Moritz Pfeil KAUMANN
Der Ministerialdirigent Dr. Heinrich Kaumann, 53 Jahre alt, ist Abteilungsleiter im Bundesverteidigungsministerium. Neben sich hat er fünf zivile und fünf militärische Abteilungsleiter, über sich nur den Staatssekretär und den Minister. Er ist einer von elf Spitzen-Beamten, die den 15-Milliarden-Haushalt des Bundesverteidigungsministeriums bewirtschaften.
Wenn solch ein Mann eine unglückliche, um nicht zu sagen erbarmungswürdige Figur macht, wenn er sich vor Gericht in strafrechtlich erhebliche Widersprüche verwickelt, wenn er eine von ihm selbst abgegebene eidesstattliche Versicherung als möglicherweise falsch bezeichnen muß, dann ist das ein Alarmsignal. Entweder ist solch ein hoher Beamter eine taube Nuß - und dagegen spricht im Falle Kaumann beinahe alles -, oder in der Ministeriumsspitze ist etwas faul.
Seit Wochen erlebt die deutsche Öffentlichkeit das faszinierende Schauspiel eines Verteidigungsministers und Oberbefehlshabers der Bundeswehr in Friedenszeiten, der seine höchsten Untergebenen nicht nur nicht deckt für Fehler, die sie begangen haben, sondern der sie über eigenen Minister-Sünden in den Untergang reitet. Wer oder was hat einen Kaumann dazu gebracht, dem Lothar Schloß innerhalb weniger Stunden eine weitreichende Empfehlung auszustellen, vom Minister unterschrieben? Wer oder was bringt ihn dazu, am 3. Februar 1962 eine eidesstattliche Versicherung abzugeben, die er in einem wichtigen Punkt am 8. Februar 1962 ergänzen, sprich berichtigen muß? Wer oder was treibt ihn, diese schon einmal »ergänzte« eidesstattliche Versicherung in dem wichtigsten Punkt - ob er nämlich das Empfehlungsschreiben für Schloß mit dem Minister persönlich besprochen habe - wieder zurückzunehmen? Welcher Druck wird hier von wem über welche Kanäle geltend gemacht?
Wenn Kaumann und Strauß zusammen einen Fehler begangen hätten - Strauß, indem er dem Kumpel Kapfinger etwas zuschanzen wollte, Kaumann, indem er vor diesem Ansinnen in die Knie ging -, dann hülfe doch nur eines: Strauß müßte den Dirigenten entlasten und die Verantwortung auf sich nehmen. Fehler, auch Spezi-Fehler, können ja gemacht werden. Aber dadurch, daß der Minister sich hinter Kaumann verschanzt ("Ich bin durch Kaumann zu der Empfehlung gebracht worden") und die viel zu kleine Figur Kaumanns schlotternd den Minister zu decken sucht, entsteht eine tragikomische Laokoon -Gruppe.
Jeder sieht, daß Kaumann die Empfehlung nicht von sich aus gegeben hätte. Angesichts dieses offenkundigen Sachverhalts wirken die Vertuschungsmanöver kläglich. Will Strauß den Kaumann entgelten lassen, daß er in seinem Ministerium jeden Widerstand niederzuwalzen liebt? Hat er so wenig Gefühl für Offiziers-Ehre, daß er in persönlicher Bedrängnis ehrenhafte Beamte an seiner Statt über die Klinge springen läßt? Dann hätte er sich nicht an die Spitze der Bundeswehr drängen sollen.
Unglücklicherweise ist der Oberbefehl in Friedenszeiten mit dem Amt des Verteidigungsministers verbunden. Strauß, der in Tagesbefehlen bombastisch als »Inhaber der obersten Befehls- und Kommandogewalt« zu paradieren liebte, eignet sich aber weniger zum Oberbefehlshaber als manch einer seiner Konkurrenten. Er ist Parteimensch geblieben, und zwar ausschließlich Parteimensch.
Das staunenswert Absurde in der Sache liegt einmal mehr in der Leichtigkeit, mit der Minister in Deutschland ihrer Verantwortung zu entschlüpfen suchen. Wenn es so wäre - wir alle wissen, es ist nicht so -, daß der Beamte Kaumann einen dringlichen Hinweis seines Ministers mißverstanden hätte, so bliebe doch immer noch bestehen, daß die Dienstaufsicht im Hause Strauß keine Dienstaufsicht ist, sondern ein Drauflos- und In-alles-Hineinregieren, vor dem niemand sicher sein kann. Wer, wenn nicht der Minister selbst, soll dafür verantwortlich zeichnen?
Es ist die Schuld und die Verantwortung des Ministers, wenn seine Leute jeden seiner Hüster mit eilfertigen Erlassen beantworten. In der Fibag-Angelegenheit hat er nicht nur gehustet. Aber vorher war da ja die Aufgabe, den stellungslosen Schloß in Brot zu setzen. Der Hauptmann im Ministerbüro hat auf die Minister-Empfehlung mit einer »völlig freien Variation meinerseits« reagiert, mit einer »Formulierung, die nicht die glücklichste war«. Der Ministerialrat Riedel hat sich »als Briefträger« gefühlt und betätigt. Er hat aber gleichwohl die »Bitte« und den »Wunsch« des Ministers nicht als »Weisung« aufgefaßt. Wird dem Minister nicht schwindlig, wenn er daran denkt, wieviel brave Leute sich jetzt um seinetwillen in Prozeß -Gefahren begeben müssen, nur weil ihr Oberbefehlshaber nicht die Courage hatte, einen, zugegeben groben, Fehler einzugestehen?
Vernehmungen von Ministerialbeamten waren auch früher schon und sind wohl immer eine Ohrenweide. Aber bei früheren Gelegenheiten ging es doch um bürokratische Unzulänglichkeit und Hypokrisie, nicht aber um den Geist respektive Ungeist, mit dem ein rücksichtsloser Machtmensch sein ganzes Haus zu durchdringen wußte.
Zweifelt noch jemand daran, daß die Durchleuchtung der Fibag-Praktiken nur einen Bruchteil des unter Wasser treibenden Eisbergs sichtbar macht?