KROATIEN »Josip, wie klingen Granaten?«
Mit jedem Stammgast kehrt Leben zurück ins Hotel am Hang. Auf der Terrasse, wo im Krieg Schrapnelle den alten, Schatten spendenden Weinstock zerfetzt haben, balancieren Kellner Tabletts mit Bernsteinfisch vom Grill. Zwischen Bougainvillea und Lavendel diniert man wieder, das Meer zu Füßen. Steinern liegt drüben im letzten Licht die alte Stadt - Dubrovnik.
Das Hotel Villa Dubrovnik war und ist die erste Adresse der schönsten Stadt an Kroatiens Adriaküste. Erbaut 1958 für kommunistische Parteigänger, wurde es seit den Sechzigern von Urlaubern bevölkert und ab 1992 von Männern in Uniform und schweren Stiefeln: Während der Belagerung Dubrovniks im Balkankrieg nahm das örtliche Oberkommando der kroatischen Streitkräfte hier Quartier.
In der Suite, die jetzt wieder betuchten Briten offen steht, residierte General Nojko Marinovic, der Oberbefehlshaber von Dubrovnik. Während vor der Tür Granatsplitter spritzten, tagte der Stab. Von umliegenden Bergen und von Kriegsschiffen aus feuerten Serben und Montenegriner, Freischärler und jugoslawische Armee. Dubrovnik, auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes, bekam an Rekordtagen 600 Granaten ab, im Schnitt alle zwei Minuten eine. Von 1991 bis 1995 starben 92 Zivilisten und 129 Soldaten.
Dubrovnik ist schön, noch immer. Gemauert aus hellen Steinquadern, die dunkelfleckig werden wie Greisenhaut über die Jahre, fügen sich die Häuser der Altstadt innerhalb des Mauerrings zu einem geschlossenen Ganzen. Wie Venedig, die Stil prägende Schwester von der anderen Adriaseite, zeigt Dubrovnik dem eiligen Besucher nicht seine Seele, nur die Fassade - Palazzi, Tauben, Liebespaare, hämmernde Bootsschreiner in Kellernischen.
In Dubrovniks Stradun, den Corso, münden die Gassen wie Nebenflüsse in einen Strom. Der Stradun ist die Hauptschlagader des Altstadtlebens. Auf glatt geschmirgelten Steinplatten flanieren die dalmatinischen Bürger. Und nicht nur sie.
Mannschaftsstark sind in diesen Tagen wissbegierige Deutsche in Freizeitkleidung unterwegs; dicht dabei Italiener, die - »sei, cinque, quattro« brüllend - die Sekunden zählen, bis sie per Selbstauslöser sich und ein Stück Dubrovnik belichtet haben; durch unhandliche »Croatie«-Bücher und gelehrige Kinder, die noch bei sengender Hitze lauschen, verraten sich Franzosen.
Diese alte Stadt, umgeben von Wehrgängen und Festungen, ist eine Schatzgrube voll architektonischer und kultureller Meisterwerke, die sorgfältigst über die Jahrhunderte bewahrt wurden.
TOUR-WERBUNG DUBROVNIK DES REISEBÜROS ATLAS
Natürlich haben die serbischen Granaten Klöster getroffen, Bibliotheken in Flammen aufgehen lassen, Dächer zerstört, doch davon ist nicht mehr die Rede. »Niemand will Megglichkeit versäumen, hier einen Spaziergang zu machen«, sagt der Atlas-Reiseleiter Tomislav Hencek.
Er steht am Beginn des Stradun, hat ein brutzelbraunes Ehepaar aus Burgstädt, Sachsen, im Gepäck, und ein Anliegen: Er will erklären, dass Dubrovnik nicht mehr Kriegsgebiet, aber noch nicht Rimini ist. Es gibt hier wenig Strand und viel zu sehen - Sponza-Palast, Rektorenpalast, jede Menge »gotico fiorito«, lässt Tomislav wissen, blühende Gotik. Seine Kundschaft goutiert den feinen Unterschied, in Dubrovnik und nicht in einer der berüchtigten Germanen-Grillstationen gelandet zu sein.
Dubrovnik ist schön, noch immer, aber nicht mehr billig. Neun Jahre Krieg in Ex-Jugoslawien wollen refinanziert sein. Die chronisch überbewertete Landeswährung Kuna und die vor allem im Tourismus schleppende Privatisierung haben die Preise hoch getrieben. Und die »Perle der Adria«, Cash-cow des untergegangenen Staats, hat seit der kroatischen Unabhängigkeit 1991 nicht mehr viel Geld eingespielt.
»Erst jetzt sind wir zurück auf der touristischen Landkarte«, sagt Tonko Kolendic, Direktor des Reisebüros Atlas. Im Krieg war er Botengänger der Streitkräfte; die patriotisch tadelsfreie Bereitstellung von Bussen, Booten und Hotelzimmern durch seine Agentur würdigt eine Urkunde des Oberkommandos: »Dank für den Beitrag und die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der kroatischen Armee während des vaterländischen Kriegs, vor allem während der Operationen ,Blitz' und ,Sturm'.«
Die beiden Feldzüge zur Befreiung der von Serben besetzten Gebiete Westslawonien und Krajina haben 1995 Hunderte, wenn nicht Tausende serbische Zivilisten das Leben gekostet und Kroatiens Politiker vorübergehend die Gunst des Westens. Erst seit dem Tod des Präsidenten Franjo Tudjman und dem Siegeszug der Opposition hat sich der Wind gedreht. Ausländische Staatschefs, Investoren und Touristen kommen wieder.
Allerdings, in staatlichen Hotels bestehe noch immer nur »begrenztes Interesse«, sagt Mario Marusic. Touristen seien nach dem Krieg leichter zurückzugewinnen als Investoren: »Das Kapital ist furchtsamer als der Mensch.« Marusic war Offizier für psychologische Kriegsführung und nachrichtendienstliche Tätigkeit im Krieg gegen die Serben. Jetzt ist er für die Privatisierung der in der Gruppe »Hoteli Dubrovnik« zusammengefassten staatlichen Häuser zuständig. Noch setzt das Gros der gastlichen Stätten rund um Dubrovnik auf die Adria-Formel aus den siebziger Jahren, jene bewährte Mischung aus kellnernden Charmebolzen, an die Wand gepinselten Schalentieren und der von Gratisschnaps befeuerten Hoffnung des Gasts, satt, aber nicht arm zu werden.
Bosnier, Slowenen und Tschechen waren als Urlauber in den letzten Jahren in und um Dubrovnik in der Mehrheit. Die Kennzeichen strandnah parkender Autos beweisen: Auch in diesem Sommer wieder liegt fast ganz Böhmen am Meer. Nur, Rang eins haben die Deutschen zurückerobert.
»Send more tourists«, steht auf den T-Shirts, die im alten Hafen verkauft werden. Dort, im unverrückbaren Gravitationszentrum des tausendjährigen Seefahrervolks, sitzen allerdings auch jene, die nicht den Eindruck machen, als seien noch mehr Besucher und mehr Einkünfte das, was ihnen am meisten fehlt - die Rentner.
Auf ihren Bänken im Schatten erzählen sie von den verlorenen Bekannten oben in den Bergen, die nun zu Bosnien gehören, zum Ausland also. Und überhaupt vom alten Jugoslawien. Nicht sentimental, nicht klagend; Buch führend höchstens über persönlichen Verlust und Gewinn.
Die Tourismus-Planer von Dubrovnik haben, als Vorbild, schon Venedig oder andere Kunststädte Europas im Kopf. Die Einwohner aber haben Trebinje und Herceg-Novi vor Augen, grenznahe Städte in den Nachbarrepubliken Bosnien-Herzegowina und Montenegro.
Kroatien hat die Form einer Spitztüte, und im untersten Winkel sitzt Dubrovnik. Nördlich blockiert die herzegowinische Küstenstadt Neum den Zugang zum Rest Kroatiens. Im Osten leben die einstigen Kriegsgegner aus dem serbischen Teil Bosnien-Herzegowinas. Und im Süden stehen Milosevics Truppen auf Montenegros Boden.
Kaum eine Stunde von Dubrovnik entfernt, bietet Montenegros Küste unvergleichliche Naturschönheiten und Überfluss an historischen Sehenswürdigkeiten.
TOUR-WERBUNG MONTENEGRO DES REISEBÜROS ATLAS
»Guten Tag, mein Name ist Diana, ich bin Ihre Reisebegleiterin auf dem Ausflug nach Montenegro": Es ist acht Uhr morgens kurz hinter Dubrovnik, der Busfahrer hat gerade das Schild mit dem Reiseziel ausgewechselt - »Montenegro« statt »Fish picnic« vom Vortag -, und 44 Touristen sind angetreten zur Fahrt ins Reich des Bösen.
Wie sonst wäre das Hoheitsgebiet von Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic zu nennen, das noch immer EU-Sanktionen ausgesetzt ist? Vier volle Busse fahren an diesem Tag von Dubrovnik nach Montenegro, in die kleinere Teilrepublik Jugoslawiens. Das macht, bei 60 Mark Eintritt pro Kopf, um die 10 000 Mark Umsatz für den Veranstalter. Die letzten Nato-Bomben sind im Land der Schwarzen Berge vor gut einem Jahr niedergegangen.
»Die meisten wissen gar nicht genau, wo sie hinfahren«, sagt Josip Cesnek, der Busfahrer mit der verbrannten Haut am linken Unterarm. Andererseits, auch die Montenegriner hätten in gewisser Hinsicht keinen blassen Schimmer: »Wenn die da drüben wüssten, wer wir sind, würden sie uns die Haut abziehen.« Josip war kroatischer Frontkämpfer. Die Montenegriner wiederum marschierten mordend und plündernd vorneweg, als 1991 Milosevic die Einkesselung Dubrovniks anordnete.
Kein lautes Wort darüber verliert man im Bus. Montenegros Präsident, der ehemalige Milosevic-Getreue Milo Djukanovic, war im Juni in Dalmatien und hat sich für die Rolle seiner Landsleute beim Krieg gegen Kroatien entschuldigt. Seither klingt's, als hätten alle Kroaten Kreide geschluckt, wenn vom kleinen Volk im Süden, dessen mutmaßliche Kriegsverbrecher in Den Haag bereits aufgelistet sind, die Rede ist. Die Eiszeit geht zu Ende, gemeinsame Tourismuskonzepte entstehen.
»Die offizielle Sprache in Montenegro ist Serbisch«, sagt Diana, »die offizielle Währung ist Deutschmark.« - »Kak, Deutschmark?«, platzt der Russe in Reihe fünf heraus, wieso Deutschmark? Sind sie im falschen Bus?
An der Grenze kein Problem. Leise gleitet die Fuhre südwärts, kommentarlos vorbei am grenznächsten Stützpunkt der jugoslawischen Marine - von hier sind 1991 die Kriegsschiffe nach Dubrovnik ausgelaufen; von hier würden sie aller Voraussicht nach auch gegen Montenegro in Stellung gehen, sollte die Teilrepublik sich tatsächlich abspalten.
Die ersten Ausflügler dösen bereits der versprochenen Brotzeit mit rohem montenegrinischem Schinken entgegen, und so kommen Josip, der kroatische Busfahrer, Diana, die Reiseleiterin, und Gojko, der zugestiegene Führer aus Montenegro, auf Serbokroatisch ungestört ins Plaudern.
Josip, Kroate: »Zum Glück können wir hier wegen der Berge schlecht bombardiert werden.« Gojko, Jugoslawe, beim Krieg gegen Kroatien angeblich nur bis zur Grenze mitmarschiert: »Josip, wie klingen Granaten?« - Josip: »Wenn's pfeift, ist sie schon über dir.« - Diana: »Erst wenn du gesehen hast, was sie anrichten können, kommt die wirkliche Angst.«
Zwölf Stunden nachdem sie mit ihrem Bus aus Montenegro wieder nahe Dubrovnik eingelaufen sind, stehen der Paderborner Gynäkologe Ingmar Wolffram samt Gattin, befreundetem Ehepaar und fünf Kindern erneut abholbereit. Knapp 500 Mark haben sie für heute bezahlt. Das Tagesziel heißt Mostar.
Diese Gegend hat Kulturen und Religionen über die Jahrhunderte kommen und gehen sehen. Jede einzelne hat ihre Spuren hinterlassen, die Sie auf dieser Tour kennen lernen werden.
TOUR-WERBUNG MOSTAR DES REISEBÜROS ATLAS
Die Spuren, die Herr Wolffram und Anhang kennen lernen, sind nicht zu übersehen. Schon die als »malerische Festungsstadt« angekündigte Station Pocitelj kann ihre jüngste Geschichte nicht verleugnen - »kein Badehaus mehr, keine islamische Schule, nur Trümmer, schön ist das nicht«, sagen die Paderborner traurig.
Zum Glück sind sie die Küste entlanggefahren und nicht direkt von Dubrovnik in die Herzegowina. Dort ist es schnell vorbei mit Küstenschwung, Palmenhainen und venezianischen Palazzi. Dort beginnt die serbisch kontrollierte Herzegowina mit einem Ruinendorf auf steiniger Hochebene, mit kyrillischen Straßenschildern und lateinischen Graffiti für die Panzerfahrer der Sfor-Truppen: »Death for Nato-Killers.«
In Mostar, immerhin, schweigen inzwischen die Waffen. Jahrelang haben sich hier Kroaten und Muslime erst gemeinsam gegen die Serben und dann gegeneinander »verteidigt«. Am Ende waren 90 Prozent der muslimischen Altstadt zerstört.
Kroaten und Muslime misstrauen sich noch immer, die Alte Brücke liegt deshalb weiter in Trümmern, aber einige Moscheen stehen wieder. Die Paderborner erleben also ein muslimisches Gotteshaus, danach im »türk. Haus weltbekannt« von Familie Biscevic den »Orient im Westen« und bei Schnitzel mit Pommes an der alten Frontlinie die Ruinenlandschaft am Neretva-Fluss.
Seine Kinder, sagt Ingmar Wolffram, halb stolz, halb erstaunt, hätten für Mostar votiert und gegen einen Badetag. Obwohl sie ansonsten RTL-Seifenopern der »Tagesschau« vorzögen. Dann zeigt er, was er auf dem Basar, zwischen Kupfergeschirr und goldenen Kaffeemühlen, gefunden hat: einen Kugelschreiber, aus einer alten Patronenhülse gebastelt, acht Deutschmark. »Phantasie haben die ja hier«, sagt der Arzt und lacht. Dann muss er los, zur Rückfahrt ans Meer.
Dubrovnik ist schön, noch immer. Aber nicht schön genug für zwei Wochen Urlaub. Touristen wollen alles, nur keine ethnisch reinen Urlaubsgegenden. Sie wollen Franziskanermönche in Dubrovnik, Muslime in Mostar, verschleierte Frauen und Minarette. Sie wollen in Montenegro das Schloss des blutrünstigen Njegos sehen und Gelbschwanzmakrelen am Meer essen. Sie bringen Geld und haben das Sagen.
Kann Dubrovnik aus der Not eine Tugend machen? Nada Maric, die Managerin der eleganten Villa Dubrovnik, stellt ein Glas Travarica, Kräuterschnaps, auf den Tisch, überblickt sorgenvoll die sich leerende Hotelterrasse und sagt: »Der Tourismus ist unser Leben. Wir haben keine Wahl. Die Zeit muss die Wunden heilen.« WALTER MAYR