KATERIDEE - DER SPIEGEL
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Briefe

KATERIDEE
• aus DER SPIEGEL 20/1958
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KATERIDEE

Es ist erschütternd, in welcher Weise man im »Ernstfalle« - und sei es vorerst nur auf dem Papier - durch Evakuierung aus dem 150-Kilometer-Streifen längs der Zonengrenze 14 Millionen neue Flüchtlinge zu schaffen bereit ist. Wenn dieser Evakuierungsplan nicht in einer seriösen Zeitschrift erschienen wäre, müßte man unterstellen, daß er einem kranken Hirn entsprungen ist. Da führende Militärs für die Herausgabe der Zeitschrift »Wehrkunde« die Mitverantwortung tragen, kann man die Verantwortung für diese Veröffentlichung auch nicht nur dem Autor allein zuschreiben; denn er ist als Major nur das ausführende Organ höherer Dienststellen.

Köln BERTHOLD GRAMSE

»... sich für nix mehr herzugeben und nur noch stur meinen Papierkrieg hier zu führen« - das hätte dem Major Wilhelm Kohler besser angestanden, bevor er seine genialen strategischen Evakuierungspläne den noch Seßhaften auf den Tisch legte. Um 14,205 Millionen bundesdeutsche Menschen in Marsch zu setzen, denen man immerhin das Prädikat »Individualisten und zudem noch Zivilpersonen« einräumt, gehört einiges mehr an Übersicht, als sie der Major bei seiner Landkarten-, Hartverpflegungs- und Preßstrohstrategie bekundet. - Die Naivität bei der Einschätzung künftiger Ereignisse ist kaum zu überbieten, wenn ein fünftägiger Spaziergang von Braunschweig bis kurz hinter Bielefeld (das Wehrbereichskommando in Stuttgart liegt ja bereits in der »gesicherten« Zone) ausreicht, um dem zu entgehen, weshalb man diesen Schreibtischzauber ausarbeitet.

Braunschweig F. W. LEHMHAUS

Das »Unternehmen« der Sandkastenstrategen und Planplauderer ist - neben aller Frivolität eines solchen Versuches - ein typisches Beispiel für die in jenen maßgeblichen militärischen Kreisen herrschende laienhafte Auffassung über die derzeitige Situation. Aber derartige Papierstrategen, die zeitweise solchen Unsinn verzapfen, gab es eh und je.

Heidelberg ERWIN DRINNEBERG

Mit dem Bericht des Major Kohler soll doch nichts anderes bezweckt werden, als wieder mal den deutschen Michel scheu zu machen. In ihm soll eine Angstpsychose vor einem neuen Kriege erzeugt werden, damit er schließlich einsieht, die Bundesrepublik kann ohne Atomwaffen nicht auskommen.

Lauda (Baden) URSULA FRÖSCHLE

Es ist immerhin bemerkenswert, daß die offiziöse Spinnerei von der rechtzeitigen Freimachung eines 150-Kilometer-Atomsperrgürtels dem Gegner unterstellt, er könne für die »Individualisten«-Karawanen und -Campingplätze nicht das gleiche Interesse zeigen, das die Chefplaner einst dem mit Evakuierten vollgestopften Dresden entgegenbrachten.

Braunschweig KURT FRÖSCHKE

In dem Gedichtbändchen »Die militärischen vier Jahreszeiten« hieß es:

Generalstab hat vorher schon Ideen inhaltschwer.

Der Kohler-Plan dürfte allerdings zur Klasse der Katerideen zählen, auf die emsige Ressortbearbeiter leicht verfallen. Auch Statistiker laufen oft Gefahr, das Ganze nicht mehr zu sehen.

Wuppertal DR. HEINZ E. VON MALTITZ

Die »beruhigende« halboffiziöse Darstellung über die sich im nächsten Kriege ergebenden Möglichkeiten zum Schutz der Zivilbevölkerung lassen einen unmittelbaren Schluß auf die naiven und gefährlichen Plänemacher zu. Mag man uns heute noch »ver-Kohlern«, morgen ist die Geschichte schon diskussionsreif, um übermorgen bedenkenlos praktiziert zu werden.

Bremen PAUL-H. RANZE

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