Kämpfer des Dschungels - DER SPIEGEL
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ENTFÜHRUNGEN Kämpfer des Dschungels

Separatisten wollen im Süden der Philippinen einen muslimischen Gottesstaat errichten - mit Bomben, Mord und Kidnapping. Ihr Hintermann ist der Top-Terrorist Ibn Ladin.
Von Rüdiger Falksohn und Jürgen Kremb
• aus DER SPIEGEL 18/2000
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Käme die Story aus der Feder eines Drehbuchautors, sie hätte das Zeug zu einem Thriller: in den Hauptrollen Kopfabschneider mit Beziehungen zu weltweit gesuchten Terroristen, dazu mandeläugige Schulkinder, die als menschliche Schutzschilde in undurchdringliche Dschungel verschleppt werden - und als Special Guests zehn Urlauber, die ahnungslos zwischen die Fronten eines ethnisch-sozialen Konflikts geraten.

Doch was sich am Ostersonntag am malaysischen Nordostzipfel Borneos auf der Robinson-Insel Sipadan abspielte, in einem der romantischsten Schnorchelreviere der Welt, war weder Hollywood noch Fernsehschnulze. Es war die brutale Wirklichkeit eines seit fast drei Jahrzehnten schwelenden Bürgerkriegs.

Gemeinsam mit anderen Hobbytauchern saß die Göttinger Lehrerfamilie Wallert beim Abendessen im Restaurant des »Pulau Sipadan Resort«, einer von sechs Ferienanlagen auf dem nur wenige Hektar großen Palmen-Eiland. Da stürmten gegen 19.30 Uhr sechs Maskierte vom Strand über die Freitreppe herein, mit vorgehaltenen AK-47-Schnellfeuergewehren und einer geschulterten Panzerfaust.

Eilig kassierten sie alle greifbaren Wertsachen und trieben die Gäste samt elf weiteren Geiseln auf zwei Schnellboote. Dann verschwand der ganze Spuk in der tropischen Finsternis, Richtung Tawi-Tawi-Inseln, Philippinen.

»Einer sprach den dortigen Dialekt«, wusste ein Dienstmädchen zu berichten, das sich retten konnte, »andere redeten Malaiisch.« Entsprechend vage waren auch die ersten offiziellen Mutmaßungen über die Identität der Kidnapper: Waren es Piraten? Oder religiöse Extremisten?

Entführungen, politische Fehden und marodierende Banditen sind Alltag in der Celebes-See zwischen Malaysia, Indonesien und den Philippinen; sie zählt zu den gefährlichsten Gewässern der Welt. Doch bislang trafen Überfälle nur ausnahmsweise Ausländer. Ein derart generalstabsmäßiger Angriff auf ein Touristen-Resort ließ darauf schließen, dass es den Tätern weniger um die erst drei Tage später angeblich geforderten 100 Millionen Pesos (5 Millionen Mark) Lösegeld ging, sondern um Publicity.

»Piraten hätten auch noch die Zimmer gefilzt, jeder von uns hatte dort ja seine Kamera-Ausrüstung«, bekräftigte US-Tourist James Murphy, 51, der dem Greifkommando ebenfalls entkam und, gemeinsam mit seiner Frau Mary, von der rasch alarmierten malaysischen Armee nach Kuala Lumpur evakuiert wurde.

So geriet alsbald die etwa 1000 Mann starke philippinische Separatisten-Organisation Abu Sayyaf ("Träger des Schwertes") in Verdacht. Sie kämpft mit Waffengewalt für einen islamischen Gottesstaat im Süden des überwiegend katholischen Inselreichs. »Wir sagen nicht, dass wir es waren«, orakelte ihr Sprecher Abu Ahmad, »aber wir sagen auch nicht, dass wir es nicht waren.«

Mitte der Woche, nachdem ein massives philippinisches Militäraufgebot die Geiseln auf der Insel Jolo geortet hatte, gab es an der Identität der Täter kaum noch Zweifel. Nur eine radikale Splittergruppe wie Abu Sayyaf hatte triftige Gründe, mit einer derart spektakulären Aktion die Weltpresse aufzuscheuchen.

Denn Abu Sayyaf sucht ein Forum für ihr politisches Anliegen, außerdem sind die Freischärler akut unter Druck: Einen Tag vor dem Überfall von Sipadan hatten 1800 philippinische Soldaten mit Angriffen gegen Abu-Sayyaf-Stellungen auf der rund 400 Kilometer entfernten Insel Basilan begonnen. Dort halten die Guerrilleros 27 einheimische Geiseln gefangen.

Auslöser des fast 30 Jahre andauernden Bürgerkriegs in der südphilippinischen Inselwelt ist die anhaltende soziale Unzufriedenheit der Muslime. Die so genannten Moros stellen heute in ihren traditionellen Siedlungsgebieten, nach jahrelangem, systematischem Zuzug von Christen, nur noch etwa 15 Prozent der insgesamt 20 Millionen Bewohner. Ihr Ackerland, das sie vor der Enteignung durch amerikanische Kolonialherren Anfang des 20. Jahrhunderts als Allmende bestellten, wurde oft zum Besitz weniger christlicher Großgrundbesitzer oder US-amerikanischer Lebensmittel-Multis.

Die 1969 gegründete Moro National Liberation Front (MNLF) hatte deshalb zeitweilig bis zu 40 000 Freiwillige unter Waffen. Seit 1972 fielen mehr als 100 000 Menschen den Aufständen zum Opfer.

Nur kurzfristig gelang es 1996 dem damaligen philippinischen Präsidenten Fidel Ramos, einen Frieden mit den einflussreichsten gemäßigten Moros auszuhandeln. Daraufhin integrierte MNLF-Anführer Nur Misuari seine Dschungelkrieger zwar teilweise in die Armee Manilas, doch dies war bald Makulatur.

Die radikaleren Muslime widersetzten sich dem Abkommen von Anfang an. Während der politische Flügel ihrer größten Fraktion, der Moro Islamic Liberation Front (MILF), noch bis Ende vorigen Jahres mit dem Ramos-Nachfolger Joseph Estrada über eine weiter reichende Autonomie-Regelung verhandelte, heizten bewaffnete MILF-Einheiten im Dschungel die Terrorkampagne gegen Armeeangehörige und Christen immer weiter an.

Als dabei auch ein Patenkind Estradas ums Leben kam, beendete der Staatschef jeden Kontakt mit den Aufständischen. »Wir lassen uns nicht länger an der Nase herumführen«, polterte er am 22. März im Fernsehen. Verteidigungsminister Orlando Mercado erhielt Anweisung, »das Problem umfassend zu klären«.

Die Sezessionisten kämpfen unterdessen skrupelloser denn je. Mittlerweile sollen 100 000 Menschen auf der Flucht sein. Und es ist längst nicht mehr die MILF mit ihrem üppigen Kampfarsenal (11 350 Schusswaffen), die gegen das schlecht ausgerüstete Militär Manilas den Ton angibt - die Splittergruppe Abu Sayyaf stiehlt der Alt-Guerrilla die Show.

Abu Sayyaf, 1991 gegründet, gilt mittlerweile als radikalste Muslimgruppe der Philippinen. Die USA führen sie auf einer Hitliste der 29 gefährlichsten internationalen Terror-Organisationen.

Als ein Abu-Sayyaf-Anschlag auf einen Militärposten der Insel Basilan am 20. März fehlschlug, drangen die Milizionäre beim Rückzug in eine katholische Schule ein und nahmen rund 50 Geiseln. Kinder, Lehrer und ein katholischer Priester sollten vor allem Deckung bieten gegen Konterattacken der Armee.

Im Gegenzug verschleppten Unbekannte drei Tage später in der Inselhauptstadt Isabela die Ehefrau, die Mutter, das Kind und sieben weitere Familienmitglieder des Abu-Sayyaf-Anführers Khaddafy Janjalani. »Ich werde jeweils zwei Geiseln enthaupten, wenn einem meiner Familienmitgliedern etwas zu Leide getan wird«, verkündete der Terrorist daraufhin. Doch als Janjalanis Kämpfern wenig später die Vorräte ausgingen, willigte er ein, 20 Geiseln gegen Nahrung und Wasser zu tauschen.

Als Unterhändler akzeptierte er nur den Filmstar Robin Padilla. Dem übermittelte er eine weitere kraftmeierische Forderung: Die USA sollten drei islamische Gesinnungsgenossen freilassen, darunter Ramsi Ahmed Jussif, der als Drahtzieher des Bombenanschlags 1993 auf das World Trade Center in New York zu 240 Jahren Haft verurteilt wurde. Um seinem Ansinnen Nachdruck zu verleihen, ließ Janjalani verlauten, zwei Geiseln seien bereits geköpft worden.

Ebenso wie Jussif unterhält Abu Sayyaf intensive Kontakte zum ausgebürgerten saudi-arabischen Oberterroristen Ussama Ibn Ladin, dem mutmaßlichen Hintermann des Attentats auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998.

Jussif war als Abgesandter Ibn Ladins nach Manila gereist. Im Januar 1995 stürmten Geheimdienstler eine konspirative Wohnung, in der Jussif sich aufgehalten hatte, und stellten umfangreiche Pläne sicher: für Anschläge auf die amerikanischen und die israelischen Botschaften in Manila und Bangkok, auf den Papst während seines Manila-Besuchs 1995 sowie auf US-Flugzeuge, die von Hongkong aus heimwärts jetten.

Drei Abu-Sayyaf-Gründungsmitglieder beteiligten sich in den achtziger Jahren am Befreiungskampf afghanischer Mudschahidin gegen die Sowjetarmee. Ibn Ladin soll damals das Training von über 200 philippinischen Muslimen finanziert haben.

Der philippinischen Regierung kommt, ebenso wie der malaysischen, die internationale Aufmerksamkeit infolge der Geiselnahme von Sipadan denkbar ungelegen. Manila fürchtet ein Aufflammen des Separatismus und Zustände wie im benachbarten Indonesien. Kuala Lumpur bangt um seine touristischen Pfründe - 400 000 Urlauber kommen jährlich allein in den Bundesstaat Sabah, zu dem Sipadan gehört, und das deutsche Auswärtige Amt warnt bereits vor Reisen in die Region.

Deswegen waren beide Regierungen in seltener Eintracht sogleich bemüht, den Konflikt herunterzuspielen und dabei auch noch das Gesicht zu wahren. Die Kidnapper, hieß es, seien »ehemalige« Abu-Sayyaf-Mitglieder, und zum Unterhändler wurde der Ex-Guerrilla und heutige Provinzgouverneur Nur Misuari bestimmt. RÜDIGER FALKSOHN, JÜRGEN KREMB

* Göttinger Familie Wallert (2. v. l.: daheim gebliebener SohnDirk); Schulkinder auf der Insel Basilan.

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