JONATHAN.
Vor fünf Jahren wurde der ungarische Ex-Diktator Mátyás Rákosi totgesagt, jetzt bat er um Äpfel. Der Altstalinist war 1956 nach einer zwölfjährigen »rem-korszac« (Monster-Epoche) -- wie die Ungarn heute sagen -- als Parteichef und Ministerpräsident gestürzt worden und mit einem Flugzeug in die Sowjet-Union geflüchtet. 1963, als das Gerücht aufkam, er sei im Moskauer Kreml-Hospital gestorben, druckten zahlreiche Zeitungen Nachrufe auf Rákosi, den »Zottigen«. Jetzt traf ihn eine ungarische Malerin in einem kirgisischen Dorf wieder, als Rákosi, eine alte Tragetasche in der Hand, mit einer Bäuerin um etwas Obst feilschte. Die Ungarin sprach ihn an, und Rákosi beklagte alsbald sein Schicksal: Er lebe mit seiner Frau von einer bescheidenen Rente und dürfe keine ungarischen Zeitungen lesen, »weil sie die Wahrheit schreiben, daß das ungarische Volk mich zurückersehnt, daß nur ich Ungarn retten kann! Das aber ist dem Kreml höchst peinlich! Dort ist die große Oktoberrevolution zu Ende! Berichten Sie zu Hause: Ich bin bereit, zurückzukehren! Ich werde die Revolution retten! Meine Genossen sollen meine Rückkehr vom Kreml erzwingen!« Als sich die Ungarin von Rákosi verabschiedete, rief er ihr nach: »Und noch eine Bitte! Ich sehne mich sehr nach ungarischen Äpfeln. Der ungarische Jonathan(-Apfel) ist ohne seinesgleichen. Wenn Sie eine gute Genossin sind, so schicken Sie mir ein Päckchen Äpfel.«