Kasse
Frankreichs neuer Staatshaushaltsvorstand Henri Queuille bekommt das September-Haushaltsgeld für Marianne nicht zusammen. 30 bis 40 Milliarden Franken hat ihm Ex-Premier Schuman in den Staatskassen übriggelassen. Die Monatsausgaben sind auf über 100 Mrd. Franken angestiegen. Schon Schuman hatte Frankreichs Notenpresse wieder anlaufen lassen. Der Notenumlauf betrug am 28. August 844,9 Mrd. Franken. Am 2. September waren es bereits 877,4 Mrd. Der Fehlbetrag des Schatzamtes bis zum Jahresende wird auf 170 Mrd. Franken geschätzt. Queuille, der sein eigener Finanzminister ist (René Mayer lehnte ab), will 80 Mrd. Franken durch eine 30prozentige Steuererhöhung für Geschäftsgewinne, durch Verdoppelung verschiedener Postgebühren, durch 60prozentige Verteuerung von Tabak und Zigaretten (Staatsmonopol) und durch Preiserhöhungen für Alkohol und Treibstoffe einbringen. Den Rest könnte die Bank von Frankreich leihen, wenn sich die französische Regierung in ihren ERP-Verträgen nicht verpflichtet hätte, in diesem Jahr keine Anleihen mehr bei ihr aufzunehmen. Die kommunistischen, christlichen und antikommunistischen Gewerkschaften Frankreichs ziehen in seltener Eintracht Queuille die Lohn-Daumenschrauben an und ziehen ihm in Paris (Straßenkämpfe, 47000 Reynaud-Arbeiter streiken) und Marseille die Generalstreikschlinge enger um den Hals. Bei 335 zu 229 Stimmen verbuchte Dr. med Queuille am Dienstag mit der Verschiebung der Debatte über die Zusammensetzung seines Kabinetts praktisch sein erstes Vertrauensvotum.
Wie weiland der große Korse versucht jetzt Charles de Gaulle durch zündende Reden die Herzen der Südfranzosen für sich zu entflammen. Ebenso wie die Kommunisten sind auch seine Anhänger nicht im Queuille-Kabinett vertreten obwohl Henri Queuille 1943 Vizepräsident der Provisorischen Beratenden Versammlung war, die de Gaulle in Algier errichtet hatte. »Man bezeichnet mich als einen Napoleon; ich bin aber General de Gaulle, der die Freiheit auf seine Fahnen geschrieben hat«, erklärte er in Toulon. In Cannes und Antibes wurde er mit Musik und Ehrenfrauen in den Rathäusern empfangen. In Nizza begrüßten ihn Tausende mit dem Ruf »De Gaulle an die Macht!« »Wir kommen bald an die Macht,« beschwichtigte der lange Wunderdoktor mit der Sammlungsmedizin. Kehrreim seiner Reden ist die Forderung von sofortigen Neuwahlen.