Juni
Aus englischen Quellen werden Details über die Bemühungen Semjonows zur Neutralisierung Deutschlands bekannt, wie sie mit Malenkow und dem inzwischen gestürzten Berija sowie dem anfangs heftig widerstrebenden Molotow vereinbart worden
seien Danach wurde Semjonow bei seiner Ernennung zum Oberkommissar beauftragt, nicht nur die westdeutsche Aufrüstung, sondern auch die Wiederwahl Adenauers unter allen Umständen zu verhindern. Semjonow wußte sich bei den abschließenden Verhandlungen Vollmachten zur Umgestaltung der nach seiner Meinung unfähigen SED-Regierung zu sichern. Diese Vollmachten müssen sehr weitgehender Natur gewesen sein. Semjonow hatte allen Ernstes vor, Vinzenz Müller mit
dem Amt des Ministerpräsidenten zu betrauen. Eine noch drastischere Maßnahme Semjonows sollte in der Reaktivierung des verhafteten früheren Außenministers Dertinger und des ehemaligen Ernährungsministers Hamann bestehen. Beide sollten nicht nur - ähnlich wie die Moskauer Ärzte - auf freien Fuß gesetzt, sondern auch in das neugebildete Kabinett eingereiht werden Dertinger, den man für besonders geeignet hielt, die Verhandlungen mit Bonn zu führen, sollte das neue Außenministerium, Hamann das Landwirtschaftsministerium übernehmen. Semjonow forderte deshalb nach seiner Rückkehr nach Karlshorst die Anklage-Akten gegen Dertinger und Hamann an. Es stellte sich jedoch heraus, daß beide aus gesundheitlichen Gründen nicht verwendungsfähig waren. Hamann hatte nach unmenschlichen Folterungen einen Selbstmordversuch begangen und galt als Todeskandidat, bei Dertinger war durch ihn besuchende russische Stabsoffiziere »völlige Apathie infolge unglaublich schlechter Behandlung« festgestellt worden. Beide wurden auf Befehl Semjonows in ein russisches Militärlazarett übergeführt, wo sie sich jetzt noch befinden. Diese Vorgänge wirkten alarmierend auf die SED-Führung. In ihrer Bestürzung wandten sich Ulbrich und Grotewohl an Gerhard Eisler, den von ihnen abgedankten Propagandachef, von
dem sie wußten, daß er bei Malenkow immer noch in Gunst stand. Eisler ließ Warnungen für den Fall ergehen, daß Semjonow seine »technischen Pläne realisiere« Inzwischen waren aber die Vorbereitungen für »spontane Kundgebungen der Bevölkerung gegen das Pieck-Grotewohl-Ulbricht-Regime« schon angelaufen. Mit der Organisation des »Protestmarsches der unzufriedenen Maurer aus der Stalinallee« war ein Major Isaak Samuelowitsch Goldmann beauftragt worden. Goldmann, drittrangiger kommunistischer Funktionär aus Memel, der sich später als Partisanenführer gegen die Deutschen in Rußland bewährt hatte, ist in der Ostzone bereits unter den verschiedensten Namen, wie Krasker, Schneider, Trukow usw., tätig gewesen. Seine Mission wurde ihm durch den Umstand erleichtert, daß er sich als »waschechter Berliner« zu geben wußte. Als die von ihm inszenierte Demonstration, die er anfangs gut unter Kontrolle zu halten wußte, in eine unkontrollierbare Massenkundgebung umschlug, verlor die mangelhaft unterrichtete Volkspolizei den Kopf. Als erstes Opfer dieses »von westdeutschen und amerikanischen Faschisten entfachten Aufruhrs« wurde Major Goldmann schon drei Tage später unter militärischer Bedeckung auf dem Luftwege nach Rußland gebracht.