Millennium-Bilanz: Gesellschaft und Sport KAROS, KEIME UND KONDOME
SPRUNGBRETT DER STRASSE
Der deutsche Nahverkehr schürt bisweilen klaustrophobische Angstzustände in S- und U-Bahnen. Doch der Sommer brachte überraschend Entlastung im Transport-Terror. Beinahe über Nacht brach eine wahre Bürgerbewegung aus, die Selbstfahrerwelle schwappte durch die Metropolen. Ob Graubart oder (Ex-)Internet-Millionär, ob flotte Biene oder lahme Ente, Deutschland stieg aufs Brett. Mit den Alu-Kickboards saust die Nation seitdem durch die Innenstädte und kurvt auf dem Trottoir um eine aussterbende Rasse herum: den Fußgänger.
GROSSES KARO
Wahrscheinlich hatte Roberto Menichetti den Minimalismus so richtig satt. Fünf Jahre lang schneiderte er Kleider für Jil Sander: streng, kalt, einfarbig, am besten schwarz. Wie glücklich muss der Designer gewesen sein, als er zu Burberry nach London gerufen wurde. Dessen Markenzeichen ist das weiß-schwarzrote Karo auf sandfarbigem Grund. Der Designer war so angetan, dass er gleich alles mit dem Traditionskaro versah, Hosen, Jacken, Blusen, Taschen. Die Kunden zeigten sich genauso erfreut, denn Burberry konnte zwischen März und September 2000, im Vergleich zu 1999, seinen Gewinn mehr als versechsfachen. Dieser Erfolg blieb nicht unbemerkt, weshalb andere Modefirmen das Karo imitierten - aus dem zeitlosen Karo wurde ein Trend, dessen Zeit am Jahresende schon wieder abgelaufen war.
HÄPPCHENKULTUR
So gesund sollte Sushi sein:
frischer Fisch, der nie Tiermehl gefressen hat, die Vitamine nicht weggekocht, fast kein Fett. Doch der Yuppie-Tagesteller, so fanden Lebensmittelchemiker heraus, wird von bis zu 350 Millionen Keimen pro Gramm bewohnt. Nun werden sich Fitness-Vernarrte wohl mit dem Klebreis allein begnügen müssen. Der hat nahezu überhaupt kein Fett.
HEHRES WEIB
Manchmal kommt selbst das organisierteste Frauenleben in Wallung, und es gibt ordentlich Unordnung und später Leid. Schön hatte es sich Hera Lind eingerichtet mit Lebensgefährtem und vier Kindern. In kölnischer Idylle entstanden ihre Schmalzschmöker, und die Nation ließ sich blenden vom Superweib, das alles unter dem wetterfesten Dach der Liebe zu vereinen wusste. Doch dann schlug doch noch der Blitz ein. Hera traf auf einen Herrn namens Engelbert Lainer, verliebte sich, verließ den Lebensgefährten und die Kinder - und verkaufte ihre Love-Story an die »Bunte«. Ein Fehler. Andere Boulevardmagazine schossen scharf: »Hera, die Rabenmutter«. Da half es auch nicht, dass das Superweib in Talkshows gegen Geld um Gnade tingelte.
LÄNGE MAL BREITE
Ausgerechnet Pro Familia legte eine Studie vor, wonach für rund 20 Prozent der deutschen Männer das deutsche Standard-Kondom zu groß ist und deswegen beim Gebrauch abrutscht. Das Durchschnittsmaß liegt angeblich bei 14,48 Zentimeter Länge und 3,95 Zentimeter Breite im aktivierten Zustand. Jeder fünfte deutsche Mann hat weniger.
COMPU-CLAUDIA
Da steht sie nun hochglänzend hinter Glas und tut für den Textilriesen H&M das, wofür sie bezahlt wird: Sie sieht gut aus, und wie! So schön war keine, bei den sieben Zwergen nicht und hinter den sieben Bergen auch nicht. Und weil jede Märchen-Fee das Böse anzieht, reichte der Hamburger Comedian Thomas Hermanns ("Quatsch Comedy Club") via »Süddeutsche Zeitung« gleich der Schiffer-Gesellschaft den Giftapfel: Unsere Claudia sei eine Computer-Schimäre, per Maus auf Parademaß getrimmt. Ja und? Passt doch in die Karriereplanung. In dem Film »The Sound« geisterte sie schon als Simulation umher, und kurz vorm Fest warb sie für einen zierlichen Taschen-PC mit ihrem Namen. Da ist doch so ein bisschen virtuelle Busenblähung nur der dot auf dem i.
OBJEKTIV DANEBEN
Sepp Herberger sagte: »Der Ball ist rund.« Deutschland wurde Weltmeister. Später kam Erich Ribbeck. Der sagte: »Grundsätzlich werde ich versuchen zu erkennen, ob die subjektiv geäußerten Meinungen subjektiv sind oder objektiv. Wenn sie subjektiv sind, werde ich an meiner objektiven Linie festhalten. Wenn sie objektiv sind, werde ich überlegen und vielleicht die objektiven subjektiv geäußerten Meinungen der Spieler mit in meine objektive einfließen lassen.« Deutschland schied in der Vorrunde der Europameisterschaft aus.
GUT AUFGEPASST
Sie war die gute Fee der
deutschen WM-Bewerbung. Einen Tag und eine Nacht war Claudia Schiffer für die gute Sache im Einsatz. Wohnte Tür an Tür mit Boris und Franz. Eingeklemmt wie ein Fleischklops im Hamburger gewissermaßen. Und? Was ist passiert? Nichts. Nicht schwanger. Frau Schiffer ist der Glückspilz des Jahres.
FÜR DIE EWIGKEIT
Es gibt Sätze, die verdichten ein großes Drama zu einem einzigen, winzigen Satz. »Sein oder Nichtsein« ist zum Beispiel so ein Satz, Shakespeares Hamlet hat ihn gesagt. Das ist nun auch schon wieder 400 Jahre her, danach wurde vergleichsweise zweitklassige Ware geboten. Bis Christoph Daum kam. Gerüchte, Haartest, Kokain, Flucht. Mittendrin trat Reiner Calmund auf, der Hamlet vom Bayer-Werk. Er sah Daum in die Augen und sprach einen Satz für die Ewigkeit: »Christoph, wenn du krank biss, verzeih isch dir.«
KAISERS FRUCHT
Franz Beckenbauer hat die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland geholt. Er hat sich aufgeopfert für das Heimatland. Reiste hinaus in die weite Welt, kam zwischendurch nach Hause, befruchtete eine Angestellte aus dem Fan-Artikel-Versand und musste wieder weg. Während der kleine Johann heranwuchs, warb der Vater in der Fremde um Stimmen. Das ging nach seiner Erinnerung so: »Wir haben eure Speisen gegessen, wir haben euren Wein getrunken ...« Und dann, alter Schwerenöter? Wir haben doch wohl nicht auch noch eure Mädels ...? Und was kommt als Nächstes? Ein Johann mit Negerlöckchen vielleicht?
ROTE HAARE, HELLE WIMPERN
Wie blind sind wir gewe-
sen. Haben geglaubt, wenn morgens bei Beckers der Wecker klingelt, gäbe es erst Kuschelsex mit Boris und Barbara und dann Frühstück am Bett mit Noah und Elias. Tatsache ist: Das Kind, das von der dunkelhäutigen Russin Angela Ermakowa im Kinderwagen durch London geschoben wird, ist rothaarig und von hellem Wimpernwuchs. Es guckt, wie Boris früher guckte, wenn er in den Tie-Break musste. Es soll im Wäscheraum eines Hotels passiert sein, sagt die Russin. Ratzfatz. Jetzt ist Babs weg und die Klage da. Bum, bum. Alles wie früher. Er konnte eben noch nie das Tempo aus dem Spiel nehmen.
REPORTER DES SATANS
Tatsache ist: Rolf »Töppi«
Töpperwien, die Synthese aus Marty Feldmann und »Kicker Sportmagazin«, stand eines Sonntags in seinem Schlafzimmer und brannte. Er hatte mit Streichhölzern an einer Flasche 80-prozentigen Stroh-Rums gezündelt, und dann gab es eine Feuersbrunst. Theorie, und zwar Töpperwiens Theorie, ist: Am Abend vorher hat ein Unbekannter das Bierglas des ZDF-Sportreporters mit einer Ecstasy-Tablette verseucht. Die Wahrheit ist: Rolf Töpperwien bekam 60 Blumenbuketts, 20 Geschenkkörbe und 981 Briefe ins Krankenhaus geschickt.
TRÄNEN LÜGEN NICHT
Im Jahr zuvor sah man den Konkurrenten Mika Häkkinen einsam am Rand der Piste stehen und weinen. Es war in Monza, und der Grund war ein Fahrfehler. Dreher, Leitplanke, aus. Später wurde Häkkinen Weltmeister. Diesmal gewann Michael Schumacher in Monza, und danach brach er hinterm Mikrofon etwas unvermittelt in Tränen aus. Einfach so. Stumpf drauflosgeheult. Warum, weiß keiner. Aber es hilft. Schumacher wurde Weltmeister.
DER FLUCH DER REGEL
Lamberto Vacchi war in Sydney zum zweiten Mal bei Olympia. Aber noch nie hatte die Welt auf den Mann aus Italien geschaut. Er ist Kampfrichter in der Sportart Gehen. Beim Gehen, heißt es im Reglement, müssen die Geher immer einen Fuß auf der Erde haben. Dann kam der Tag, an dem die Australierin Jane Saville an Lamberto Vacchi vorbeiging. Sie war schon 19,8 Kilometer gegangen, bei sengender Hitze. Sie war noch 200 Meter vom Ziel entfernt. Sie war die Erste. Ein paar Schritte fehlten noch, dann wäre Jane Saville eine Heldin Australiens geworden. Als sie daran dachte, war sie für einen Moment mit beiden Füßen in der Luft. Lamberto Vacchi stand genau neben ihr. Er zog eine rote Karte aus seiner Tasche. Jane Saville durfte nicht mehr weitergehen, war disqualifiziert.
Geh, Lamberto, geh.