KAPTIALGESELLSCHAFT
So, wie die SPD und deren Freunde von der CDU das wünschen, wird bei der »Vermögensbildung« wohl folgendes herauskommen: Die fleißigen und sparsamen Kleinen macht man quasi zu Hypothekengläubigern und -schuldnern zugleich, die ungefähr ebensoviel an Zinsen erhalten wie zahlen, während die Fetten und Faulen dabei nicht schlecht fahren dürften. Ein altes Lied mit neuer Melodie.
Berlin OTTO MASS
Ich bin ein alter Arbeiter, der von der Kaiserzeit bis heute allerhand erlebt hat. Es ist also wieder soweit, daß Minister und Gewerkschaftsbonzen unter dem Schlagwort »Vermögen für alle« dem Arbeiter das Geld für ihre Rüstungen und alle späteren Folgen aus der Tasche ziehen wollen.
Hamburg W. EISOLD
Das Liebeswerben der politischen Parteien um die Stimmen der deutschen Bundestagswähler nimmt nachgerade groteske Formen an. Mit halben Wahrheiten und ganzen Unwahrheiten versuchen die beiden großen Parteien, ihren Genossen, respektive Glaubensgenossen, das Wirtschaftswunderland anzupreisen. Kleine Fehler übersieht man geflissentlich. Wie wäre es zum Beispiel, wenn einer unserer zuständigen Experten sich einmal morgens vor einem großstädtischen Kinderheim aufbauen würde, um die Mütter, die ihre Kinder morgens um fünf Uhr aus dem Bett gerissen haben, nach ihrer Meinung zur Vermögensbildung zu befragen; auch die Sprechstunde einer Sozialfürsorgerin wäre geeignet für eine derartige Umfrage. Hamburg RICHARD FRANKE
Ich bin 23 Jahre und angestellter Industriephotograph bei einer renommierten stahlverarbeitenden Firma im Ruhrgebiet. Ich bin verheiratet, habe ein Kind und verdiene 580 Mark monatlich netto. Nun frage ich Sie wirklich, wie wollen Sie sparen oder zu einer Eigentumsbildung kommen, wenn Sie für Verpflegung pro Monat 250 bis 280 Mark, Miete 150 Mark und Heizvorräte 50 Mark ausgeben? Von den verbleibenden 100 bis 120 Mark wollen drei Familienmitglieder mit Kleidung versorgt sein. Außerdem fallen sonstige Unkosten und Neuanschaffungen in der Wohnung an. Gespart werden kann also nur, wenn die Frau mitarbeitet. Unzweifelhaft führte dieser Faktor letztlich mit zum »deutschen Wirtschaftswunder«.
Dortmund DIRK MAY
Welch schiefes Bild Statistiken - und speziell Lohnstatistiken - hervorzaubern können, liegt auf der Hand. Man nehme zum Beispiel zehn Prozent Arbeitnehmer mit 800 Mark, 30 Prozent mit 600 Mark und 60 Prozent mit 400 Mark Netto-Einkommen, dividiere durch hundert und siehe da, das Durchschnittseinkommen beträgt dann 500
Mark. Eine beliebte Methode unserer, ach, so sozialen Gesellschaftsordnung, der großen Masse mit kleinem Einkommen 100 Mark in die Tasche zu lügen. Denn nicht einmal die Hälfte aller Arbeitnehmer hat tatsächlich Netto-Einkommen zwischen 600 und 800 Mark. Das ist nur bei qualifizierten Facharbeitern der Fall, und nur dort sind die Wohlstandsattribute Fernseher und Auto anzutreffen. In den lebenswichtigen Wirtschaftszweigen - außer der Industrie - werden Löhne gezahlt, die der Phrase vom »Wohlstand für alle« spotten.
Augsburg ERICH SCHÜTZE
Als vermögensloser Arbeitnehmer möchte ich gerne in 35 Jahren ein Kapital von 320 000 Mark ansparen. Bitte, teilen Sie mir doch mit, wo ich sofort die 42 000 Mark Grundkapital erhalten kann.
Eßlingen EBERHARD MENZEL
Meiner Ansicht nach ist es unverantwortlich, die Arbeitnehmer immer wieder zum Sparen aufzufordern, wenn nicht die Gewahr gegeben ist, daß die Sparguthaben auch sicher und
wertbeständig
sind. Zur Zeit sind sie das nicht, denn die Zinsen werden durch die ständigen Preiserhöhungen auf allen Gebieten wieder aufgefressen. Ehe nicht die Regierung, die Parteien und die Gewerkschaft energisch und eventuell auch mit unpopulären Maßnahmen gegen die dauernde Preistreiberei angehen, kann man kein Vertrauen in die Zukunft haben. Herr Erhard ist sich doch wohl selber klar, daß mit väterlichen Ermahnungen nichts erreicht werden kann. Freiwillig gibt niemand einen Pfennig her oder legt seinem Gewinnstreben Zügel an.
Hildesheim ALFRED CZEICKE
Könnte nicht den Eigentümern von Sparguthaben (private Einzel- und Gruppensparer) die Wahl geboten werden, ihre Sparrechnungen entweder wie bisher zu einem Satz von fast vier Prozent oder wertbeständig zu nur zwei Prozent verzinsbar anzulegen? (Beide Arten mit gleicher Verfügungsmöglichkeit?) Die letzteren Spar-Konti hätten neben zwei Prozent noch zusätzlich Anspruch auf ein jährliches, der Geldentwertung im laufenden Jahr entsprechendes Aufgeld (zur Zeit vielleicht zweieinhalb Prozent, berechnet auf dem kleinsten Guthaben in den letzten fünf Jahren). Ebenso könnten Schuldverschreibungen und Pfandbriefe in zwei Varianten ausgegeben werden. Damit würde das nominelle Sparen wieder sinnvoll und die Jagd nach Sachwerten
gedämpft. Daß Sparguthaben Wertbeständigkeit verliehen werden sollte, wird immer mehr anerkannt, wenn auch zögernd und verklausuliert. Spar-Ermunterungen wie Steuervergünstigungen, hohe Zinssätze und so weiter haben nur fraglichen Wert, da sie bei anhaltender Inflation zerrinnen.
Basel PAUL MÜLLER
Leider ist es graue Theorie, wenn der Regierungsentwurf zur Novellierung des Vermögensbildungsgesetzes jetzt auch Tarifverträge zulassen oder richtiger nicht mehr ausschließen will. Bislang hat nämlich, von der Öffentlichkeit unbemerkt, der Entwurf von Bundesminister Blank im Kabinett ganz erhebliche Änderungen erfahren. Ganz im Sinne der Arbeitgeber-Stellungnahmen, nachzulesen im Oktober-Heft von »Recht und Arbeit«, ist alles dafür getan worden, daß tarifvertragliche Abmachungen zur Vermögensbildung der Arbeitnehmer nur noch rein platonischen Charakter haben können.
Der Paragraph 1 des Tarifvertragsgesetzes schließt nämlich die Wirksamkeit solcher Abmachungen aus (Zweckbindung von Lohn- oder Gehaltsteilen auch zur Eigentumsbildung), es sei denn, das Vermögensbildungsgesetz sieht ausdrücklich tarifvertragliche Vereinbarungen vor, wie es noch in dem Referentenentwurf des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung der Fall war. Abgesehen davon ist durch die vorgesehene Möglichkeit, bisher schon gewährte Sozialleistungen auf tarifvertragliche Vereinbarungen über vermögenswirksame Leistungen anzurechnen und auch Teile des Arbeitslohnes auf Wunsch des Arbeitnehmers in das Gesetz einzubeziehen, die ursprüngliche Absicht des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung, durch zusätzliche Leistungen der Arbeitgeber zu einer gerechteren Vermögensverteilung zu kommen, weitgehend verwässert worden.
Hamburg GERDA M. HESSE
Mitglied des Bundesvorstandes der Deutschen Angestellten -Gewerkschaft
In Ihrer »Bilanz des Wohlstandes« stellen Sie zur Illustration der Vermögensbildung in der Bundesrepublik einige Tatbestände einander gegenüber, die unseres Erachtens nicht ohne weiteres vergleichbar sind. So stellen die angeführten »Bausparsummen« der Arbeitnehmer nur die Summen aller in einem Jahr neu abgeschlossenen Bausparverträge dar; dabei handelt es sich jedoch lediglich um vertraglich gesicherte Sparziele. Tatsächlich eingezahlt wurden auf Bausparverträge 1963 4,9 Milliarden Mark. Noch zweckmäßiger wäre es allerdings gewesen, wenn man die Ende 1963 vorhandenen Bausparerguthaben bei den Bausparkassen aufgeführt hätte. Das für die Vermögensbildung wichtige Kontensparen wird in Ihrer Darstellung lediglich durch die Guthaben bei den Sparkassen repräsentiert. Tatsächlich betrugen die Spareinlagen von Wirtschaftsunternehmen und Privaten bei allen Kreditinstituten 75 Milliarden Mark, davon entfielen 46,2 Milliarden Mark auf die Sparkassen.
Frankfurt DEUTSCHE BANK
Pressestelle
Soweit es die Titelgeschichte betrifft, ist sie trotz ihrer schnoddrigen Bissigkeit noch eine sachliche Information. Was die Kugelschreiberpaladine Ihres Herrn Brawand in dem SPIEGEL-Gespräch aber mit dem Gralshüter Dollinger zurechtgeritten haben ... Man erstarrt förmlich in Hochachtung und Bewunderung, weil man endlich darüber aufgeklärt wird, wie die Besitzer der Produktionsmittel sich dieses Eigentum durch Fleiß, Arbeit und Sparsamkeit erworben haben. Man ist gerührt von der Selbstlosigkeit, mit der die Besitzer der Produktionsmittel dieses Eigentum erhalten und mehren; obwohl sie nichts weiter als Mühe und Sorge daran haben, deswegen täglich neue Angstzustände bekommen und frühzeitig mit Herzeleid In die Grube fahren.
Dortmund WERNER KLANN
In dem Gespräch sagt Herr Dollinger wörtlich: »Der Zwang zur Sparsamkeit im Interesse einer Alterssicherung ist für den Arbeitnehmer unter den jetzigen Verhältnissen nicht mehr gegeben.« Dieser haarsträubende Unsinn wird von Ihren Redakteuren vollinhaltlich unterstrichen. Empfehle Herrn Dollinger und seinen Gesprächspartnern das Studium des Sozialberichts der Bundesregierung für das Jahr 1963. Danach beträgt die durchschnittliche Witwenrente in der Arbeiterrentenversicherung 140,50 Mark und in der Angestelltenversicherung 207,70 Mark. Per Saldo ist es erstaunlich, mit wie wenig Sachverstand man Bundesminister und SPIEGEL-Redakteur werden kann (zumindest was das hier angeführte Gespräch betrifft).
Neunkirchen (Nordrh.-Westf.)
KARLHEINZ SAUER
Vermögens-Titel