GOERGEN Kaputt
An der Tür zum Zimmer 157 der
Städtischen Krankenanstalten Kemperhof in Koblenz hängt schief ein Pappschild. Darauf hat eine ungelenke Hand mit schwarzer Tusche geschrieben: »Besuche strengstens untersagt.«
Patient im Krankenzimmer 157 ist Fritz-Aurel Goergen, Chef und Mehrheitsaktionär der Henschel-Werke AG, dem vorgeworfen wird, er habe die Bundesrepublik betrogen und gegenüber seinen Mitaktionären Untreue begangen. Am 9. Juni 1964, als Goergen eine Kaution von 8 484 200 Mark stellte, wurde der Polizeiposten vor seiner Tür eingezogen. Seitdem ist er vom weiteren Vollzug der Untersuchungshaft verschont«.
Rechts in der Zimmerecke steht ein Sofa. Auf ihm liegen ein tragbares Fernsehgerät - die Antenne zum offenstehenden Fenster hinausgesteckt - und ein Plattenspieler; daneben eine knallbunte Plattenhülle mit dem Konterfei des Heimwehsängers Freddy Quinn.
In Reichweite des Bettlägerigen ist ein fahrbares Tischehen mit Obsttüten einem Kofferradio, dem Taschenbuchkrimi »Zu viele Koche« und einem Photo seiner Frau Dagmar vollgepackt, die ihren Mann wegen Verdunkelungsgefahr nur alle zehn Tage besuchen darf.
An der Wand hängt ein winziges Ölgemälde. Es stellt seine fünfjährige Tochter Aurelia dar, die seit »Papis Krankheit« bei Großmutter in Lugano wohnt. Nur die zweijährige Viktoria, begleitet von Kinderschwester Josefa, darf täglich zu Besuch kommen.
Goergens Sonnenbräune ist dahin. Dennoch verzichtet er nicht auf sein Markenzeichen aus besseren Tagen: Die dunkle Brille macht sein ausgezehrtes Gesicht noch bleicher. Immerhin ist seine Aggressivität noch nicht ganz erloschen:
Er protestiert: »Die haben mich kaputtgemacht.« Man habe ihn kaputtgemacht, indem man ihn einfach einsperrte. »Lieber 20 Jahre Strafarbeit im Bergwerk«, lamentiert Goergen. Und: »Wie die mich behandelt haben.«
Goergen erinnert sich: Nach einem Essen mit Kanzler Erhard am Vorabend der Hannover-Messe habe er seine Frau angerufen. »In der Bierschwemme stand ich dann einen Augenblick allein da, und dann waren sie plötzlich da. Sie zeigten den Haftbefehl und tasteten mich nach Waffen ab.« Goergens nächste Stationen waren Kassel und die Festung Hohenasperg.
Die Krankenhaustracht, die er bald anlegen mußte, hält er für »Sträflingskleidung«. Zum Essen habe man ihm einmal drei Heringe in die Zelle gereicht. Goergen: »Die habe ich natürlich nicht gefressen.« Deutlich erinnert der verschonte U-Häftling sich, daß er aus einer Blechtasse trinken mußte, von der die Emaille abgesprungen war.
Er klagt, von den Rechten eines U -Häftlings habe er nicht viel verspürt. Mehrfach sei ihm, etwa wenn es sich um das Recht auf private Beköstigung handelte, bedeutet worden: »Wir sind hier nicht darauf eingerichtet.«
In der Festung Hohenasperg fühlte »Prinz Aurel« sich behandelt wie ein Landstreicher, der alljährlich im Herbst ein Ding dreht, um den Winter in der warmen Zelle verbringen zu können. Als von ihm ein Elektrokardiogramm gemacht wurde, fragten ihn die Sanitäter: »Na, wie oft warst du denn schon hier?«
Wenn er allein ist und die Herzschmerzen nachlassen, überlegt Goergen, wem er wohl seine Inhaftierung verdankt. Er geht immer wieder die Reihe seiner vermeintlichen Feinde durch, und er landet immer wieder bei denselben Namen.
Der Großaktionär sinniert auch darüber, ob er seine Aktienmehrheit der Henschel-Werke verkaufen soll. Ihm - dem einzigen Großmanager der Nachkriegszeit, dem der Sprung zum Großindustriellen glückte - fällt das besonders schwer.
Einmal ist er dazu entschlossen, das nächste Mal richtet er sich in seinen Kissen auf und spricht von »kämpfen« und von »denen werde ich es zeigen«. Dann wieder fragt er sich und andere: »Bin ich denn ein Betrüger?«
Wenn nichts mehr hilft, läßt der haftverschonte Industrieboß jene Schallplatte laufen, die ihm sein Henschel -Vorstands-Team geschenkt hat. Auf ihr singt Freddy Quinn den Inhaftierten -Schlager »Junge, komm bald wieder«.
Beschuldigter Henschel-Chef Goergen*
Ein Blechnapf und drei Heringe
* SPIEGEL-Titel 19/1964.