Jochen Steffen † - DER SPIEGEL
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NACHRUF Jochen Steffen †

• aus DER SPIEGEL 41/1987
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Es gab wohl nur wenige Tage im Leben des sozialdemokratischen Politikers Jochen Steffen, an denen die Freude über die eigene Partei ungetrübt war. Und das galt mit Sicherheit auch umgekehrt.

Seit ihn als schleswig-holsteinischen Jusochef 1955 sogar der milde Parteivorsitzende Erich Ollenhauer mit der Ehre eines Redeverbots belegte, weil er gegen die Wiederbewaffnungs- und die Westeuropa-Politik der SPD wie immer schneidend vom Leder gezogen hatte, umgaben ihn Aura und Ruch des innerparteilichen Rebellen. Den ordentlichen Bürgern galt er ohnehin als die zeitgemäße Offenbarung des linken Revoluzzers.

Er hat diese Rolle weder gesucht noch genossen. Weil ihm aber der damals aufkommende, heute restlos dominierende Typus des Ich-gehe-davon-aus-Politikers zuwider war, hat er sich auch nicht dagegen gewehrt.

Die Dialektik von individueller Sphäre und Gesellschaft war das Lebensthema des Individualisten Steffen. Sein Credo: »Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen, auf Freiheit angelegt, die er in Selbstbestimmung verwirklicht.«

Die realen Machtverhältnisse aber stehen, wie er es empfand, dem Wesen des Menschen entgegen, sie machen ihn zum »Opfer«, weil die wirtschaftlichen Strukturen entscheiden, »was mit dem Menschen, seiner Arbeit, seiner Gesellschaft und der Natur geschieht. Die Wirtschaft bestimmt, und die Politik läuft hinterher«. Maßstab der humanen Interessen seien die Bedürfnisse jener, »die in der Gesellschaft unten sind, die Beladenen, Erniedrigten, Beleidigten, Nichtleistungsfähigen«. Ihr Schicksal korrespondiere mit dem der Natur, »von der der Mensch ein Stück ist«.

Das war und ist aus sozialdemokratischer Sicht so originell nicht. Die Kluft zwischen Steffen und seiner Partei tat sich auf, als die seit 1969 in Bonn regierenden Sozialdemokraten nach seinem Verständnis allzusehr auf den Konsens mit den wirklich Mächtigen bedacht waren, statt auf Veränderung, etwa Investitionskontrolle und -lenkung sowie vermehrte Mitbestimmung, zu setzen. Nicht den versäumten Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse warf er der Regierung Brandt ("Ein freischwebender europäischer Mensch") und Schmidt ("Der große Macher macht eine solide CDU-Politik") vor, sondern den Mangel an Reformen, »in Freiheit«, wie er stets hinzusetzte. Wie das im einzelnen gehen sollte, wußte Steffen auch nicht so genau.

Sein Sozialismus war sehr persönlich und abseits des realen Vollzugs geprägt, seine Freunde und Gegner irritierte er durch komplizierte theoretische Ableitungen und seine »auspeitschende« (Siegfried Lenz) Polemik. Er bekannte sich als Marxist und verabscheute die Kommunisten und den Leninismus: »Völker, höret die Zentrale!« Er hat es nie begriffen, daß so viele ihn nie verstanden haben.

Als Parlamentarier trat er an, die Macht zu erlangen, doch sie blieb ihm versagt. Daß die große politische Karriere nicht gelang, hat ihm vielleicht den Knacks gegeben.

Sein stupender Witz verriet ihn. Den Ideologen in ihm, der er ja auch nicht war, stach doch immer der Aufklärer aus. Vor allem wollte er Störer sein, eine Art Gegenmacht zu den frischgebügelten Mächtigen ohne Sprache und - ohne die Idee des Humanen.

Und es war vielleicht ein Glück für Jochen Steffen, daß er, dem der Theaterkritiker Joachim Kaiser einmal »ein sanft anarchisches Weltbild« attestierte, nie ein Politiker mit Staatsgewalt wurde, etwa als Regierungschef in Schleswig-Holstein.

1979 verließ Steffen die Partei, nachdem die Regierung Schmidt sich auf den Bau von Atomkraftwerken ohne gesicherte Endlagerung verlegt hatte. Der Norddeutsche ging nach Niederösterreich aufs Land und gastierte seither nur noch in deutschen Kabaretts als Kieler Werftarbeiter Kuddl Schnööf.

Die Spuren dessen, der am vorletzten Sonntag in seiner Heimatstadt Kiel starb, sind, wenn es je Abdrücke gegeben hat, längst verweht. Angesichts der Zimmermänner dieser Republik aber verdiente dieser nie ganz selbstgewisse Klopfer und ehrliche Nagler allemal einen Rangplatz in der jungen Geschichte der deutschen Demokratie - selbstverständlich nach seiner Wahl: halbhoch und halblang.

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