ebenso triumphierende wie kindisch-brutale Verachtung des Politruks gegenüber der bürgerlichen Presse. Es ist, als offenbare der Kommunismus in Ulbricht sein wahres, unmenschliches Gesicht: Die Arroganz des Ideologen versteinert die Mundwinkel und tötet jedes Leben in den Augen.
Die Beschäftigung mit Historie ist längst kein Monopol der Schreiber mehr. Der Geschichte kann man zusehen. Das beweist die sechsteilige Reihe »Die Mauer«, die an diesem Mittwoch um 21.45 Uhr im Ersten beginnt, eine Produktion des NDR in Zusammenarbeit mit SPIEGEL TV. Auch die Kamera entlarvt, sieht hinter das, was sie zeigt, deckt Zusammenhänge auf. Und vor allem: Die Bilder vom Bau, Bestehen und Fallen der Mauer sind so erregend und rührend wie am ersten Tag.
Es kann gut sein, dass das Fernsehen bis dahin noch nie so historisch präsent und am Ende mitentscheidend war wie beim Untergang der DDR. »Die Mauer« legt dies zumindest sehr nahe.
Als das steinerne Ungetüm gebaut wurde - die Folge eins »Beton und Stacheldraht« zeigt es -, gehörten die Berichterstatter mit der Kamera, wie die Politiker des Westens auch, noch zu den Überrumpelten. Ratlos und empört blicken die Objektive auf die Vopos und Betriebskampfgruppen, die den Ostteil Berlins abriegeln.
Da gibt es Bilder von Flüchtlingen, die die noch nicht so perfekten Sperranlagen überwinden, die berühmt gewordenen Aufnahmen vom Volksarmisten, der in einem günstigen Moment über den Stacheldraht springt. Matthias Walden, Berliner Journalist und später Springers Gehilfe im Kalten Krieg, erregt sich über die »Verbissenheit« eines NVA-Offiziers und lobt die Zweifel im Gesicht eines einfachen Soldaten - Ohnmacht und Wut bestimmen das Fernsehen, das Medium ist ausgesperrt.
Als die Mauer fällt, ist alles anders, die Kamera macht Politik. Der fünfte Teil »Die Mächtigen und das Volk«, der Höhepunkt der Reihe, handelt davon. Als Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz die wichtigsten Worte der deutschen Nachkriegsgeschichte über die neue Ausreiseregelung der DDR nuschelt, ist er live auf den Bildschirmen zu sehen. Als die Menschen wenig später zum Übergang Bornholmer Straße drängen, sind die SPIEGEL-TV-Kameras zur Stelle und erhöhen durch ihre schiere Präsenz den Druck auf die Grenzer.
Was sich anschließt, der Sturm des Volks über die Mauer - ein DDR-Offizier: »Jetzt wird geflutet« -, gerät zu einer Apotheose des Fernsehens, die Bilder vom tanzenden Volk auf dem Wall jagen durchs elektronische Weltdorf. Bei Hegel ritt der Weltgeist in Gestalt Napoleons noch zu Pferde, 1989 hatte er elektronische Flügel.
Auch die anderen Folgen der »Mauer« - sie beschäftigen sich mit der Stasi und den Dissidenten, den Geheimdiensten und dem politischen Besiegeln der deutschen Einheit - zeigen das Fernsehen als Souverän: Die Statements auch noch so wichtiger Zeitzeugen, von Gorbatschow bis George Bush, von Kohl bis Egon Bahr, haben sich in den Bilderstrom zu fügen. Denn die Bilder haben genug zu erzählen, nicht nur Jubel, sondern Ergreifendes wie den Besuch Wolf Biermanns am Sterbebett des Regimekritikers Robert Havemann oder Grausiges wie die Hinrichtungsstätten für abtrünnige Stasi-Mitarbeiter, die als Agenten des Westens enttarnt worden waren. NIKOLAUS VON FESTENBERG