Kap der Angst - DER SPIEGEL
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SÜDAFRIKA Kap der Angst

Moslemische Radikale rufen zum Heiligen Krieg gegen Drogenhändler, Gangsterbanden bekämpfen Bürgerwehren. In den Townships bei Kapstadt, das Olympia-Stadt werden will, wächst die Bereitschaft zur Selbstjustiz. Von Birgit Schwarz
Von Birgit Schwarz
• aus DER SPIEGEL 36/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchmal, wenn Geraldine die Schulaufgaben erledigt hat, spielt sie mit den Neffen und Nichten »Räuber und Gendarm« in den staubigen Straßen des Ghettos, in das die Ideologen der Apartheid ihre Familie einst verbannten. Wie so viele Township-Kinder ist die 13jährige zu einer Zeit aufgewachsen, da Gangster als Widerständler galten und Gesetzeshüter weder Recht noch Gnade kannten. Die Verbrecher waren immer die Helden in ihrem Spiel.

Doch seit das Land einen schwarzen Präsidenten hat, will keiner der Spielkameraden mehr den Räuber mimen. Die Banden terrorisieren inzwischen die Bevölkerung. Statt Waffen für den Befreiungskampf schmuggeln die Helden von einst heute Kokain, Crack und Mandrax, ein süchtig machendes Beruhigungsmittel.

Ihre Operationsbasen sind die Vororte Kapstadts, wo auch Geraldine zu Hause ist: die Cape Flats, eine Ansammlung von Reihenhaussiedlungen und Wohnblöcken, die etwa die Behaglichkeit von Arbeitslagern ausstrahlen.

Jugendliche Dealer lungern an den Straßenecken herum, vor den »Shebeens«, den Bierschänken, und den Pforten der Schulen. Rund 80 000 Kleinkriminelle und Schwerverbrecher stehen am Kap im Dienst von Drogenkartellen mit so schillernden Namen wie »Hard Living Kids« oder »Sexy Boys«.

Sie haben die Reviere untereinander aufgeteilt und verteidigen sie mit Waffengewalt. Sie morden, rauben und vergewaltigen Mädchen, die kaum halb so alt sind wie Geraldine. Mit Verhaftung müssen die wenigsten rechnen.

Die Rolle der Gendarmen mag Geraldine deshalb ebensowenig wie die der Räuber übernehmen. Denn dann würde sie der ewige Verlierer sein. »Die Polizei hat Angst vor den Gangstern«, sagt sie.

Furcht scheint den Vorstadtbanden nur die moslemische Bürgerwehr »pagad« (people against gangsterism and drugs) einzujagen. Militante pagad-Anhänger hatten vor gut einem Jahr den Kapstädter Drogenboß Rashaad Staggie gelyncht und damit weltweit Schlagzeilen gemacht. Seither hat Geraldine endlich ihre Rolle gefunden: Sie spielt jetzt Heiliger Krieg, Dschihad gegen Dealer und Junkies.

Seit Staggies Tod brennt fast jede Woche irgendwo in den Cape Flats ein Haus; Benzinbomben landen in den Wohnzimmern mutmaßlicher Drogendealer; mit Parolen wie »Bringt die Händler um, bringt sie um« marschieren vermummte pagad-Aktivisten durch Gangsterland. Ihre Flugblätter erklären jeden zum Feind, der sich ihnen nicht anschließt. Und weil sie sich in ihrem Urteil für unfehlbar halten, fackeln sie nicht lange, bevor sie Dächer anzünden.

23 »Akte von schierem Terrorismus« in drei Monaten rechnete das Kapstädter Sonderdezernat für Gewaltverbrechen der moslemischen Bürgerwehr an, 96mal schlugen die Gangster im gleichen Zeitraum zurück. Oft geraten dabei unbeteiligte Bürger zwischen die Fronten.

In Geraldines Viertel standen wenige Tage nach einer pagad-Kundgebung drei Häuser in Flammen, berichtet ihre Mutter Berenice. Kalaschnikow-Salven, die einem Drogenboß galten, durchlöcherten die Villa eines Schmuckfabrikanten, der das gleiche Mercedes-Modell wie der Gangster fuhr. Vier Menschen wurden erschossen, darunter ein alter Mann, der »ab und an mal einen trank, aber ganz bestimmt kein Drogendealer war«, so Berenice. Die Kugel traf ihn beim Essen.

Die Mutter teilt den Volkszorn über das Ausmaß des Verbrechens: Die Mordrate Südafrikas ist siebenmal so hoch wie die der USA, alle fünf Minuten ereignet sich irgendwo im Land ein Raubüberfall, alle 80 Sekunden wird eine Frau vergewaltigt. Weil der Staat nicht in der Lage ist, seine Bürger zu schützen, engagieren jene, die es sich leisten können, private Sicherheitsfirmen. Doch die kann Berenice ebensowenig bezahlen wie Alarmanlagen oder Stahlgitter vor den Fenstern.

Kurzen Prozeß mit dem Gegner befürwortet sie dennoch nicht. So war sie nicht begeistert, als ihre Tochter sich am Tag der pagad-Kundgebung einen ihrer Schals auslieh und sich, vermummt bis auf die braunen Augen, der moslemischen Volksfront gegen das Verbrechen anschloß.

Berenice wirkt schon allein wegen ihrer Körperfülle nicht wie jemand, der sich leicht einschüchtern läßt. Wenn ihre Arthritis sie nicht ans Bett fesselt, setzt sie sich in der Gemeinde für bessere Wohnbedingungen ein. Ihre neun Kinder hat die 52jährige mit Putzjobs durchgebracht. Irgendwann war einmal genug Geld übrig, um ein Videogerät zu kaufen. Seither präsentiert sie ihren Enkeln Kung-Fu-Stars wie Bruce Lee und Jackie Chan als Ersatz für echte Straßenkämpfe.

An jenem Tag, als Geraldine an der Seite schwarzverhüllter Frauen an ihrem Haus vorbeimarschierte, hat sie Fenster und Türen verschlossen und das Jesus-Bild über ihrem Bett angefleht, dieser Spuk möge an ihr vorübergehen.

Wie die meisten Township-Bewohner fühlt sich Berenice von der radikalen Bürgerinitiative weder verstanden noch respektiert. »Sie nennen sich Gläubige und uns Parasiten«, sagt sie und blickt gequält auf ihren Heiland mit dem blutenden Herzen. Natürlich ist sie erleichtert, daß ihre Tochter nicht Crack-Kuriere, Taschendiebe und messerstechende Maulhelden zu ihren Freunden zählt - wie jede Mutter, die fürchten muß, ihre Kinder an Drogen- oder Diebesbanden zu verlieren, weil sie ihnen den Lebensstandard nicht bieten kann, den die Fernsehwerbung verspricht. Doch sie fürchtet, die Gangster könnten an ihrer Tochter Rache nehmen.

Die Angst erstickt Aufstände gegen das Verbrechen. Wie Berenice schrecken die meisten Township-Bewohner vor Sympathiebekundungen mit jenen zurück, die sie mit Gewalt von der Gewalt befreien wollen. Denn wenn die Panzerwagen und Hundertschaften der Polizei am Ende der Kundgebungen abgezogen sind, bleiben sie mit ihrer Angst - und den Gangstern - allein zurück.

Zwar gibt sich die moslemische Bürgerwehr Mühe, nicht nur als Rächer, sondern auch als Retter aufzutreten: Per Mobiltelefon unterhält die Organisation Hotlines für mißhandelte Frauen und verzweifelte Mütter jugendlicher Fixer; ihr Notruf reagiert oft schneller als der der Polizei. Selbst Drogenfahnder heuern ihre Mitglieder als Strohmänner zur Überführung von Dealern an. Aber anders als in Geraldines Spielen haben die militanten Moslems das organisierte Verbrechen am Kap nicht eindämmen können.

Die Drogenbosse haben ihre Munitionsdepots aufgefüllt und ihre Fenster kugelsicher verglast, während pagad im ganzen Land Sympathisanten zum »Marsch für eine Nation ohne Verbrechen« mobilisiert.

Der Bruder des im vergangenen August ermordeten Bandenchefs Staggie erklärt anläßlich einer Gedenkfeier für den Gelynchten, die moslemische Volksfront »im Namen Gottes, Jesu Christi und Allahs« ein für allemal besiegen zu wollen. Und die pagad-Führung setzt ihre Anhänger mit den Worten in Alarmbereitschaft: »Ein Bürgerkrieg steht euch bevor.«

Wenige Tage bevor das Internationale Olympische Komitee über die Olympiareife Kapstadts zu entscheiden hat, droht die Fehde zwischen den Sauber- und den Dunkelmännern zu eskalieren. Der Polizeichef der Westlichen Kap-Provinz erwägt die Verhängung des Ausnahmezustands über die Cape Flats. Er hat eine Eliteeinheit aufstellen lassen: 130 handverlesene Detektive sollen die Drahtzieher der Gewalt endlich dingfest machen.

Doch die Gangsterbosse der Cape Flats haben inzwischen ihre eigene Organisation zur Verbrechensbekämpfung gegründet: das »Community Outreach Forum«, kurz »core« genannt. Core sollte der moslemischen Bürgerwehr den Wind aus den Segeln nehmen und die eigenen Mitglieder vor zermürbenden Kleinkriegen bewahren.

Mord und Totschlag, so hatten die Bandenchefs begriffen, waren schlecht fürs Geschäft - zumal in einer Zeit, da multinational operierende Kartelle aus Nigeria und Kolumbien die Kunden abzuwerben drohen.

Mit dem Argument, sie allein könnten die Stadt und ihr Umland sicherer machen, köderten die Kartelle gar die Verantwortlichen für die Olympiabewerbung. Vor die Alternative Krieg oder Frieden gestellt, schlossen die Sportfunktionäre einen Pakt mit der Gangsterinitiative. Dieser sollte die Chancen der Stadt am Tafelberg erhöhen, als erste Stadt Afrikas Olympia austragen zu dürfen. Doch statt Frieden erntete die Organisation Aufruhr.

Hunderte wutentbrannter Moslems versammelten sich vor dem Parlamentsgebäude und riefen zum Boykott der Spiele und ihrer Sponsoren auf. Die Organisatoren mußten einen Rückzieher machen und die Gangster ihre Pläne begraben, die Olympiade als Geldwaschanlage zu nutzen. Das hat Core-Sprecher Ivan Waldeck den Vigilanten nicht verziehen: »Okay. Wenn sie uns bekriegen wollen, sollen sie doch«, sagt er. »Aber laßt es uns endlich hinter uns bringen.«

In den verwaisten Büroräumen des Hauptquartiers von Core wirkt der drahtige 29jährige Mann, der seit einem Jahr den Sozialarbeiter der Organisation mimt, so rastlos wie Richard Kimble auf der Flucht.

Draußen, in den nach Unrat und Urin riechenden Gassen des Townships, spielen die Kinder mit Bierkästen und Fahrradfelgen. Zwischen den baufälligen Häusern hängen ausgebleichte Wäschestücke. Farbe in die trostlose Einöde bringt nur das Wandgemälde im Hauptquartier. Besser als lange Erklärungen drückt es aus, wie Waldeck sich und seine Mitstreiter gern sieht: als geläuterte Persönlichkeiten, die mit der Bibel in der Hand und von strahlenden Aureolen umgeben Licht in die Finsternis bringen, aus der vermummte Männer und Frauen mit Maschinenpistolen dringen.

Mit 14 Jahren war Waldeck bereits Anführer einer eigenen Gang. Damals begannen die Townships gerade, sich gegen das Apartheidregime zu erheben, und der Haß auf die Weißen entlud sich in Gewaltakten gegen mutmaßliche schwarze Kollaborateure. Teenager zündeten Busse und Schulen an, warfen Steine gegen scharf schießende Polizisten und setzten Gleichaltrige mit benzingefüllten Autoreifen in Brand. »Alles, was heute Unrecht ist, war damals erlaubt«, sagt Waldeck.

Mit 18 saß er im Knast: wegen Mordes, versuchten Mordes und Raubüberfalls. Er behauptet heute nicht, daß seine Vergehen politisch motiviert gewesen seien. Seine Schmugglerbande unterstützte Nelson Mandelas ANC, um zu überleben. Dennoch hätte er von den »Genossen« ein wenig mehr Entgegenkommen erwartet, jetzt, nach dem Sieg.

Doch das Angebot der Core-Mitglieder, ihre illegalen Profite in legale neue Arbeitsplätze zu investieren, hat bei den einstigen Waffenbrüdern keine Unterstützung gefunden. Wenn nun auch das Olympiageschäft scheitern sollte, wird es für die Gangster nur noch einen Grund für ein Stillhalteabkommen untereinander geben: die Verteidigung des Drogenhandels gegen die moslemischen Moralisten.

Polizisten kann man kaufen - oder mit ihrer Vergangenheit erpressen. Nicht ohne Grund ließ deshalb Polizeichef Leon Wessel seine neue Elitetruppe einer genauen Prüfung unterziehen. Allein im vergangenen Jahr mußte gegen 2848 Polizeibeamte wegen krimineller Delikte ermittelt werden, darunter Korruption, Betrug und vor allem Mord.

Noch immer gibt es unter den Sicherheitskräften Südafrikas etliche, die zwar gelernt haben, Aufstände niederzuschlagen und Geständnisse zu erpressen, nicht aber, Spuren zu sichern oder Beweise zu erbringen. Einige ihrer Chefs haben vor wenigen Jahren noch die Repräsentanten des Staats, dem sie heute dienen, gewaltsam bekämpft. Bei ihren Verhören pflegten Widerständler unvermittelt aus Hochhausfenstern zu fallen, Häftlinge starben an rätselhaften, »selbstzugefügten« Kopfverletzungen.

Es wird noch lange dauern, bis selbst Kinder im Alter von Geraldine Vertrauen in diese Polizei gewinnen.

Jedes Wochenende machen sich die Mitglieder der Kapstädter »Gang Unit« auf in die Townships, um den Dealern das Handwerk zu legen. Doch fast immer, wenn sie einen der Gangster festnehmen, ist der 48 Stunden später wieder frei, sind die Zeugen verschwunden oder die Ermittlungsakten. Bandenchefs, die zur Zeit der Apartheid mit Polizisten gemeinsame Sache machten, wissen um die Machenschaften von Einsatzleitern und Sonderkommandos. Das macht so manchen Polizeioffizier gefügig.

Auf ihrem nächtlichen Höllentrip durch die unbeleuchteten Siedlungen der Cape Flats feixen die Männer der Anti-GangsterEinheit über vorgesetzte Schreibtischtäter. Dann und wann bremst ihr Kleinbus mit quietschenden Reifen vor einer Gruppe Crack rauchender Jugendlicher.

Die eigentlichen Umschlagplätze für den Stoff meiden die fünf Polizisten. Dabei wissen sie genau, wer die Dealer sind und wo diese ihre Geschäfte abwickeln. »Um die auszunehmen, bräuchte man eine Armee«, meint resigniert Gerry, einer von ihnen. Warum sollte er für 900 Mark brutto im Monat sein Leben für ein sinnloses Unterfangen riskieren?

Die Gang Unit bekommt in dieser Nacht schließlich doch noch militärische Verstärkung. Ein Kokaindealer namens »Pot« soll hochgenommen werden. Den hatten pagad-Kommandos bereits vergebens einzuschüchtern versucht. Sie zerschossen ihm das Auto. Pot verschanzt sich jetzt hinter stacheldrahtbewehrten Wänden aus schwarzem Stahl.

Während Panzerwagen und Scharfschützen das Viertel abriegeln, stürmen Gerry und seine Kollegen die Festung. Sie müssen nicht einmal den Rammbock einsetzen: Das Tor steht offen, Wohnzimmer und Garage sind leer; Pot empfängt sie mit einem breiten Grinsen. Es ist Freitag abend, und nach ihrer Vorstellung hätte das Haus gerappelt voll sein müssen mit Drogenkunden.

Der Mann muß gewarnt worden sein, meint Gerry. Das versiegelte Kuvert mit dem Durchsuchungsbefehl aber wurde erst kurz vor dem Losschlagen geöffnet. Nur die Befehlshaber der hochgeheimen Operation und der lokale Polizeichef kannten den Einsatzort.

Gerry und seine Kollegen klettern müde in ihren Minibus zurück. Wieder einmal hat ein Gendarm den Räuber gespielt. »Keine besonderen Vorkommnisse« werden sie am Ende der Nacht ihrem Vorgesetzten melden.

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