José María Aznar
José María Aznar , 49, spanischer Regierungschef und zurzeit Ratsvorsitzender der EU hatte vergangene Woche Abhörprobleme. In einer sehr gesetzten 25 Minuten dauernden Rede trug er den nur in geringer Zahl erschienenen Abgeordneten des Europaparlaments die Ergebnisse des EU- Gipfels von Barcelona vor. Seine einschläfernden Ausführungen wurden in den Presseraum und in die Dolmetscherkabinen übertragen. Nachdem er unter Applaus wieder Platz genommen hatte, raunte er seinem Sitznachbarn, dem spanischen Staatssekretär für europäische Angelegenheiten, zu: »Vaya coñazo que he soltado.« Bei der Selbstkritik in Fluchform - »Was ich für einen langweiligen Scheiß geredet habe« - vergaß Aznar jedoch, sein Mikro abzustellen. In der einzigen sich der Regierung gegenüber neutral gebenden Nachrichtensendung wurde der verbale Ausrutscher den spanischen Zuschauern vorgespielt. Es war wirklich nicht José Marías Tag: Am Mittag war durch ein Versehen sein Treffen mit den Abgeordneten der Europäischen Volksparteien direkt ins Parlament zu Brüssel übertragen worden. Da konnten alle hören, was eigentlich hinter verschlossener Tür bleiben sollte: Britische Tory-Abgeordnete beschimpften Aznar wegen seiner Freundschaft zum Labour-Mann Tony Blair und der »unakzeptablen Lösung«, die beide für die Kronkolonie Gibraltar erdacht hätten (siehe Seite 164).