Kalte Schultern - DER SPIEGEL
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STRAUSS-REISE Kalte Schultern

• aus DER SPIEGEL 29/1958
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Der Bonner Kanzler hatte den robustesten seiner Mannschaft, den Bajuwaren Franz-Josef Strauß, ausgewählt, um am Hofe des lothringischen Ritters de Gaulle vorzufühlen, was denn nun aus der europäischen Integration werden solle. Die Strauß-Mission endete ergebnislos.

Eigentlich sollte Verteidigungsminister Strauß, wie schon lange geplant, am Dienstag vergangener Woche nur zwei französische Flugzeugmuster besichtigen, die für die Erstausstattung der bundesdeutschen Luftwaffe in engerer Wahl standen. Als Strauß aber durchblicken ließ, daß er dem neuen Premier präsentiert zu werden wünsche, hatten die französischen Gastgeber sofort einen Empfang arrangiert. Sie waren offenbar des Glaubens, einige begütigende Worte de Gaulles über die Zukunft der europäischen Sache würden hinreichen, den Franz-Josef Strauß zur Placierung größerer Rüstungsaufträge anzuregen.

Das Gespräch der beiden - des spargellangen Franzosen und des untersetzten Deutschen - währte genau eine halbe Stunde. Meinte Strauß anschließend im Hofe des Palais Matignon vor französischen Journalisten: »Meine Unterhaltung mit dem General de Gaulle war sehr frei, ohne auf bestimmte Themen einzugehen.« Dann aber - eingedenk des europäischen Patriarchen am Rhein, in dessen Namen er hier stand - in großer Positur: »Nachdem der Ministerpräsident bereits den amerikanischen Außenminister empfangen hatte, mochte ihn auch der Wunsch bewegt haben, mit einem deutschen Minister Verbindung aufzunehmen. Da ich als Verteidigungsminister hier zu tun hatte, konnte dies geschehen.«

Straußens in bajuwarischem Amerikanisch vorgetragene Erklärung spiegelt eine Rivalität neuer Art zwischen Bonn und Paris. In der Tat war zwischen de Gaulle und Strauß nicht die Rede davon, ob und wo die Selbstherrscher Frankreichs und der Rheinbund-Republik zusammentreffen sollen. Weder de Gaulle noch Adenauer möchten einen Schritt tun, der ihrer Würde schaden oder die eigene Wirkung auf den anderen beeinträchtigen könnte.

De Gaulle - ohnedies mit seiner »lieben Dame Frankreich« über die Maßen beschäftigt - hielt sich auch sonst zurück. Nicht einmal das unverbindliche Angebot früherer französischer Verteidigungsminister, die Bundesrepublik möge am Bau einer französischen Atombombe mitwirken, wurde von dem Retter Frankreichs erneuert. Auch Franz-Josef Strauß zeigte daraufhin die kalte Schulter. In Gesprächen mit deutschen Nato-Offizieren tat er - am Abend im Kasino - etwaige Projekte einer militärischen Atomforschung der Bundesrepublik, einer deutsch französischen oder einer europäischen Atombombe gleichermaßen ab: »Kommt für uns überhaupt nicht in Frage.«

Am Vormittage hatte der französische Flugzeugindustrielle Marcel Dassault auf dem Flugfeld Melun-Villaroche dem Strauß seine Düsenmaschine »Mirage III« vorgeführt. Diese »Mirage III« liegt seit Monaten mit den amerikanischen Maschinen »Super-Tiger« und »Starfighter« im Rennen um die Gunst der Bonner Interessenten.

Für Marcel Dassault und das französische Luftfahrtbudget ist von größter Bedeutung, daß »Mirage III« die amerikanische Konkurrenz am deutschen Himmel aussticht. Franz-Josef Strauß zeigte sich von den Steig- und Landeeigenschaften der »Mirage III« auch sehr beeindruckt aber er bestellte nicht.

Strauß hatte von seinem Kanzler den für ihn unbequemen Auftrag, in Paris mehr zu sehen und zu hören als selbst zu sprechen. So blieb er sogar fest, als ihn de Gaulle mit gallischem Charme am europäischen Portepee faßte:

- Der Kauf oder Nichtkauf des französischen Düsenjägers sei ein Testfall für die europäische Zuverlässigkeit der Westdeutschen;

- darüber hinaus benötige Frankreich für

seine wirtschaftliche Gesundung, die auch im Interesse der Nachbarn liege, westdeutsche Anleihen.

Bonn will - so scheint es - zunächst einmal Zeit gewinnen, um übersehen zu können, wie das Experiment de Gaulle sich entwickelt. Über neue Rüstungsaufträge an Frankreich - die den Charles von Gallien als europäische Figur noch weiter aufwerten könnten - wird nicht vor September entschieden. Klagte »Le Monde": »Bonn verhält sich gegenüber der neuen französischen Regierung ausgesprochen zugeknöpft.«

Düsenjäger-Interessent Strauß: Nur sehen und hören

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