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USA Juniors große Stunde

Auf einem 50 Millionen Dollar teuren Parteitagsspektakel soll der Texas-Gouverneur George W. Bush zum republikanischen Kandidaten für das Weiße Haus gekürt werden. Vier Monate vor der Wahl führt der Präsidentensohn in Umfragen vor dem drögen Clinton-Vize Al Gore.
• aus DER SPIEGEL 30/2000
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Im Hintergrund die US-Flagge, an seiner Seite Politiker-Prominenz, darunter ein Ex-Generalstabschef: Flankiert von zwei ehemaligen Außenministern und einem früheren Sicherheitsberater, trat George Walker Bush an das Podium und verkündete sein Konzept für eine Nationale Raketenabwehr.

Es hätte ein perfekt inszenierter Auftritt werden können zu einem Thema, das Amerikas Rolle als einzige Supermacht wie auch präsidiale Führungsstärke demonstrieren sollte. Doch dann erlaubte der Kandidat Reporterfragen.

Ein Fehler: Bei den Erkundigungen nach technischen Details, nach Finanzierungsmöglichkeiten oder strategischen Konsequenzen musste der Gouverneur aus Texas passen. »Mit dem Ende des Kalten Krieges«, rettete sich Bush ins Ungefähre, »brauchen wir ein neues Denken.«

So kennen die Amerikaner den derzeit aussichtsreichsten Bewerber um die Nachfolge Bill Clintons - als Sonnyboy ohne Profil. Neben Parteieminenzen wie Henry Kissinger, George Shultz oder dem Golfkriegshelden Colin Powell schrumpfte Bush junior zum Fliegengewicht.

Doch mit solch peinlichen Pannen soll es nun vorbei sein. Ein hoch qualifiziertes

Team von Aufpassern wacht über alle öffentlichen Auftritte und garantiert, dass der Gouverneur von Texas sich stets von der besten Seite zeigt: fröhlich strahlend, als bodenständiger und allseits beliebter Landesvater. Und nächste Woche soll er endlich erhalten, was ihm an nötiger Statur noch fehlen mag: Auf dem Wahlparteitag in Philadelphia, dessen Kosten auf die Rekordsumme von 50 Millionen Dollar veranschlagt sind, wollen 2066 republikanische Delegierte George W. Bush offiziell zum Präsidentschaftskandidaten ihrer Partei küren.

Acht Jahre nachdem sein Vater, Präsident George Bush, der Sieger des Golfkriegs, ausgerechnet gegen den ungedienten Vietnam-Drückeberger Bill Clinton verlor, hofft die Partei Ronald Reagans auf ein Comeback: Bush II. soll die demokratischen Parvenüs endlich wieder aus dem Weißen Haus vertreiben.

Nach den Erfahrungen vergangener Wahlkämpfe hätte er dafür kaum eine Chance: Die Wirtschaft läuft noch immer auf vollen Touren, Arbeitslosigkeit und Zinsen haben einen Tiefststand erreicht, der Schuldenberg schrumpft - eigentlich müsste Vizepräsident Al Gore schon jetzt einmal die Füße auf den Schreibtisch im Oval Office legen können.

Doch die acht fetten Jahre haben bei den Amerikanern auch Lähmung und Abkehr von der Politik hervorgerufen: Vier Monate vor der Wahl geben fast 90 Prozent der befragten US-Bürger an, sie hätten sich »noch keine« oder »nur wenig Gedanken« über ihre Entscheidung in der Abstimmungskabine gemacht; ein Drittel meint gar, es sei ziemlich egal, wer am 7. November die Wahl gewinnt.

So ist es kein Wunder, dass Bush junior in vielen Umfragen etwa gleichauf mit, in einigen deutlich vor seinem demokratischen Konkurrenten liegt. Denn mit seinem immer noch ungelenken und hölzernen Auftreten wird der Bush-Rivale Gore das Image eines drögen Emporkömmlings nicht los.

Der ewig optimistische Bush kommt dagegen trotz der Zweifel an seiner Kompetenz beim Wähler an. Freunde wie Gegner bescheinigen dem 54-Jährigen im Umgang mit dem Wahlvolk »reibungslose Leichtigkeit« und den »Charme der Gelassenheit«. Kann er seinen Vorsprung halten, wäre sein Sieg zugleich eine Familien-Revanche und die Erfüllung der Erwartungen, die eine hochgemute Politiker-Dynastie in ihren Thronfolger gesetzt hat.

Doch der dünne Firnis von Substanz erschwert dem republikanischen Hoffnungsträger sogar die Suche nach einem geeigneten Vizepräsidenten. Der Stellvertreter, der nur wenige politische Aufgaben zu erfüllen hat, darf auf keinen Fall den Präsidentschaftskandidaten selbst an Popularität oder Scharfsinn übertreffen.

Damit entfällt derjenige Kandidat, der eigentlich die ideale Ergänzung für George W. wäre - Senator John McCain, Bushs populärer Konkurrent bei den parteiinternen Vorwahlen. Der weißhaarige Kriegsheld ist Amerikas angesehenster Vietnam-Veteran und könnte bei jedem gemeinsamen Auftritt dem Texaner leicht die Schau stehlen.

Ende voriger Woche musste McCain zum wiederholten Male jedes Interesse an einem Wahlbündnis mit Bush dementieren. Auch andere Favoriten, etwa der Gouverneur von Pennsylvania, Tom Ridge, oder Senator Chuck Hagel, ein altgedienter Experte für Außenpolitik, drohen George W. mit ihrer Erfahrung in den Schatten zu stellen.

Und eine Vizepräsidentin Elizabeth Dole könnte zwar weibliche Stimmen für das konservative Lager gewinnen, aber fraglich bleibt, ob sich die ambitionierte frühere Direktorin des Roten Kreuzes mit der Nebenrolle abfinden könnte.

Derzeit führt Frank Keating aus Oklahoma die Liste der möglichen Stellvertreter an. Der Gouverneur, der 1995 nach dem schweren Bombenanschlag in Oklahoma City landesweit Anerkennung erhielt, ist ein alter Freund der Bushs. Bescheiden und nicht vom übertriebenen Ehrgeiz geplagt, selber im Rampenlicht zu stehen, erscheint er als Hauptanwärter für das Amt des zweiten Manns im Staat.

Eine Entscheidung für seinen Freund wäre bezeichnend für den Kandidaten. »Bush war schon immer ein Mann, der zuallererst wusste, wie er an den Strippen der Macht zu ziehen hatte - ein vollkommener Opportunist«, glaubt beispielsweise der Autor Paul Alexander.

Die größte Hilfe erhielt er stets von seinem Vater und den einflussreichen Freunden der Familie - vor allem, als er sich 1994 entschloss, in die Politik zu gehen und gegen die texanische Gouverneurin Ann Richards anzutreten.

Bush senior verhalf ihm damals zu einem Team loyaler Anhänger, das ihm die richtige Wahlkampfstrategie entwarf. Sein heute wie damals wichtigster Helfer hieß Karl Rove und war unter dem Spitznamen »das Gehirn« bekannt. Rove beschränkte die Botschaft des Bewerbers auf drei populäre Themen: bessere Ausbildung, weniger Sozialhilfe und schärferes Durchgreifen in der Justiz.

Der Wahlsieg brachte Anerkennung, aber keine wirkliche Macht. »In Texas hat der Gouverneur nur eine schwache Position in der Exekutive«, erklärt Earl Black, Politologe an der Rice-Universität von Houston.

Gleichwohl gebärdet sich George W., der nach dem Anfangsbuchstaben seines zweiten Vornamens nur »Doubleyou« gerufen wird, heute als tatkräftiger, erfahrener Regierungschef und preist seine langjährige Erfahrung an der Spitze des »zweitgrößten Flächenstaates« der USA. Dabei kann der »Reformer mit Resultaten« (Bush über Bush) nur eine höchst umstrittene Regierungsbilanz vorweisen.

Von einer Schulreform abgesehen, die lange vor seiner Amtszeit angeschoben wurde, gibt es kaum präsentierbare Erfolge. Der Kampf gegen die weit verbreitete Armut schlug fehl, ein Viertel der Bevölkerung lebt ohne Krankenversicherung. Luft und Wasser sind in Texas verschmutzter als in irgendeinem anderen Bundesstaat. Einen traurigen Rekord hält Texas bei der Hinrichtung von Straftätern; Bush, ein spätbekehrter Methodist, ließ die Todesstrafe sogar an geistig Behinderten vollstrecken.

Sein Ansehen hat darunter nicht gelitten. Nach einer glänzenden Wiederwahl stieg er nicht nur in den Augen seiner Eltern, sondern auch bei den republikanischen Parteipatriarchen zum aussichtsreichsten Präsidentschaftsbewerber auf. Bald lud Bush Industrielle, Parteifreunde und Lobbyisten in die Texas-Hauptstadt Austin ein, zugleich erfand Chefstratege Rove die Wahlkampfbotschaft vom »mitfühlenden Konservativismus«.

Mit dem diffusen Slogan gelang Bush das Kunststück, die auseinander driftenden Parteiflügel zusammenzuführen. Die griffige Parole vereint die Wirtschaftsbosse der so genannten Country-Club-Republikaner mit den dogmatischen Abtreibungsgegnern der Christlichen Koalition.

Bush setzt nun auf eine Wahlkampfstrategie, die abgekupfert ist: So wie einst Clinton antrat, um als »neuer Demokrat« Washington zu erobern, will auch der Junior die Republikaner vom Stigma einer rückwärts gewandten, überalterten Traditionspartei lösen.

Die Offensive wird freilich nicht intellektuell ausgetragen, Bush will in Philadelphia die kühle Kompetenz seines Gegners mit Glamour und Staraufgebot unterlaufen. Den insgesamt 45 000 Parteitagsgästen wird eine fulminante Show geboten mit Licht und Laser, Musik und Videos.

»Mehr Bühnenzauber als politisches Ereignis«, spottete bereits der Kommentator Bill Schneider vom Nachrichtensender CNN und sprach von einem »virtuellen Parteitag«.

Nichts bleibt dem Zufall überlassen: Das Podium, tiefer gelegt als in früheren Jahren, soll Volksnähe unterstreichen, die demonstrative Präsenz von ethnischen Minderheiten soll die Partei als repräsentativen Querschnitt der Nation erscheinen lassen.

Dutzende von Rednern, Parteifürsten wie Showstars, werden die Führungsqualitäten von George W. beschwören - der noch immer beliebte General Colin Powell darf den Anfang machen, später wird Ehefrau Laura Bush die menschlichen Vorzüge ihres Mannes schildern.

Auf jeden Fall soll der Parteitag politische Angriffsflächen vollständig vermeiden. Zwar enthält die Wahlplattform Vorschläge zur Sanierung der Renten- und Sozialversicherung, doch konservative Reizthemen wie Abtreibung, Schusswaffenbesitz und Schulgebet wurden hinter verklausulierten Allerweltsfloskeln versteckt - auf dem republikanischen Jubelfest soll es keine Misstöne geben.

Während in der gewaltigen Sportarena die teure Show abläuft, will sich die Opposition auf den Straßen von Philadelphia bemerkbar machen. Dort wollen Gegner der Todesstrafe, Umweltschützer und Globalisierungskritiker mit massiven Aktionen das Krönungsspektakel durcheinander bringen.

Drinnen bleibt sogar die Abrechnung mit dem Gegner diesmal ausgespart. Anders als sonst sollen rituelle Attacken auf die Demokraten entfallen. Bush, der vergangene Woche von Clintons Heimatstaat Arkansas aus zum Parteitag nach Philadelphia und zu seiner großen Stunde aufbrach, will bereits ganz und gar präsidial erscheinen - als Führer »aller Amerikaner mit aufrichtigem Herzen«. STEFAN SIMONS

DIE BUSH-DYNASTIE

PRESCOTT SHELDON BUSH Der Gründer (1895 bis 1972) war nach dem Yale-Studium Artillerist im Ersten Weltkrieg. Als Investmentbanker schuf er die Voraussetzung für eine späte Senatorenkarriere. Ehrgeiz galt ihm als wichtigster Familienwert.

GEORGE W. BUSH (geb. 1946) Der älteste Sohn George Bushs war Yale-Student, Nationalgarde-Pilot und Ölunternehmer. Als Gouverneur von Texas reüssierte er durch Steuersenkungen und als Verfechter der Todesstrafe.

GEORGE BUSH (geb. 1924) Er folgte dem väterlichen Beispiel, studierte in Yale und war im Zweiten Weltkrieg Marineflieger. Das Vermögen mehrte er im Ölgeschäft. Als Präsident blieb es trotz des Siegs im Golfkrieg bei nur einer Amtszeit.

JOHN ELLIS BUSH (geb. 1953) Der Bruder George W. Bushs war erfolgreicher Immobilienhändler und wurde 1998 Gouverneur von Florida. Dort konnte er die einflussreichen Exilkubaner auf seine Seite ziehen.

* Mutter Barbara, George W., Vater George, Großmutter Dorothy,Großvater Prescott Sheldon.

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